Mitschrift: Jesiden

Religionen im Gespräch 19, 2015

Gäste:
Ilyas Yanc, Oldenburg
Hayri Demir, Hannover
Dr. Andreas Flick, Celle

Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen heute Abend hier im Haus der Religionen zum 19. Gespräch unserer Reihe "Religionen im Gespräch", heute Abend mit dem Thema: "Die unbekannte Religion – Jesiden in Niedersachsen".

Vor 20 oder 30 Jahren waren die Jesiden ein Thema für die Spezialisten. Einige wenige Theologen hatten den Namen schon einmal gehört und einige wenige Religionswissenschaftler wussten, was es denn mit dieser Gruppe auf sich hat. Ich selbst erinnere mich noch sehr genau: Ich studierte damals in Göttingen an der Universität. Dort arbeitete Professor Wiesner. Er war Religionswissenschaftler und engagierte sich für die Jesiden. Aber sonst hätte an der ganzen großen Fakultät vermutlich niemand über das Jesidentum Bescheid gewusst.

Heute haben wir eine ganz andere Lage. Tausende jesidische Familien sind in den letzten 20, 30 Jahren nach Deutschland gekommen, insbesondere nach Niedersachsen. Gerade in den Regionen um Hannover, Celle und Oldenburg leben viele Jesiden. Wenn heute ein Kind in einer dieser Städte oder Regionen eingeschult wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es jesidische Mitschüler und Mitschülerinnen hat, auch bedingt durch die große Flüchtlingswelle, die wir zurzeit erleben. Sehr viele Jesiden suchen den Anschluss an die bestehenden Gemeinschaften hier in Niedersachsen und orientieren sich so wiederum nach Hannover, Oldenburg und Celle.

Ich freue ich mich, dass wir heute Abend Experten aus diesen drei Zentren auf dem Podium haben. Ich begrüße herzlich zu meiner Linken Ilyas Yanc aus Oldenburg. Sie sind in den 1980er Jahren als Kind mit Ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Sie engagieren sich seit fast zwei Jahrzehnten im Haupt- und Ehrenamt in Oldenburg für die jesidischen Belange. Sie sind Vorstandsmitglied im Jesidischen Forum Oldenburg e. V., in unendlich vielen Gremien, im Jugendhilfeausschuss, im Arbeitskreis der Religionen in Oldenburg. Ebenso sind Sie in einem Team engagiert, das eine Sendereihe begleitet, die sich "Gesichter der Vielfalt" nennt. Sie sitzen in Niedersachsen im Beirat für Migration und Teilhabe. Hauptberuflich sind Sie Erzieher und arbeiten zurzeit als Flüchtlingsberater für den Verein IBIS e.V.. IBIS e.V. steht für „Interkulturelle Arbeitsstelle für Forschung, Dokumentation, Bildung und Beratung“. Herzlich Willkommen, Herr Yanc.

Yanc
Vielen Dank für die Einladung, Herr Reinbold.

Reinbold
Aus Hannover begrüße ich herzlich Hayri Demir. Sie sind in Deutschland, genauer gesagt im Saarland geboren. Sie studieren Jura in Hannover und arbeiten nebenher schon in einer Rechtsanwaltskanzlei. Sie forschen seit einem knappen Jahrzehnt, arbeiten über jesidische Fragen, haben einige Internetportale und Onlinezeitschriften gegründet, unter anderem das Portal "Jesidipress". Im Internet haben Sie das deutschsprachige Lexikon Jesidipedia.de entwickelt, das sich bemüht, die Grundfragen des Jesidentums zu klären und aufzuarbeiten. Herzlich Willkommen, Herr Demir.

