Mitschrift: Kehrt der offene Antisemitismus zurück?

Religionen im Gespräch 14, 2014

Gäste:
Ingrid Wettberg, Hannover
Elhakam Sukhni, Osnabrück
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen im Haus der Religionen zum 14. Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute mit dem Thema: „‚Du Juden Nazi‘ – Kehrt der offene Antisemitismus zurück?“

Anlass für unser heutiges Gespräch sind insbesondere die Ereignisse vom Juli dieses Jahres. Dazu drei Schlaglichter:

In Hannover gab es eine Demonstration für Palästina und gegen den Gaza-Krieg. Während der Demonstration entstand eine kleine Gegendemonstration, an der ein Bundestagsabgeordneter der Grünen teilnahm, mit einer Israelfahne in der Hand. Die Fahne wurde ihm aus der Hand gerissen, er wurde angegriffen und als „Juden Nazi“ beschimpft.

Am selben Tag gab es in Berlin eine große Demonstration gegen Israel. Ein israelisches Ehepaar, das zufällig in der Stadt war als Touristen, entkam mit Mühe der aggressiven Menge.

Ebenfalls am selben Tag in Berlin – das können Sie im Internet nachsehen, und es macht einem Angst –: Eine große Menge hat sich versammelt, 5.000, 6.000 Menschen, und sie brüllen „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“.

Viele Juden hat das entsetzt. Der Zentralrat der Juden und viele andere sagen: „Wir hätten uns nicht vorstellen können, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland so etwas jemals wieder auf den Straßen hören würden.“ Und viele fügen hinzu: „Es sind vor allem die Muslime, denen wir diese neue Form des Antisemitismus zu verdanken haben, denn sie sind es vor allen Dingen, die demonstrieren und oft rufen sie religiöse Parolen.“ In Berlin hat man gerufen „Allahu akhbar“ und dazu antisemitische Parolen. 

Wir fragen heute: Kehrt der offene Antisemitismus zurück? Wo liegt die Grenze zwischen antisemitischer Kritik am Staat Israel und legitimer politischer Kritik? Und was hat der Islam, was haben die Muslime mit all dem zu tun?

Ich begrüße herzlich zwei Gäste. Ich begrüße herzlich Ingrid Wettberg. Sie sind seit vielen Jahren die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover und darüber hinaus die Vorsitzende der Stiftung Liberales Judentum. Dieses Haus, das Haus der Religionen, kennen Sie gut. Sie sind Gründungsmitglied im hiesigen Trägerverein und seit vielen Jahren Mitglied im Rat der Religionen der Stadt Hannover. Herzlich willkommen, Frau Wettberg!

Ich begrüße herzlich Elhakam Sukhni. Sie haben in Köln studiert, Islamwissenschaft vor allem, aber auch Judaistik und daneben Völkerrecht. Sie waren lange Zeit Studentensprecher einer muslimischen Hochschulvereinigung. Zurzeit sind Sie Mitarbeiter an der Universität Osnabrück und an einer Doktorarbeit zum Thema „Takfir. Das Absprechen des Glaubens unter Muslimen und die Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft“. Das heißt, Sie beschäftigen sich vor allen Dingen mit den radikalen Ausprägungen des Islams, mit Dschihadisten und Salafisten. Sie kennen das Milieu sehr gut und sind darüber hinaus vielfach engagiert an der Hochschule und darüber hinaus. Herzlich willkommen, Herr Sukhni!

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin der Beauftragte für den christlich-muslimischen Dialog in der Evangelischen-lutherischen Landeskirche Hannovers. 

Heute beginnt die zweite Staffel unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, und ich möchte zunächst den Geldgebern und Sponsoren danken, die das möglich gemacht haben. Ich danke sehr herzlich der Klosterkammer Hannover und der Dr. Buhmann-Stiftung für interreligiöse Verständigung.

