Mitschrift: Christliches Abendland?

Religionen im Gespräch 18, 2015

Gäste:
Prof. Dr. Michael Borgolte, Berlin
Prof. Dr. Stefan Schreiner, Tübingen
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen im Haus der Religionen zum 18. Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem Thema: Christliches Abendland? Die kulturellen Wurzeln Europas und was wir dafür halten.

In den letzten Wochen ist es etwas ruhiger geworden um das Thema, aber wenn ich zwei Monate zurück denke, dann ging es mir so, dass ich, wann immer ich das Radio oder den Fernseher eingeschaltet habe, eine Nachricht gehört habe, in der die vier Buchstaben GIDA vorkamen: „gegen die Islamisierung des Abendlands“. Also: PEGIDA – Patriotische Europäer geben die Islamisierung des Abendlands, oder LEGIDA, MAGIDA, KAGIDA und wie sie alle hießen und heißen.

Diese Gruppen sind im Jahr 2015 und im Jahr 2014 überall in Deutschland entstanden und zum Teil immer noch aktiv. Mit ihnen ist das Thema „Abendland“ plötzlich überall präsent. Und wenn man dann einmal nachschaut, stellt man fest, dass es ist nicht erst durch diese Gruppen nach oben gespült worden ist, sondern dass dieser Begriff auch andernorts eine wichtige Rolle spielt. In unseren Schulgesetzen zum Beispiel wird er häufig verwendet.

Sehr prominent geworden ist kürzlich die einschlägige Wendung im Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen, denn sie wurde im Bundesverfassungsgerichtsurteil über das Kopftuch beurteilt. In diesem Schulgesetz heißt es: Aufgabe der Schule sei es, die – ich zitiere – „christlichen und abendländischen Bildungs- und Kulturwerte“ zu fördern.

Bei all dem stellt sich eine Frage, die nicht häufig gestellt wird – und deshalb wollen wir sie heute Abend einmal ausführlich diskutieren: Was meinen wir eigentlich, wenn wir dieses Wort verwenden? Was ist das, das „Abendland“, das „christliche Abendland“? Eine Stufe höher gefragt: Wo liegen die kulturellen Wurzeln Europas, und wie können wir diese kulturellen Wurzeln angemessen beschreiben?

Das ist unser Thema heute Abend, und ich freue mich, dass zwei ausgewiesene Experten heute zu uns gekommen sind. Ich begrüße sehr herzlich Stefan Schreiner von der Universität Tübingen. Sie haben, und schon das ist eindrucksvoll, Evangelische Theologie studiert, dazu Arabistik, Islamwissenschaft und Judaistik, also die Grundlagen aller drei abrahamischen Religionen. Seit 25 Jahren sind Sie Professor an der Universität Tübingen und verbinden diese drei Themen in ihren Forschungen und in der Lehre.

Seit kurzer Zeit ist Herr Schreiner das, was man heute einen „Senior-Professor“ nennt, und ich lese Ihnen jetzt einmal vor, wie sein Lehrstuhl genau heißt: Er ist Seniorprofessor „am Seminar für Religionswissenschaft und Judaistik der Evangelisch-theologischen Fakultät mit dem weiteren Schwerpunkt Islamistik“. Sie merken an dieser Formulierung, wie kompliziert es ist, zu beschreiben, worüber Herr Schreiner forscht und lehrt. Die Evangelische Theologie gehört dazu, die Judaistik und die „Islamistik“, also die Islamkunde. Sie, lieber Herr Schreiner, haben sich stark engagiert bei der Gründung der Islamischen Theologie an der Universität Tübingen. Und Sie sind einer der Initiatoren des Zürcher Lehrhauses, wo sich seit 20 Jahren Juden, Muslime und Christen treffen und über diese Themen sprechen. Wir freuen uns sehr, dass Sie da sind – Herzlich willkommen, Herr Schreiner!

Schreiner 
Vielen Dank für die Einladung! 