Aus Celle begrüße ich herzlich Dr. Andreas Flick. Sie sind ursprünglich aus dem Rheinland, sind in Osnabrück zur Schule gegangen und haben in Osnabrück und Münster evangelische Theologie studiert. Sie arbeiten und engagieren sich seit fast drei Jahrzehnten als reformierter Pastor in der Hugenottengemeinde in Celle. Sie haben über einen hugenottischen reformierten Theologen promoviert. Sie sind Präsident der deutschen Hugenottengesellschaft und Leiter des deutschen Hugenottenmuseums in Bad Karlshafen. Wenn ich mir dieses hohe Engagement vor Augen führe, scheint es mir kein Zufall, dass Sie auf die Jesiden gestoßen sind. Denn ebenso wie die Hugenotten sind die Jesiden Flüchtlinge, genauer gesagt Glaubensflüchtlinge. Sie waren mehrfach mit jesidischen Delegationen in der Türkei – zuletzt vor einem Jahr – und sind stellvertretender Vorsitzender eines Freundschaftsvereins, der sich Celle Batman nennt. Batman ist dieser Ort in der Türkei, wo die meisten Jesiden aus Celle herkommen. Und schlussendlich haben Sie eine viel beachtete Broschüre über Jesiden im Landkreis Celle erarbeitet, die gerade in einer zweiten Auflage vorbereitet wird. Wir sind froh, dass Sie heute Abend bei uns sind. Herzlich Willkommen, Herr Flick.

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin der Beauftragte für den christlich-islamischen Dialog in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Um uns auf das Thema einzustimmen, beginnen wir heute einmal mit einem Einspieler. Wir kooperieren häufiger mit Schulen, in diesem Fall mit der BBS 11 in Hannover. Unser Fernsehteam ist in dieser Woche in die BBS 11 gegangen und hat die Schüler und Schülerinnen gefragt, was sie denn mit dem Namen Jesiden verbinden, ob sie welche kennen und was sie über diese Gruppe wissen. Hier kommt das Ergebnis:

„Bitte? Jesiden. Oh, habe ich schon einmal gehört, zum Thema Flüchtlinge. Aber kann ich jetzt nicht beschreiben. Keine Ahnung.“

„Ich kann mir darunter nichts vorstellen.“

„Irgendetwas religiöses, würde ich sagen. Ich habe mich mit dem Thema noch nicht befasst bzw. lernen wir das noch in der Schule.“

„Irgendwie aus dem israelischen Bereich.“

„Ich würde sagen, das ist eine Art Islam. Das ist in der Region sehr verbreitet. Deswegen gehe ich einfach mal davon aus, dass es ziemlich Ähnlichkeit mit dem Islam hat. Eine Gottheit, vielleicht sogar denselben Gott.“

„Also die Jesiden, das ist die Religion der meisten Kurden eigentlich. Es gibt auch muslimische Kurden, aber die meisten sind eigentlich Jesiden.“

„Was das genau ist, keine Ahnung. Also ich habe das damals eigentlich nur gehört als Teufelsanbeter oder sonstiges, aber mehr weiß ich auch nicht darüber.“

„Die meisten denken auch, ja der kommt aus der Türkei oder aus Kurdistan. Der ist bestimmt Muslim. Die meisten kennen den Begriff Jeside gar nicht. Das Jesidentum kennen die gar nicht.“

„Ich weiß nicht. Ich kenn diese …, wie heißt der, die haben ...“

„Sie glauben ja an einen Pfau?“

„Ja genau, den Pfau haben die. Der heißt Tausî Melek.“

„Die beten einen Tausî Melek an. Das ist ein Engel.“

„Die sind ja in der Türkei, glaube ich, gefoltert worden.“

„Ach so, Thema Jesiden? Was soll ich jetzt genau sagen, das sind nette Menschen. Ich habe viele Freunde, die sind Jesiden.“

„Ja, mein Kollege ist Jeside. Er ist Kurde.“

„Ja, ich habe Freunde, die Jesiden sind.“

„Mein bester Freund ist Jeside. Aber mit seiner Religion befasse ich mich nicht, weil mir der Mensch wichtig ist, nicht was er für eine Religion hat.“

„Sind genauso Menschen, wie wir alle.“

„Ich rede mit denen darüber nicht so. Sind für mich Menschen, es sind Menschen.“

„Ja, ich bin Jeside. Meine Familie sind alle Jesiden, meine Cousins. Ich habe auch Freunde, in meiner Klasse sind Jesiden.“