Darüber hinaus danke ich dem Kooperationspartner, den wir für die zweite Staffel gewonnen haben. Wir möchten in Zukunft die Stimmen der jungen Generation stärker einzubeziehen, und wir freuen uns, dass wir mit der Evangelischen Integrierten Gesamtschule in Wunstorf einen Kooperationspartner gefunden haben. Sie werden heute mit einem Einspieler, den wir vorbereitet haben, die erste Frucht dieser Kooperation sehen. Herzlicher Dank also an die IGS Wunstorf und ihre Direktorin Elke Rothämel.

Dann fehlt natürlich noch eins, Frau Wettberg: Frohes neues Jahr. Denn heute ist der Beginn des Jahres 5775 nach dem jüdischen Kalender.

Wettberg 
Dankeschön. 

Reinbold 
Sie waren, Frau Wettberg, vor 10 Tagen in Berlin bei der großen Kundgebung gegen Antisemitismus und Judenhass. Dort hat unter anderem Dieter Graumann gesprochen, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden. Er hat sich nach den Demonstrationen im Juli erschüttert geäußert und gesagt: Ich hätte mir das nie träumen lassen, wir haben hier „blanken Judenhass“ gesehen auf den Straßen. Wie haben Sie das erlebt? 

Wettberg 
Ich muss sagen, ich war ziemlich überrascht. Antisemitismus sind wir ja gewohnt. Antisemitismus gibt es in Deutschland, er ist fest verankert in der Mitte der Gesellschaft. Es braucht immer nur einen kleinen Funken. Dieser Funke war vor einiger Zeit – vielleicht erinnern Sie sich noch – die Beschneidungsdebatte: Sofort ging es los. Mittlerweile hatte sich die Lage wieder beruhigt. Und im Juli ging es dann wieder los.

Die Intensität, die Hasskampagnen, die da auf den Straßen gelaufen sind, das hat mich ziemlich überrascht. Auch in unserer Gemeinde spüren wir das. Immer dann, wenn es eskaliert, bekommen wir anonyme Anrufe und E-Mails: Euch haben wir vergessen zu vergasen, aber das holen wir alles noch nach. Solche Dinge …  

Reinbold 
Gibt es da Konjunkturen? Wenn das Thema durch die Presse geht, dann steigt der Antisemitismus an? Oder ist er im Grunde immer da?

Wettberg 
Nein, nein. Wenn so etwas ist, dann steigt er massiv an. Das geht dann immer alles zum Verfassungsschutz. Leider konnten wir niemanden ermitteln. Es ist immer das Gleiche.

Wir haben uns an ein beschütztes Leben, ehrlich gesagt, gewöhnt. Sie können nicht bei uns einfach in eine Synagoge gehen, um sie zu besichtigen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, dann schaue ich mir die Kirchen an, die offen stehen. Das geht bei uns nicht. Besucher sagen uns oft: „Ja, das hätte ich mir gar nicht so vorgestellt.“ Bei uns gibt es keine normalen Fensterscheiben, sondern das ist alles „WK2“-Glas. Das sind alles schusshemmende Fenster. Bei jedem monatlichen Rundschreiben geht das erste Exemplar an die Polizei, und dann streiche ich immer die Veranstaltungen an, die bewacht werden durch Polizeipräsenz. Wir haben Videoüberwachungskameras. Ist das normal? Ich finde das nicht normal. Das ist aber unser tägliches Leben. Und wenn solche Dinge sind wie im Sommer, dann steigt der Antisemitismus gewaltig an.

Reinbold 
Herr Sukhni, nun sagen viele: „Diesen Antisemitismus, den kennen wir, den gibt es in der Mitte der Gesellschaft. Aber was wir jetzt gesehen haben auf den Straßen, 5.000 Leute in Berlin, mit solchen Parolen, mit muslimischen, frommen Parolen. Das ist islamischer Antisemitismus.“ Wie sehen Sie das?

Sukhni 
Wir waren selbst schockiert. Sie sagten ja, dass alle schockiert waren. Die Muslime selbst waren schockiert.