Reinbold 
Ich begrüße herzlich Michael Borgolte. Sie sind in Braunschweig geboren, haben in Münster studiert, Geschichte, Germanistik und Philosophie, und haben sich dann schon in Ihrer Dissertation mit einem Thema beschäftigt, das unserem heutigen Thema sehr nahekommt, nämlich mit den Beziehungen der Karolinger zu den islamischen Herrschern und den Patriarchen in Jerusalem im Mittelalter.

Danach, nach Zwischenschritten, die ich auslasse, sind Sie auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin gegangen und haben dort eine Fülle von Projekten gestartet. Stellvertretend genannt sei ein Projekt, für das Sie einen europäischen Forschungspreis bekommen haben, mit dem Titel „Foundations in medievial societies. Cross-cultural comparisons“, also „Stiftungen in mittelalterlichen Gesellschaften. Transkulturelle Vergleiche“. All das zeigt, dass Sie sehr interessiert sind an der Frage, wie das Christliche, das Islamische und das Jüdische im mittelalterlichen Europa zusammenhängen. Dazu haben Sie nicht zuletzt ein dickes Buch geschrieben mit dem Titel: „Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr.“. Wir freuen uns sehr, dass Sie da sind – Herzlich willkommen, Herr Borgolte! 

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin der Beauftragte der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers für den christlich-islamischen Dialog und heute Abend der Moderator. 

Herr Borgolte, lassen Sie mich einmal beginnen mit dem Titel des eben erwähnten Buches: „Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes“. Das „Abendland“ steht im Titel und auf dem Buchumschlag. Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich allerdings den Eindruck: innen drin ist nicht ganz so viel „Abendland“. Was meinen Sie, wenn Sie dieses Wort benutzen? 

Borgolte 
Zunächst zum Buch. Die These ist ja im Haupttitel enthalten, nämlich dass Europa von drei monotheistischen Religionen geprägt ist und nicht, wie in der traditionellen Sicht, nur vom Christentum. Das ist die Hauptthese, und der Titel war in gewisser Weise ein Zugeständnis an die Erwartungen des Publikums. Man wollte – das Buch ist über 10 Jahre alt – das Publikum gewissermaßen beheimaten in Europa, und deshalb sollte das „Abendland“ vorkommen. Das war auch ein Wunsch des Verlages, wie ich gerne zugebe. Der Titel war ein Kompromiss. Heute hat sich die Situation dramatisch geändert. In der Wissenschaft ist es heute ohne weiteres anerkannt, dass man, wenn man über das Mittelalter spricht, nicht vom „christlichen Abendland“ spricht. Wissenschaftlich gesehen, ist das überholt.

Zum Begriff des „Abendlands“: Man muss sich zunächst vergegenwärtigen, dass wir ja vor 40 Jahren, in der frühen Nachkriegszeit und insbesondere in der Adenauerzeit, auch vom „Abendland“ gesprochen haben, aber damals war es der Gegenbegriff zum kommunistischen Osten. Der berühmte Karlspreis ist im Jahr 1949 in Aachen begründet worden mit Bezug auf Karl den Großen als den Begründer des Abendlands. Als Henry Kissinger, der amerikanische Außenminister, den Preis im Jahr 1987 bekam, gab es eine große Krise. Seither wird der Preis vergeben „für Verdienste um die europäische Einigung“, insbesondere in der Integration des Ostens. Das heißt: der Abendlandbegriff ist uns um das Jahr 1990 verloren gegangen aufgrund der politischen Entwicklung.

Interessanterweise ist der Begriff durch die christlich-muslimische Konfrontation in den letzten Jahrzehnten wieder aufgekommen. PEGIDA und andere haben den Begriff wiederentdeckt, ohne, glaube ich, zu wissen, was sie damit tun, wie hoch besetzt dieser Begriff ist. Mir scheint, dass diese Erneuerung des Abendlandbegriffs vollkommen unreflektiert ist. Es ist ein Verlegenheitsbegriff, der nicht zur Analyse taugt. Es ist ein Begriff, der weder den historischen Sachverhalten gerecht wird noch der Tradition der Verwendung des Begriffs in verschiedenen Generationen.