„Ich bin Jeside.“

„Wir sind ein Volk, was es seit Jahrhunderten schon gibt.“

„Sie sind eine religiöse Minderheit. Mehrere Hunderttausend, nicht so viele.“

„Ausschließlich Kurden.“

„Tausî Melek, das ist ein großer Pfau, Vogel.“

„Man kann nicht Jeside werden. Wir werden als Jesiden geboren. Wir glauben an Gott, wie jede andere Religion, die an Gott glaubt. Wir werden sozusagen ausgerottet teilweise. Deswegen gibt es auch so wenige von uns. Jetzt nach diesen ganzen Geschehnissen, wissen einige, was Jesiden sind. Davor hat sich aber keiner dafür interessiert.“

Reinbold
Das ist eine ganz normale Berufsschule in Hannover im Jahr 2015. Sehr beachtlich. Ich denke, viele Themen, die ich in der Vorbereitung mir vorgenommen hatte, bevor ich den Einspieler kannte, kommen dort vor. Ich will mal einige aufgreifen: Die meisten denken, Jesiden kommen aus der Türkei und sind Muslime. Ein anderer sagt, so eine Art Islam. Wie ist das Verhältnis zwischen Jesiden und Islam?

Yanc
Das Jesidentum ist ja eigentlich sehr tolerant gegenüber allen Religionen. Im Morgengebet der Jesiden werden alle Religionsstifter erwähnt, Mohammed, Moses und Jesus, alle anderen auch. Es gibt auch im Jesidentum eine Hymne zu Ehren Mohammeds, auch zu Ehren Ali Ibn Talibs und Moses und vielen anderen Stiftern. Daran wird deutlich, dass die Jesiden eigentlich allen Religionen sehr tolerant und weltoffen gegenüber stehen. Es ist auch so, dass im Jesidentum jede Religion als ein Teil der göttlichen Wahrheit verstanden wird. Alle Religionen sollen sich ergänzen und friedfertig und friedvoll miteinander leben.

Jetzt ist es aber so, dass die Jesiden seit Jahrzehnten Pogrome erfahren, die überwiegend islamisch geprägt sind und auch im Namen des Islams an den Jesiden verübt worden sind. Gerade wieder im letzten Jahr hat die Terrororganisation des „islamischen Schwertes“ ihre Verbrechen im Namen des Islams an den Jesiden verübt. Wenn die Jesiden von Muslimen sprechen, haben sie also kein differenziertes Bild. Sie verstehen immer die Muslime, die in ihrer Gegend waren, als diejenigen, die die schlimmsten Verbrechen an ihnen verübt haben.

Hier in Deutschland sind wir natürlich anderen Voraussetzungen und anderen Möglichkeiten ausgesetzt und da ist es notwendig, dass man den Jesiden natürlich auch ein differenziertes Bild des Islams vermitteln muss. Ich arbeite in einem Arbeitskreis der Religionen in der Stadt Oldenburg und dort haben wir auch einen sehr guten Dialog mit der DITIB-Gemeinde, der türkischen-islamischen Gemeinde. Trotz aller Unterschiede versuchen wir natürlich, jeder zum Wohle unserer Stadt, einen Beitrag zum Dialog zu leisten.

Ich finde es ganz wichtig, dass man auch ein sehr differenziertes Bild von Muslimen hat, und nicht davon ausgeht, dass es „den Islam“ gibt. Nein, es gibt auch innerhalb der Muslime zig Strömungen, so dass man nicht alle Muslime über einen Kamm scheren darf. Diese Differenzierung ist mir als Jeside sehr wichtig, um zu sehen mit wem man Dialog führen kann und mit wem nicht.

Reinbold
Nicht alle Muslime sind so wie der „Islamische Staat“, bei dem man möglicherweise katastrophale Erfahrungen macht?

Yanc
Das wäre schlimm, wenn das der Fall wäre. Dann müssten wir uns alle weltweit Sorgen machen.

Reinbold
Sie sagen: im Morgengebet wird Mohammed erwähnt, ebenso Jesus und Moses. Heißt das, dass die großen drei monotheistischen Religionen aus dem Vorderen Orient für Jesiden alle gleichwertig sind?