Wenn man sich die Diskussionen auf Facebook anschaut, dann sieht man, dass die Muslime es selbst verurteilt haben. Ich weiß nicht, wie auf einer Demonstration so etwas entstehen kann, so eine Dynamik. Sie kennen das: da fängt einer an, und die anderen ziehen mit. Ich kann es mir nicht erklären, wie es zu so einem Extrem kommen konnte.

Aber Fakt ist, und das muss man berücksichtigen: Diese Art von Judenfeindschaft ist meines Erachtens nicht zu vergleichen mit dem, was Sie beschrieben haben. Mit diesem alltäglichen Antisemitismus, mit dem Sie konfrontiert sind, mit diesen E-Mails, die Sie bekommen, und so weiter. Das sind eingefleischte Antisemiten, die so etwas schreiben.

Antisemitismus ist: Man hasst den Juden, weil er Jude ist. Man wäre bereit, den Juden zu töten, weil er Jude ist. Die Judenfeindlichkeit, die wir jetzt gesehen haben während der Demonstrationen, das ist etwas Anderes. Die Leute, die den Juden hassen, hassen ihn nicht, weil er Jude ist. Die meisten Muslime kennen persönlich überhaupt keine Juden. Es gibt keine Berührungspunkte, es gibt keine persönlichen Kontakte. Was man mit „Juden“ und „Judentum“ assoziiert, ist immer Israel und die israelische Politik, die Besatzungspolitik und so weiter.

Ich nehme mal ein Beispiel: Wir haben manchmal Schulungen mit Kindern und Jugendlichen, und dann sprechen wir natürlich über die Rolle der anderen Religionen im Islam. Wie steht der Islam zum Judentum? Wie steht der Islam zum Christentum? Ich kann mich an eine Situation erinnern, da habe ich vor Jugendlichen erwähnt, dass es möglich ist, eine jüdische Frau zu heiraten. Da fragten sie: „Wie ist das möglich?“ Ja, als Muslim kann ich eine jüdische Frau heiraten. Auch das Essen der Juden ist den Muslimen erlaubt, weil die Juden ja auch diese strengen Regelungen beim Schächten der Tiere haben. Da waren die Jugendlichen überrascht, dass ich auf diese Art und Weise über das Judentum spreche. Da habe ich gefragt: „Woher kommt denn diese Überraschung?“ Und die Antwort war: „Ja, aber was die in Palästina machen! – wie kann man denn da eine jüdische Frau heiraten?“ Die Jugendlichen haben sofort die Verbindung zum Judentum als Teil der israelischen Politik hergestellt, nicht die Verbindung zum Judentum als Religion. Viele können das einfach nicht trennen. 

Reinbold 
Um das zuzuspitzen: Sie würden also sagen: Selbst wenn bei den Demonstrationen Parolen gerufen werden wie „Allahu akhbar“, wo jeder denkt, dass da religiöse Menschen demonstrieren und dass sie mit den antisemitischen Parolen ihrem religiösen Selbstverständnis Ausdruck verleihen – dass es dennoch eigentlich zwei verschiedene Dinge sind?

Sukhni 
Nicht jeder, der „Allahu akhbar“ schreit, schreit es religiös. „Allahu akhbar“ hat ja leider nichts mehr zu tun mit Religiosität. Es ist für viele ein Schlachtruf. Die Leute bekommen ja schon Angst, wenn sie „Allahu akhbar“ hören, obwohl es für uns Muslime eigentlich etwas Positives ist.

Man muss einfach sagen: Die meisten sind junge Leute, Jugendliche, die vielleicht nicht unbedingt in der Moschee sozialisiert sind. Man stellt auch fest, dass die Muslime, die eigentlich keinen Kontakt haben zu Moscheegemeinden, die nicht religiös sind im Alltag, dass diese Jugendlichen eher dazu neigen, radikaler zu sein, auch Rassismus an den Tag legen.