Wenn man die Wurzeln der Begriffsfindung historisch aufklärt, kommt man zurück zum griechischen Geschichtsschreiber Herodot (gest. ca. 424 v. Chr.). Er hat die Perser und die Griechen konfrontiert, und er hat die Perser als die östliche Gefahr angesehen und die Griechen als die Demokraten, die die Perser besiegt haben. Seither gibt es dieses Modell, dass der Westen im Osten seinen Gegenpart findet. Bei Hegel ist das natürlich auch so, insofern das Gute im Westen ist und das Böse im Osten. Das ist sehr vereinfacht, aber das ist das Denkmodell, das immer wieder aufgewärmt wird. 

Reinbold 
Ich fasse zusammen: Wir erleben die Rückkehr eines uralten, vorchristlichen, antik-griechischen Modells, das wir schon bei Herodot finden. Im Jahr 1987 ist das „Abendland“ beim Karlspreis weggebrochen, weil der Gegner im Osten langsam wegbrach. Und heute kommt es wieder, weil man jetzt mit den Muslimen einen neuen Gegner hat.

Borgolte 
Genau. Wobei, von Europa aus gesehen, die Muslime ja eher im Süden sind und nicht so sehr im Osten. Man weiß längst, dass dieses Ost-West-Modell dazu führt, dass man überhaupt nicht mehr wahrnimmt, dass der Gegner häufig gar nicht im Osten ist, sondern im Süden. Man sucht den Gegner immer im Osten. Das ist ein Denkmodell, das immer wieder neu aufgeladen wird. 

Schreiner 
Das kann ich nur unterstreichen. Der Begriff „Abendland“ ist ein ideologischer Begriff, kein historischer, kein geografischer. Er ist als Antithese formuliert gegen etwas, das man als „den Osten“ bezeichnet (oder in der Bibel als „den Feind aus dem Norden“ oder manchmal auch aus dem Süden). Ich verstehe die Wiederbelebung dieses Begriffs heute ganz aus dieser Konfrontation heraus. Für mich ist ziemlich deutlich, dass der antiislamische Affront heute gewissermaßen die Konsequenz bzw. die logische Fortsetzung der antikommunistischen Positionierung ist. Das, was früher „der Klassenfeind“ für die einen und „der kommunistische Gegner im Osten“ für die anderen war, das wird heute zwischen dem „Westen“ und der „islamischen Welt“ fortgesetzt. Die islamische Welt spielt heute die Rolle, die die kommunistische bis 1990 gespielt hat. 

Reinbold 
Herr Borgolte, Sie haben in Ihrem Eingangsstatement gesagt: die These Ihres großen Buches ist, dass es kein christliches Europa gab, sondern dass alle drei Religionen für Europa grundlegend gewesen sind. Sie haben das so gesagt, als sei das gewissermaßen eine wissenschaftliche Selbstverständlichkeit. Ich hake da noch einmal nach, weil es ja in der allgemeinen Diskussion überhaupt nicht so wahrgenommen wird. Wir diskutieren darüber, ob der Islam „zu Europa gehört“ und ähnliche Fragen. Sie hingegen sagen: Alle drei Religionen gehören hinein in das Fundament Europas und nicht bloß das Christentum? 

Borgolte 
Ich will zuerst einmal eine Selbstverständlichkeit in Erinnerung rufen: Alle drei Religionen kommen aus dem Osten. Sie alle sind orientalische Religionen. Die sozusagen „europäischen“ Traditionen sind abgestorben – wenn man an Germanen denkt, an Kelten, Römer, Griechen, alle diese Religionen sind durch die monotheistischen Religionen aus dem Osten verdrängt worden.

Dann ist es eine Tatsache, dass Europa niemals in vollständigem Umfang christianisiert worden ist. Es gab immer „Heiden“, immer Atheisten, es gab sehr früh schon Juden.

Reinbold 
Europa war niemals christianisiert in vollständigem Umfang? 