Yanc
Richtig. Wie ich schon sagte, sind wir auch sehr tolerant gegenüber den Religionen. Also wenn ich mir die Hymne zu Ehren Mohammeds bei den Jesiden anhöre, ist sie sehr dichtvoll gestaltet und auch sehr emotional. Ich glaube, es wäre auch für die anderen Religionen, für Muslime, Christen und Juden mal sehr interessant, sich stärker mit dem Jesidentum, das heißt den jesidischen Hymnen, den religiösen Texten und Legenden auseinanderzusetzen. Daran erkennt man was uns verbindet, aber auch was uns unterscheidet. Das finde ich ganz wichtig.

Reinbold
Wie alt ist das Jesidentum? Das ist eine nahe liegende Frage, die mir persönlich auch häufig schon begegnet ist. Kann man das sagen?

Demir
Ganz genau kann man es nicht sagen. Beim Jesidentum handelt es sich, wie bei den anderen Weltreligionen, um keine Offenbarungsreligion. Es gibt keinen Religionsgründer oder -stifter, auf den man das Datum der Gründung zurückführen könnte. Man kann allerdings sagen – und so wird es auch von verschiedenen Wissenschaftlern gehandhabt, dass das Jesidentum auf jeden Fall vorchristlich ist.

Es gibt Elemente, die sehr alt sind. Da haben wir die Sonnenverehrung, die Ahnenverehrung, die Naturverehrung, das Neujahrsfest, das im April gefeiert wird, also ganz viele Elemente, die darauf hinweisen, dass das Jesidentum sehr alt ist. Der Iranistiker, Prof. Kreyenbroek aus Göttingen, hat ganz viele Abhandlungen dazu geschrieben. Man kann also erkennen, woher diese Religion stammt, aber ein genaues Entstehungsdatum gibt es nicht.

Reinbold
Wir haben erfahren, dass es viele alte Elemente gibt. Gibt es denn eine Schrift oder einen historischen Beleg, den Sie bringen könnten, aus dem ersichtlich wird, dass ein Text z.B. nachweisbar aus dem 3. Jahrhundert vor Christus kommt?

Demir
Nein, so einen Text gibt es nicht. Das Jesidentum ist ja auch keine verschriftlichte Religion. Es gibt im Jesidentum keine Bibel oder ein heiliges Buch, was der Thora oder dem Koran ähnlich ist. Die Religionsinhalte werden von Generation zu Generation mündlich überliefert. Das machen speziell ausgebildete Würdenträger. Man war bisher davon ausgegangen, dass es sich im Jesidentum um eine ganz kleine Religion handelt, die niemand so richtig kennt und die auch nichts Besonderes theologisch vorzuweisen hätte. In den 1990er Jahren war es dann so, dass vor allem Prof. Kreyenbroek und andere Wissenschaftler plötzlich auf jesidische Texte gestoßen sind. Es gibt hunderte Texte. Wenn man diese ganzen Texte zusammenfassen würde, würde das Gesamtwerk wahrscheinlich zweimal die Bibel ergeben.

Reinbold
Wie alt sind diese Texte?

Demir
Einige Texte kann man ganz klar datieren auf das 11. und 12. Jahrhundert, weil es eben dort die Religionsphilosophen waren, die diese Religionstexte geschrieben haben, auch einzelnen Personen kann man sie zuordnen. Die Elemente, die darin enthalten sind, sind aber teilweise wesentlich älter. Die lassen sich aber nicht zurückdatieren. Man geht aber, wie gesagt davon aus, dass das Jesidentum etwa 4.000 Jahre alt ist.

Reinbold
Sie wollten etwas ergänzen, Herr Yanc.

Yanc
Herr Demir hatte die historischen Aspekte erwähnt. Also wenn man sich die religiösen Hymnen, die sogenannten Qewals anschaut, findet man unter anderem sehr, sehr viele alte Legenden über die Schöpfungsgeschichte, in der es viele Parallelen zum Alten Testament gibt, aber auch sehr viele Unterschiede. Die Jesiden glauben, dass sie vom 3. Sohn Adams abstammen, dem Shahid. Hier haben die Jesiden auch eine klare Legende und auch eine Geschichte, die sehr detailliert ist und sie haben natürlich ein eigenes Verständnis der Schöpfungsgeschichte, wie Adam und Eva aus dem Paradies gegangen sind, die aber im Gegensatz zum christlichen Glauben nicht vertrieben worden sind.