Nehmen wir einmal den Titel dieser Veranstaltung, der ist ja sehr interessant: „Juden Nazi“. Derjenige, der das gesagt hat, der hat einfach nur irgendetwas von sich gegeben, um die Person, die ihm gegenüber steht, zu beleidigen. Das ist ja eindeutig, dass da keine tiefgründige, überlegte Beleidigung drinsteckt, wenn ich „Juden Nazi“ sage. Das zeigt, diese Person wollte einfach nur sein Gegenüber beleidigen: „Ok, diese Person ist wohl Jude, ‚Nazi‘ ist ein ganz übles Wort, dann kombinieren wir das und machen ‚Juden Nazi‘ daraus.“ Dasselbe ist, wenn jemand zu einem „Judenschwein“ sagt. Da geht es um die Beleidigung der Person, die vor einem steht.

Aber diese Judenfeindlichkeit, wie gesagt, resultiert nicht aus grundsätzlichem Hass gegenüber einer Person, weil sie jüdisch ist, sondern weil man meint, dass alle Juden auf jeden Fall proisraelisch sind, prozionistisch, und so weiter. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Jude nicht den Staat Israel unterstützt.

Da kommen wir jetzt zu dem Problem, das wir als Muslime in diesem Jahr hatten. Ihr Problem, Frau Wettberg, war der Antisemitismus. Unsere Wahrnehmung war auf der anderen Seite die völlig kritiklose Bestätigung des Vorgehens der israelischen Regierung in Gaza in der deutschen Öffentlichkeit. Gerade von jüdischer Seite hätten wir uns als Muslime gewünscht, dass ein Hauch Verständnis für das Leid der Palästinenser zum Ausdruck gebracht würde. Vielleicht man muss ja nicht sagen: „Es ist alles schlecht, was Israel da tut“, aber man kann ja sagen: „Ok, das, was die israelische Regierung in Gaza getan hat, ist vielleicht unverhältnismäßig. Es ist vielleicht ein bisschen zu viel gewesen. Es sind vielleicht zu viele Zivilisten gestorben.“ Ein Hauch Verständnis für das Leid der Palästinenser.

Das Thema ist emotional sehr aufgeladen. Wenn der einfache 17jährige Muslim in Deutschland auf Youtube diese Dinge sieht, die in Gaza passieren, dann ist das aus seiner Sicht alles unrecht. Und dann sieht er, dass die Juden sich in Deutschland eindeutig ganz klar für die israelische Politik positionieren. Dann ist es für uns, die diese Arbeit leisten, ganz schwierig, diesen Jugendlichen zu erklären: „Nein, du musst unterscheiden zwischen Juden und der israelischen Politik“. Er sieht nur: Alle Juden unterstützen das. Dann sind alle Juden auch Feinde, und deswegen ist das Wort Jude …

Reinbold 
Ich verstehe. Es würde Ihnen also in Ihrer Prävention gerade unter den jungen Muslimen helfen, wenn auf jüdischer Seite unterschieden würde zwischen Israel und Juden als Juden und beides nicht in eins gemixt würde? Frau Wettberg, ist das eine Möglichkeit? 

Wettberg 
Wie kommen Sie darauf, dass alle Juden hier die israelische Politik unterstützen? Wer sagt das?

Sukhni 
Das ist nicht mein Bild. Ich habe mit sehr vielen Juden zu tun. Ich weiß, dass die jüdische und die israelische Gesellschaft sehr bunt sind. Es gibt verschiedene Ansichten. Letzte Woche waren wir noch in Jerusalem und haben das mit eigenen Augen gesehen. Aber das sehen die Jugendlichen nicht.  

Reinbold 
Frau Wettberg, Herr Sukhni sagt: Die Jugendlichen sehen das nicht. Sie sehen im Fernsehen die Demonstrationen, bei denen Israelfahnen zu sehen sind und bei denen oft „Antisemitismus“ und „Antizionismus“ zusammengesetzt werden, auch als Motto von Demonstrationen. Die Münchner Gegendemonstration etwa hatte das Motto „Gegen Antisemitismus und Antizionismus“, und man sah viele Israelfahnen. Ist das nicht nachvollziehbar, dass da viele bei sich denken: „Aha, alle Juden sind pro Israel“?