Borgolte 
Ja. Als letztes großes Volk sind die Litauer im Jahr 1386 christianisiert worden. Aber das heißt ja nicht, dass damit nun alle Europäer Christen waren. Mindestens seit dem frühen Mittelalter gibt es in Europa jüdische Siedlungsinseln an verschiedenen Orten (und in Rom gab es schon im ersten Jahrhundert Juden, allerdings wahrscheinlich keine Kontinuität). Es gibt seit dem 8. Jahrhundert in Europa Muslime, und das hört nicht auf. An verschiedenen Orten, erst in Spanien und Sizilien und später dann in dem, was wir Türkei nennen, auch in Ungarn. Christen bilden die Mehrheit in Europa, aber sie haben niemals den ganzen Kontinent umfasst.

Zweitens muss man sagen, dass das, was christliche Wissenschaft ausmacht bzw. den Aufschwung der Wissenschaften in den Universitäten im Mittelalter, ein arabisches, muslimisches Fundament hat (und natürlich auch ein jüdisches Fundament, aber wichtiger ist das arabische). Wenn wir davon ausgehen – wovon ich überzeugt bin –, dass die Moderne ein Fundament in der Wissenschaft hat, dann muss man auch sagen, dass diese Wissenschaft ihrerseits entscheidend von arabischer Philosophie und Naturwissenschaft geprägt worden ist. Wir können überhaupt nicht daran vorbeisehen, dass nicht nur, wie es Bundespräsident Wulff gesagt hat, der Islam „zu Deutschland gehört“, sondern dass der Islam auch zu Europa gehört, und zwar seit dem 8. Jahrhundert. Gewiss hatte er nicht dieselbe Durchschlagskraft wie die christliche Tradition, das ist nicht zu bestreiten. Aber ohne muslimisches Fundament hätte es den Take-Off in der Wissenschafts- und Technikgeschichte nicht gegeben. 

Schreiner Eine kurze Ergänzung zur Christianisierung Litauens: Sie hatten das Datum 1386, den Beginn der Christianisierung Litauens, erwähnt. Es ist fast eine Ironie der Geschichte, dass dieses Territorium zu jenem Zeitpunkt bereits von Muslimen und Juden bewohnt war. Das heißt: Im Osten Europas sind Muslime und Juden ältere Zeitgenossen als Christen, wenn ich so sagen darf. 

Reinbold 
Da muss ich einhaken: Muslime sind im Osten Europas ältere Zeitgenossen als Christen? Das heißt, sie waren da, bevor die Christen da waren? 

Schreiner 
Sie lebten dort, bevor das Land christianisiert wurde. Juden aus unterschiedlichen Regionen lebten dort seit dem Ende des 9. bzw. dem Anfang des 10. Jahrhunderts. 

Reinbold 
… in Litauen … 

Schreiner 
… im Territorium des historischen Großfürstentums Litauen. Das ist nicht identisch mit der heutigen Republik Litauen, sondern dazu gehören die Teile, die Weißrussland heute zum großen Teil ausmachen, der Nordwesten der Ukraine, der östliche Teil des heutigen Polen und der südliche Teil vom heutigen Lettland. Das Territorium des Großfürstentums Litauen reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

Auf diesem Großfürstentum gab es Juden und Muslime, bevor das Christentum dort eingeführt worden ist, das lateinische Christentum. Die Tatsache, dass Juden und Muslime zunächst einmal mit „Heiden“ zusammenlebten, hat wahrscheinlich auch Auswirkungen gehabt darauf, dass das Verhältnis zwischen den Christen in dieser Region und den Juden und Muslimen später anders war als in den mittel- und westeuropäischen Regionen. Im Osten waren die Christen die Newcomer, auch wenn sie später die dominierende Religionsgemeinschaft werden. Das kann man sehr schön sehen. Das katholische Königreich Polen, das zum gleichen Zeitpunkt muslimische Einwohner bekam wie das Großfürstentum Litauen, hat die Muslime, die nach Polen kamen, im Unterschied zu Litauen zur Konversion gezwungen. Sie mussten sich taufen lassen oder das Land wieder verlassen. In Litauen war das nicht so. Seit 1397 gibt es für Litauen ein Generalprivileg vom Großfürsten Witold, dass Muslime auf dem Territorium leben können usque ad infinitum, also bis zum Ende der Zeiten, und man darf sie nicht zur Konversion zwingen. Diese Parallelgeschichte ist sehr interessant. Das katholische Königreich Polen hatte später mit dem Großfürstentum Litauen eine gemeinsame Geschichte, aber im Umgang mit Andersgläubigen weisen die beiden Länder zwei verschiedene Geschichten auf. 