Reinbold
Das ist alles mündliche Tradition? Oder könnten Sie – wenn jemand fragt, wo kann man das mal lesen? – eine Art Schrift oder heilige Schrift zeigen, wo es steht?

Yanc
Sie haben ja den Beitrag dieser Sendung „Die unbekannte Religion“ genannt. Es ist tatsächlich so, dass bis in die 1970er Jahre das Jesidentum in seinem Kern als Geheimreligion existiert hat, weil die Umgebung ihm sehr feindlich gesinnt war. In den 1970er Jahren haben die ersten jesidischen Akademiker angefangen, das Jesidentum zu verschriftlichen. Sie haben als erste Feldforschung betrieben. Sie haben sich Diktiergeräte, Stifte und Zettel genommen und haben religiöse Würdenträger gebeten, über die Inhalte der Religion zu erzählen. Am Anfang haben die Würdenträger gesagt: „nein, mein Sohn, das geht nicht, das ist eine Todsünde.“ Es gab heftigste Widerstände.

Irgendwann hat sich aber doch die Vernunft durchgesetzt, dass es verschriftlicht werden sollte, weil nicht jeder religiöse Würdenträger einen Schüler findet, um sein Wissen weiter zu übermitteln So ist es nicht verwunderlich, dass viele jesidische Texte mit ihren Trägern unter die Erde gegangen sind. Bis Ende der 1990er Jahre fand eine Sammlung statt, und mittlerweile gibt es sehr viele jesidische Wissenschaftler, die sich auch akademisch damit auseinandersetzen. Eine Frage lautet z.B.: welche Hymne hat welche Inhalte?

Reinbold
Es entsteht zurzeit also ganz viel schriftliches Material?

Yanc
Das Jesidentum in seiner Phase ist noch nicht abgeschlossen. Zurzeit werden intensiv Werke von Jesiden selbst produziert. Früher war so, dass Außenstehende über das Jesidentum geschrieben haben und manchmal auch sehr viele falsche Inhalte wiedergegeben haben. Und jetzt ist es so, dass es die Jesiden selber sind, die ihre Religion, ihre Kultur, ihre Historie schreiben und das denke ich, ist wichtig, weil es nun Personen sind, die auch wirklich die Beziehung zu ihrer Religion haben und zudem in der Community verankert sind. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt.

Reinbold
Ich will mal eine ganz banale Frage stellen, die mir aufgefallen ist, gerade auch wenn man eine Einladung schreibt: Wie schreibt man das denn jetzt? Man kann „Jesiden“ schreiben, so wie ich es am Ende getan habe. Bei Ihnen auf der Broschüre über die Jesiden im Landkreis Celle steht es hingegen mit „Ez“ und beim jesidischen Forum Oldenburg steht es mit „Yez“. Was steckt da dahinter, was bedeutet das?

Flick
Ich denke, die Schreibweise ist davon abhängig, wie man sich die Herkunft des Wortes erklärt. Hier ist man sich nicht ganz einig. Kommt es von dem Namen des Sheik Yazid I., oder kommt es vom persischen Begriff „yezdan“ oder „yazd“? Verschiedene jesidische Gruppen oder einzelne Jesiden geben hier unterschiedliche Antworten. So kommt es dann auch zu diesen unterschiedlichen Buchstabenvariationen am Anfang.

Ich denke, bei den Jesiden gibt es eine ähnlich große Bandbreite, wie sie hinsichtlich der historischen Zuordnung ja auch, wie bei den Christen zu finden ist. Es ist sicher auch immer von der Zeit abhängig, wie eine Religion bewertet wird. Nach historischen Berichten durften Muslime das Heiligtum in Lalish nicht betreten. Inzwischen hat sich das wohl geändert. Hingegen wurden Christen dort immer gern gesehen. Ich habe es auch in Kurdistan selbst erlebt, dass manche Muslime Jesiden die Hände nicht geben, weil sie unrein sind, sie nicht begrüßen, kein Essen der Jesiden anrühren usw. Aber man darf das nicht verallgemeinern, andere Muslime sind dann wiederum sehr freundlich und entgegenkommend. Sie haben uns auch ganz toll geholfen, als die Flüchtlingskrise im Shingal war.