Wettberg 
Ja, das wird suggeriert durch diese Bilder. Man muss aber unterscheiden. Also ich persönlich bin Deutsche und Jüdin. Dann gibt es den israelischen Staat. Ich habe eine Menge an der israelischen Politik zu kritisieren. Das ist legitim, das kann jeder tun. Aber ich werde diesen Staat immer verteidigen. Nicht für alles, was er tut. Da muss ich ein bisschen ausholen.

Ich komme aus einer deutschen jüdischen Familie. Ich kann sie bis 1750 hier in Deutschland nachweisen. Da gab es das alles noch nicht dort. Wenn es im Jahr 1933 den Staat Israel gegeben hätte, hätte ich heute noch eine Familie. Aber es gab ihn damals noch nicht. Meine Vorfahren, mein Urgroßvater hat sich freiwillig im Ersten Weltkrieg gemeldet. Er kam hochdekoriert zurück. Er war Deutscher. Er war Deutscher durch und durch. Dann aber, als es darum ging herauszukommen. Was war dann? Dann haben alle zugemacht. Amerika, England, alle haben die Grenzen geschlossen. Meine Familie ist ermordet worden. Nicht, weil sie Verbrecher wären. Sondern weil sie Juden waren.

Im Jahr 1947 hat dann die UN-Vollversammlung beschlossen, den Staat Israel und einen arabischen Staat zu gründen. Die Zionisten haben das angenommen, und sie haben sofort Tausende von staatenlosen Überlebenden des Holocausts aufnehmen können. Zugleich setzte sofort eine Flüchtlingswelle ein. Diese Flüchtlinge sind in den Libanon gegangen, nach Syrien. Sie leben dort in Lagern. Sie leben heute noch in der 3. und 4. Generation in diesen Lagern. 

Sukhni 
Sie meinen die arabischen Flüchtlinge? 

Wettberg 
Ja. In diesen Lagern. Setzen Sie das jetzt einmal um auf Deutschland. Deutschland ist auch nach dem Krieg in neue Grenzen gezwungen worden. Wenn wir diese Grenzen nicht anerkannt hätten und die Flüchtlinge, die aus Ostpreußen und Westpreußen und so weiter hierherkamen, in Lager gepackt hätten und sie da heute noch leben würden? Nein, sie sind in Deutschland integriert worden. Das ist der Unterschied, und das ist der Grund dieses ganzen Dilemmas.

Dieser Staat Israel, der im Laufe seiner Geschichte immer wieder Wellen von verfolgten Juden aufgenommen hat, ob es nun äthiopische Juden waren, iranische Juden oder die Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion – dieser Staat Israel ist meine Fluchtburg. Ich will nicht in Israel leben. Es ist mir viel zu heiß dort. Es ist nicht meine Kultur. Aber es ist meine Fluchtburg. So sehe ich dieses Land. Wie gesagt: nicht kritiklos, sondern ich habe eine Menge daran zu kritisieren. Aber vielleicht kommen wir nachher ja noch auf das Politische zu sprechen, da habe ich auch noch Einiges zu sagen. Das ist aber etwas anderes.

Sukhni 
Es geht mir nicht darum, die Juden aufzufordern, zu sagen, dass sie den Staat Israel ablehnen, dass sie sagen, dass er keine Existenzberechtigung hat. Darum geht es nicht. Was Sie jetzt beschrieben haben …

Wettberg 
Das sagen die Palästinenser aber. 

Sukhni 
Natürlich. Aber die Israelis erkennen ja auch keinen palästinensischen Staat an. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Aber was Sie jetzt erwähnt haben, ist ein Konflikt, der in Europa geherrscht hat. Es gab Flüchtlinge, wie Sie es beschrieben haben, die nach Palästina gingen. Dort ist der jüdische Staat entstanden, und so weiter. Natürlich ist das der Ort, wohin man flüchten konnte. Es war der einzige Ort für Juden, wo sie hinkonnten. Der Staat ist entstanden, und den Staat gibt es. Wir reden jetzt nicht darüber, ob wir die Existenz Israels diskutieren müssten …

Wettberg 
Das macht die Hamas aber. Die Hamas hat in ihren Statuten stehen ... 