Reinbold 
Das ist eine ganz erstaunliche Geschichte, die kaum bekannt sein wird. Ist das ein Toleranzmodell gewesen? Die Muslime können ihren Glauben leben bis ans Ende der Zeiten?  

Schreiner 
Es gibt zeitgenössische Autoren – die ältesten Dokumente, die ich kenne, stammen aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts –, die das tatsächlich juristisch diskutieren, als eine Frage der Toleranz: Wie weit darf man anderen Religionen gegenüber Toleranz walten lassen? – auch dann später unter dem Vorzeichen eines christianisierten Staates. Hier war es selbstverständlich, dass Juden und Muslime unter das Toleranzprinzip fallen.  

Reinbold 
Gibt es diese ehemals litauischen Muslime bis heute? Haben wir hier einen uralt eingesessenen europäischen Islam?

Schreiner 
Diese Muslime gibt es bis heute. Sie sind weithin tatarischen Ursprungs. Es ist keine homogene Gesellschaft, weder in ethnischer, noch in kultureller, noch in sprachlicher Hinsicht. Es ist eine aus verschiedensten Gemeinschaften erwachsene Gesellschaft, die aus dem Umfeld des tatarischen Islams stammt, der seit dem 10. Jahrhundert islamisiert ist. Die Wolgabulgaren waren die ersten, die den Islam angenommen haben, am Ende des 9. Jahrhunderts.

Diese tatarischen Muslime sind bis heute in der Region des alten Litauens präsent. Heute leben sie auf drei Länder verteilt, Polen, Litauen und Weißrussland, das Territorium des historischen Großfürstentums. Dort leben sie, unmittelbare Nachkommen der tatarischen Muslime des späten Mittelalters. 25.000 Menschen sind es etwa, die heute noch in der Region leben. Es gibt einige Dörfer, die bis heute eine ziemlich beachtliche muslimische Bevölkerung haben. Südlich von Vilnius beispielsweise ist ein Dorf, das 1397 gegründet worden ist. Da stehen Moschee und Kirche gleich nebeneinander. Auch in Weißrussland gibt es noch kleine Dörfer, die eine muslimische Mehrheitsbevölkerung haben.

Leider ist diese Geschichte hierzulande wenig bekannt. Dabei wäre es interessant, ihr einmal genauer nachzugehen. Nicht dass ich diese Geschichte verkaufen möchte als ein Lehrstück oder als ein Modell. Aber sie könnte doch einen Denkanstoß geben, einmal zu überlegen, wie sich diese Gemeinschaften arrangiert haben, die Juden, die Muslime, die verschiedensten Formen von Christentum. Im 16. Jahrhundert nannte man Litauen „das Asyl der europäischen Häretiker“, weil sich dort alle gesammelt hatten. Dort lebten sie nebeneinander. Wie hat man sich arrangiert, so dass jeder seine religiöse Identität behalten hat? Wie hat man trotzdem ein Gemeinwesen gemeinsam gestaltet? Das sind wichtige Fragen. Die Muslime in Litauen zum Beispiel waren immer die Leibgarde der Großfürsten. Sie waren die Leibgarde, die Elitetruppe des polnischen, katholischen Königs. 

Reinbold 
Die Muslime sind die Elitetruppe des katholischen polnischen Königs? 