Demir
Was die Schreibweise angeht: Jesiden nennen sich selbst „Ezidi“. Das ist die einzige kurdische Schreibweise, wenn man so will. Sie leiten das aus dem Begriff „ezda“ für Gott ab. Das bedeutet so viel wie, der, der mich geschaffen hat. Ez für „ich“ und „dafür gegeben“. Damit ist der Schöpfergott gemeint. Die Schreibweisen, ob man das jetzt mit „J“ oder „Y“ schreibt, das ist auch nicht ganz falsch, weil es nämlich auch den persischen Begriff „Yezdan“ gibt, der ebenfalls „mein Schöpfer“ bedeutet. Also die verschiedenen Schreibweisen haben im Grunde alle ihre Legitimation. Es ist in den vergangenen Monaten ein kleiner Streit ausgebrochen, darüber was jetzt richtig oder falsch ist. Aber ich sehe diesen Streit nur als einen Vorwand. Es geht wohl mehr um die Deutungshoheit über die Jesiden und nicht darum wie man diesen Namen schreibt. Und wenn man es genau machen wollen würde und das korrekt transkribiert, dann müsste man aus dem „z“ ein „s“ machen.

Reinbold
Darf ich salopp sagen, also der Streit um dieses „Y“ insbesondere ist, dass man sagt: wir schreiben das so, weil ihr es anders schreibt?

Demir
Ja, teilweise ist es tatsächlich so. Es gab mal eine Organisation, die meinte, wir werden mit keiner anderen jesidischen Organisation kooperieren, weil sie sich mit „Y“ schreiben.

Yanc
Für mich ist es eigentlich egal, mit welchem Buchstaben die Jesiden oder die Eziden oder die Yesiden sich schreiben. Das Wichtigste sind nicht die Begrifflichkeiten, sondern dass jetzt zum Wohle der jesidischen Gemeinde gewisse Dinge umgesetzt werden und die Schwierigkeiten in den Blick genommen werden, die daraus entstanden sind, dass alle verstreut sind, weil sie ihre Siedlungsgebiete aufgeben mussten. Die Deutschen haben doch auch viele Begrifflichkeiten. Sie waren die Germanen, sie sind die Alemannen.

Flick
Und dennoch bin ich der Meinung, dass die Schreibweise auch eine Abgrenzung zum Islam enthält. Wenn man es mit „Y“ schreibt, dann sind das sozusagen die Zuordnungen, die aus dem islamischen Bereich öfters erfolgen. Das „E“ steht eher für das kurdische Selbstbewusstsein, auch sozusagen für das historisch Alte.

Reinbold
Sie sprechen von einer Ableitung aus dem Islam. Können Sie uns das erläutern?

Flick
Es gibt ja verschiedene bedeutende Personen des Islam, Scheich Yazid und andere Personen, die diese Y-Variante im Namen haben und wo man das dann herleiten könnte. Aber andererseits ist „Ezda“ gegenwärtig auch üblich und in der Herleitung häufig zu finden. Aber hinzu kommt die Schwierigkeit, dass es keine alten Texte gibt, wo der Name auftaucht, so dass man keine Beweise findet.

Reinbold
Ich will es mal zuspitzen: wenn man es also mit „Y“ schreibt, ist es islamisch abgeleitet. Kann man dann zu einer Leseart kommen, dass Jesiden eigentlich so etwas wie abgefallene Muslime sind?

Flick
Die Jesiden in Celle würden es vielleicht so sehen. Aber die Eziden haben auch eine größere Bandbreite, und andere wollen sich davon distanzieren. Also ich denke auch, was hier gesagt worden ist, ist völlig ok. Man kann es mit „J“ schreiben, mit „Y“ schreiben oder auch mit „E“.

Reinbold
Herr Yanc, die Ableitung von Scheich Yazid, begegnet die Ihnen auch auf nicht-muslimischer Seite?

Yanc
Nein, es gibt da einen ganz klaren wissenschaftlichen Beitrag von Chaukeddin Issa, der ganz klipp und klar analysiert hat, dass es zwischen dem Begriff „Yeziden“ und Scheich Yazīd ibn Muʿāwiya keinen Zusammenhang gibt.

Reinbold
Ist das in der volkstümlichen Meinung aber ein Bild, das Leute im Kopf haben?

Yanc
Nein, überhaupt nicht mehr. Das Problem ist eher, dass viele Kurden oder Muslime ein falsches Bild von Jesiden haben, weil ihnen auch sehr, sehr viel Falsches vermittelt worden ist. Ich weiß, dass zum Beispiel viele Kurden mir erzählt haben: „Früher hat man gesagt, ihr hättet einen Schwanz und zwei Hörner und würdet auf Hufen herumlaufen!“ Es gab dieses Bild.

Reinbold
Ein Schwanz, zwei Hörner und auf Hufen? Dazu passt aus dem Film das Stichwort „Teufelsanbeter“, das eins der Mädchen nannte. Was steckt hinter diesen Vorurteilen?

Yanc
In anderen Konfessionen gibt es ja die Legende vom gefallenen Engel. Im Jesidentum gibt es diesen gefallenen Engel nicht. Andere benutzen diesen Begriff für den Tausî Melek, weil sie sagen, dieser ist der gefallene Engel und der Widersacher Gottes.

In der jesidischen Theologie ist es so, dass Gott alles aus seinem Lichte erschaffen hat, zuallererst die sieben Engel. Und dann hat er gesagt: „Ich erschaffe Adam“. Und dann hat er zu den Engeln gesagt: „Ihr sollt euch vor Adam verneigen“. Sechs dieser Engel haben sich blind diesem Befehl widersetzt, der siebte Engel hat gesagt: „Nein, ich erinnere mich an das erste Gebot, das da lautet, dass du, Gott, der Herr und Schöpfer bist und es nichts größeres gibt außer dich. Der Einzige, vor dem ich mich verneige, das bist du.“

Reinbold
Also: sechs Engel tun, was Gott sagt, der siebte nicht?

Yanc
Genau, weil dieser sich an das erste Gebot erinnert hat. Das ist eine wichtige Aussage im Jesidentum, dass man sich immer seines Verstandes bedienen soll und selbst entscheiden soll, was falsch und richtig ist. Das ist bei den Jesiden auch eine ganz wichtige Aussage, dass der Mensch für sein Wirken und sein Handeln verantwortlich ist. Wir sprechen ganz bewusst den Begriff nicht aus, weil wir dadurch Gott einen Widersacher hinstellen würden, und aus unserer Sicht gibt es eben keinen Widersacher Gottes. Wenn Gott allmächtig ist, und wir würden ihm einen Widersacher hinstellen, dann ist er ein schwacher Gott und kein allmächtiger Gott.

Reinbold
Also den Widersacher, der, wenn Sie mir das gestatten, im Christentum der „Teufel“ ist – diesen und ähnliche Namen sprechen Sie nicht aus?

Yanc
Richtig, das wäre eine Gotteslästerung aus unserer Sicht.

Reinbold
Wenn jetzt Leute sagen: der siebte Engel, den die Jesiden anbeten, den sie Tausî Melek nennen, der, der sich dem Befehl widersetzt, dieser siebte Engel ist doch eigentlich der Widersacher. Ist das die Verbindung?

Demir
Das ist genau das, was Muslime den Jesiden zur Last legen, und darüber hinaus gibt es sehr viele stereotype Bilder von Jesiden: sie würden Orgien betreiben und vieles andere mehr. Dies geschieht allerdings nicht nur den Jesiden, sondern auch gegenüber den Aleviten.

Reinbold
Ich verstehe. Wie kommt die Anbetung dieses „gefallenen“ Engels zustande? Welche Funktion hat er?