Schreiner 
Ja. Nach 1572 wurden sie die Elitetruppe des katholischen Königs in Polen. Muslime! Das ist eine sehr interessante Geschichte, und da kann man schon fragen: Wie hat man sich arrangiert? Die Muslime sind Muslime geblieben, die Christen sind Christen geblieben, und die Juden sind Juden geblieben, und Gleiches gilt für andere Religionsgemeinschaften, die ebenfalls präsent waren. Man hat sich arrangiert. Wenn Sie heute beispielsweise muslimische Friedhöfe in Polen, in Weißrussland oder Litauen anschauen, dann stellen Sie fest, dass noch eine ganze Reihe von ihnen erhalten geblieben ist. Manche sind mit vielen hundert Grabsteinen besät, wenn ich so sagen darf. Und wenn Sie die Inschriften anschauen, dann finden Sie alle Schichten der Gesellschaft, von den untersten Schichten bis in den Adelsstand. Alle Schichten der Gesellschaft sind vertreten. Das ist schon ein interessanter Fall. Es ist eine Gemeinschaft, die seit 800 Jahren einen europäischen Islam repräsentiert. 

Borgolte 
Diesen Befund, der sehr interessant ist, kann man verallgemeinern. Man soll die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Religionen nicht idealisieren. Es gab genug Mord und Totschlag und Verfolgung. Aber unbestreitbar ist andererseits, dass die drei monotheistischen Religionen sich nicht ausgerottet haben. Die Juden durften nach Kirchenrecht ja nicht getötet werden. Sie durften geschlagen werden, sie durften vertrieben werden, was schlimm genug ist. Aber sie durften nicht getötet werden. Und der Koran schreibt vor, dass es in der Religion keinen Zwang geben darf. Es gibt sozusagen ein Recht von Nichtmuslimen, unter muslimischer Herrschaft nicht zwangsweise bekehrt zu werden.

Trotz der immer wieder vorkommenden Verfolgungen muss man sagen, dass dieser Vorbehalt offensichtlich gewirkt hat. Im Gegensatz dazu steht die Tatsache, dass die sogenannten „Heiden“, die Polytheisten oder Naturreligionen, von allen drei monotheistischen Religionen rigoros bekämpft worden sind – so rigoros, dass sie keine religiöse Formation mehr darstellen, wenn man von ein paar in jüngerer Zeit entstandenen Gruppen einmal absieht. Es gab zwar noch „Heiden“, aber es gab sie nicht mehr in organisierter Form. Da waren sich alle drei Religionen einig. Das haben sie geschafft. Man kann daher sagen: Seit dem 8. Jahrhundert musste man in Europa entweder Christ, Jude oder Muslim sein. Oder man musste Verfolgung auf sich nehmen. 

Reinbold 
Wenn man keiner Religion angehört, hat man es sehr schwer, aber wenn man Jude oder Muslim ist, geht es so einigermaßen?

Borgolte 
Von Fall von Fall. Jedenfalls hat man die Chance, zu überleben, oder man hat die Chance, innerhalb Europas das Land zu wechseln und woanders Aufnahme zu finden. Die Mongolen etwa, die nach Europa vordrangen, mussten den Islam annehmen, als sie europäischen Boden betraten, übrigens auch im Nahen Osten. Man kann geradezu von einem Gesetz sprechen, das seit dem 8. Jahrhundert für Europäer galt, in der Regel auch für diejenigen, die nach Europa einwanderten: Sie mussten eine der drei monotheistischen Religionen annehmen. Wer das nicht tat, wurde ausgerottet, mit den bekannten Ausnahmen. Da waren sich alle einig.

Deshalb plädiere ich immer dafür, nicht nur die zu bedauernden Verfolgungsgeschichten zwischen den drei monotheistischen Religionen zum Thema zu machen. Zugleich müssen wir auch feststellen, dass sie Jahrhunderte lang nebeneinanderher gelebt haben, in Spanien genauso wie in Litauen. Das war konfliktreich, aber ein Zusammenleben. Wir tun gut daran, dieses Spannungsverhältnis im Bewusstsein zu halten. Und ich bin der festen Überzeugung, dass gerade dieses Spannungsverhältnis ein wesentliches Element der europäischen Geschichte gewesen ist, das Europa auch voran gebracht hat. Diese Spannungen waren nicht auflösbar, sie konnten nicht theoretisch bewältigt werden – es kann eben nur ein Dogma richtig sein und nicht alle drei zugleich. Aber damit praktisch umzugehen, hat bedeutet, dass Europa sich in diesen Spannungsverhältnissen offensichtlich entfalten konnte. Das unterscheidet Europa ganz dramatisch von Asien, zum Beispiel. 

Reinbold 
Würden Sie so weit gehen zu sagen: Diese für Europa typische Spannung, diese Reibung der drei Monotheismen erzeugt kreative Energie? 

Borgolte 
Das würde ich sagen, ja. Es ist ein fruchtbarer Ansatz, darüber nachzudenken. Man muss natürlich sagen: Monotheismen gab es auch in Vorderasien. Da waren nur die Dominanzverhältnisse umgekehrt, es dominierte der Islam, und es gab darüber hinaus Christen und Juden. Erst in Indien bricht diese monotheistische Weltzone, wie ich sie nenne, ab, weil es dort unter der Herrschaft des Brahmanismus, später des Buddhismus, des Jainismus und des Hinduismus Religionen gegeben hat, die nicht „monotheistisch“ genannt werden können (obwohl das einige Religionswissenschaftler sagen, aber ich meine, es ist nicht korrekt). Hier gibt es eine völlig andere Jenseitsvorstellung und eine völlig andere Ethik, es ist eine andere Welt.

Wenn man religionswissenschaftlich über das „Abendland“ diskutiert, würde ich daher sagen: Das Abendland reicht bis Persien. Es schließt den Zoroastrismus, also die Religion Zarathustras ein, die die Mutterreligion der monotheistischen Religionen ist und mit unseren drei monotheistischen Religionen sehr verwandt. Aber sie hat nichts zu tun mit Brahmanismus, Buddhismus und Hinduismus. 

Schreiner 
Mit dem, was Sie eben sagten, sind wir bei der Wissenschaftsgeschichte. Die Wissenschaft, die in Europa geblüht hat, war das Produkt einer Kooperation, einer spannungsreichen Kooperation, die etwas nach Europa zurückgebracht hat, was einmal in Europa geboren worden war: Das antike, griechische und lateinische Wissen.

Dieses Wissen wurde im 9. und 10. Jahrhundert im Nahen Osten ins arabische Wissen übertragen. Als die erste Universität im Jahr 825 in Bagdad gegründet worden ist, das „Haus der Weisheit“, da waren die ersten 42 Gelehrten, die dort gearbeitet haben, 30 Christen, 5 Juden und 7 Zoroastrier, wenn ich mich richtig erinnere. Ein Muslim war nicht darunter. Die Aufgabe dieser Leute war es, das griechische Wissen ins Arabische zu übersetzen und es auf diese Weise zugänglich zu machen. In einem längeren Zeitraum ist von einer Vielzahl von Übersetzern, die zum größten Teil Christen oder Juden waren, eine ganze Bibliothek übersetzt worden. Etwa 120 griechische Autoren sind ins Arabische übersetzt worden, von den berühmten Philosophen Aristoteles und Platon angefangen über die Mathematiker, die Chemiker und die Mediziner und so weiter.

Dieses Wissen hat dann sozusagen ausgestrahlt. Es kam zur Gründung der Universität in Kairouan, zur Gründung der Universität von Fes – nebenbei gesagt, die Gründung der Universität von Fes geht auf eine Frau zurück, die die Gründungsrektorin gewesen ist. Das hat dann nach Europa ausgestrahlt. Und dann beginnt ein Prozess der Rückübersetzung. Im 11. und 12. Jahrhundert werden diese Texte aus dem Arabischen wieder in das Lateinische übertragen, und diese Texte sind es, die das Fundament für die Entwicklung der europäischen Wissenschaften bilden.