Demir
Der Tausî Melek ist der oberste Erzengel von insgesamt sieben Engeln. Für Tausî Melek gibt es zwei Übersetzungen. Die erste ist „Pfauengel“ oder auch „Gottes Engel“, je nach dem, wie man es etymologisch zurückführt. Auf jeden Fall ist dieser Engel der Anführer der sieben Engel. Das ist wesentlich, weil dieser Erzengel die Kernphilosophie der jesidischen Lehre widerspiegelt. Alles in der jesidischen Theologie, in der jesidischen Lehre geht auf dieses Gebot, geht auf diese Handlung, geht auf ihn zurück. Im Mittelpunkt steht dieses eigenverantwortliche Handeln.

Im Jesidentum gibt es keine böse Gestalt, sondern man sagt: das Böse kommt vom Menschen selbst. Der Mensch hat seinen Verstand und seinen Willen, und dadurch kann er zwischen Gut und Böse unterscheiden und selbst entscheiden. Das Böse rührt vom Menschen selbst her. Deswegen gibt es keine böse Gestalt, die mich exkulpieren könnte, wenn ich sagen würde: „Ih habe eine schlechte Tat begangen, es war aber nicht meine Schuld, jemand hat mich dazu verleitet“. So etwas gibt es im Jesidentum nicht. Es ist in der Schöpfungsmythologie verankert, dass man sich seines freien Willens bedienen soll und sich auf seinen Verstand besinnt. Man soll Befehlen nicht blind folgen, sondern darüber nachdenken, ob dieser Befehl überhaupt logisch ist.

Reinbold
Dafür steht dieses Prinzip, dass der Engel gewissermaßen nachdenkt …

Demir
Genau. Selbst, wenn dieser Befehl von Gott kommt, hast du die Verpflichtung, darüber nachzudenken. Jeder soll sich fragen: „Ist das überhaupt sinnhaftig, was ich da mache? Ist das gut oder böse, was ich da mache oder nicht?“ Gott lag nicht falsch, sondern er wollte überprüfen, ob die Engel dieses Gebot verstanden hatten. Sechs Engel haben es nicht verstanden. Einer hat es verstanden, und deswegen wurde er zum obersten Erzengel erkoren. Es ist aber nicht so, dass einer dieser sechs Engel bestraft worden wäre. Sondern dieser eine Engel war Vorbild für die anderen.

Yanc
Wie in den anderen Konfessionen auch, haben die anderen Engel ja weiterhin in der jesidischen Schöpfung ihre Rolle, zum Beispiel in der Trennung von Körper und Seele und andere Aufgaben. Im Jesidentum gibt es diese Bestrafung nicht, sondern der Mensch kommt als guter Mensch auf die Welt. Er wächst nicht, wie bei anderen Konfessionen, mit der Ursünde auf, weil er aus dem Paradies vertrieben wurde. Denn das Jesidentum kennt keine Vertreibung aus dem Paradies, sondern Adam wurde als göttliches Wesen menschlich, damit überhaupt Leben entstehen konnte. Im Jesidentum gibt es eben nicht diesen Sündenfall aus dem Paradies. Und es ist sehr wichtig, dass der Mensch auf die Welt kommt und dass er irgendwann auch diese Welt verlassen wird. Aber er soll gute Taten sammeln, damit seine Seele in einem nächsthöheren Stadium wiederkommen kann. Aber er geht nicht in die Hölle.

Reinbold
„Im nächsthöheren Stadium wiederkommen“, das heißt, es gibt so etwas wie eine …

Yanc
… eine so genannte Seelenwanderung. Andere glauben, dass Gott einen Widersacher hat und dass es diese Hölle gibt und dass man irgendwie in die Hölle kommt und da schmort. Ich weiß nicht, wie das bei den anderen Konfessionen aussieht. Die Jesiden glauben, dass an einem Hof Gericht über die Seele abgehalten wird, das heißt, die guten und schlechten Taten werden abgewogen, und dann wird entschieden, in was für einem Stadium die Seele wiederkommen kann. Wie es tatsächlich aussieht, kann ich Ihnen nicht sagen, es hat mir bisher keiner berichtet.

Weiter.