Das ist kein Zufall für mich, dass der Aufstieg der europäischen Universitäten im 12. und 13. Jahrhundert unmittelbar im Zusammenhang mit dieser Übersetzungstätigkeit steht. In einem relativ kurzen Zeitraum werden zunächst auf dem Territorium Spaniens, später dann auch Siziliens – etwa in der Akademie von Palermo – viele dieser Texte aus dem Arabischen und Hebräischen ins Lateinische übersetzt und dann weiter in die lokalen Sprachen, das Kastilische, Altfranzösische und so weiter. Diese Bücher sind die Lehrbücher an den europäischen Universitäten, zum Teil bis ins 18. Jahrhundert hinein. Avicennas berühmter Kanon der Medizin etwa ist in 23 Auflagen gedruckt worden, und zwar in der lateinischen Übersetzung, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Toledo gemacht worden ist, von Gerhard von Cremona. Solche Beispiele gibt es viele. Sie zeigen, wie antikes Wissen zunächst in den arabischen Raum transferiert wurde und wie es dann wieder aus dem arabischen Raum nach Europa zurückkam. 

Reinbold 
Ein komplizierter Umweg war das: nicht direkt vom Griechischen ins Lateinische, wie es ja leichter gewesen wäre. Aber diesen direkten Weg gab es nicht, er war verstellt. 

Schreiner 
Ja, weil die Texte verloren waren oder nicht zugänglich. Die arabischen und die hebräischen Texte aber waren sozusagen auf dem Markt, die hatte man in der Bibliothek. Zwar konnte sie nicht jeder lesen, aber das Interesse war da, und es wurde übersetzt. Ein grandioses Übersetzungswerk ist das, das da im Mittelalter geleistet worden ist.

Reinbold 
Wer übersetzt denn zurück in Spanien, sind das Muslime? 

Schreiner 
Es war ein Gemeinschaftswerk. Es sind jüdische Übersetzer dabei, es sind christliche Übersetzer dabei, es sind Muslime dabei. 

Reinbold 
Hauptsache man kann Arabisch? 

Schreiner 
Die Sprache war natürlich das Medium. In der Regel sind die Übersetzungen von mehreren gemacht worden, weil die christlichen Übersetzer zunächst nicht so gut Arabisch und Hebräisch konnten, so dass sie es alleine hätten schaffen können. Sie waren auf die Zuarbeit von jüdischen und muslimischen Übersetzern angewiesen. Erst später beginnt eine eigenständige Übersetzungstätigkeit. Das ist eine sehr interessante Geschichte. Schon vor 100 Jahren hat Moritz Steinschneider ein dickes Buch von 1000 Seiten über die Juden als Dolmetscher im Mittelalter geschrieben. Da können sie diese Übersetzungsgeschichte auch geografisch einigermaßen nachvollziehen. Sehr viele Italiener waren darunter. Es waren aber auch Leute aus England dabei, die nach Spanien gegangen sind aus Spaß an der Freude, weil sie dort Arabisch lernen konnten. Es waren Ordensleute, die zum Teil beauftragt wurden, solche Übersetzungen zu machen, und so weiter.

So entsteht ein Korpus von Übersetzungen aus zwei Teilen. Der eine ist der wissenschaftliche Teil im engeren Sinne, Naturwissenschaften und Philosophie. Und dann entsteht eine Bibliothek theologischer Schriften, islamische und jüdische. Man braucht sie zur Apologie, zur Erklärung des Christentums, oder zum Zweck der Widerlegung. Dieses Corpus Islamo-Christianum, wie man das heute nennt, diese Elementarbibliothek des Wissens über den Islam war bis ins 18. Jahrhundert hinein das Rüstzeug zur Auseinandersetzung mit dem Islam. Theodor Bibliander etwa hat im Jahr 1543 in seiner berühmten dreibändigen Koranausgabe in Basel einen nicht unerheblichen Teil dieser Texte nachgedruckt.

Weiter.