Sukhni 
Gut. Die Hamas hat aber oft genug angedeutet, dass sie, wenn Palästina anerkannt wird, würden sie auch die Israelis – aber darum geht es jetzt gar nicht. Der Staat Israel existiert. Es geht nur darum, dass dieser Staat, der momentan von einer stark rechten Partei geführt wird und der auch nicht alle Israelis und Juden repräsentiert, dass dieser Staat zu Maßnahmen gegriffen hat, die man aus meiner Sicht verurteilen sollte und muss.

Es sind über 2.000 Menschen gestorben in Gaza, die meisten sind Zivilisten und Kinder. Dann ist es sehr einfach zu sagen: „Ja, die Hamas ist daran schuld“. Es ist ein Staat gegen die Hamas – ich weiß nicht, wie wir die nennen können, es ist kein Staat. Da erwarte ich einfach aus Menschlichkeit heraus, oder von mir aus: aus politischem Bewusstsein, aus diplomatischen Gründen einfach zu sagen. „Ja, wir Juden, wir stehen hinter dem Staat Israel. Er hat uns aufgenommen. Das ist unser Schutzland. Aber das, was da in Gaza passiert ist, war einfach zu viel. Die Regierung hätte sich zurückhalten können.“ Irgendetwas in der Art.

Die Reaktion der Muslime, die wir gesehen haben, entstand hauptsächlich aus diesem Grund. Die Großen, die jetzt im Fernsehen aufgetreten sind, der Zentralrat der Juden oder auch Frau Knobloch, sie haben sich alle extrem für Israel ausgesprochen. Und die Krönung war, aus Sicht der Muslime – da kommen jetzt Verschwörungstheorien hoch –, die Krönung war, dass sich Bundeskanzlerin Merkel ohne ein Wort der Kritik vollkommen hinter Israel stellt und das dann auch noch verteidigt. 

Wettberg 
Darf ich mal auf die 2.000 … 

Reinbold 
Frau Wettberg, ich würde gerne die politischen Fragen, die immer wahnsinnig schwierig sind …

Wettberg 
Lassen Sie mich bitte darauf antworten, denn das kann nicht so im Raum stehen bleiben, auf gar keinen Fall.

Ein Beispiel. Stellen Sie sich vor: Wir sind Nachbarn. Ich sitze auf meinem Balkon und habe einen schönen Vorgarten. Dann sehe ich, wie mein Nachbar dort drüben auf seinem Balkon eine Raketenabschussbasis hinstellt und ganz viele Gewehre und Kanonen und alles Mögliche. Und ich sehe, wie er auch noch in seinem Vorgarten einen Tunnel gräbt und wie er sich langsam auf mein Grundstück zubewegt. Ich frage Sie: Was würden Sie machen? Würden Sie weiter Kaffee trinken und Ihre Erdbeertorte essen? Oder würden Sie sich wehren?

Stellen Sie sich bitte einmal vor – lassen Sie mich das bitte zu Ende bringen –, stellen Sie sich bitte vor: An der französisch-deutschen Grenze würden über Jahre hinweg täglich fast 80 Raketen von Frankreich auf Deutschland geworfen werden. Würden wir das so einfach hinnehmen? Wie sind die 2.000 Toten – mir tun die Palästinenser, das Volk, wahnsinnig leid! Das ist gar keine Frage, nur – wie sind die Toten denn entstanden? Ich meine: Israel muss sich irgendwann einmal wehren nach einem Dauerbeschuss mit Raketen, und die Hamas ist eine Terrororganisation. Die hält sich ein – und das sage ich jetzt hier ganz klar – die hält sich ein ganzes Volk als Kanonenfutter.

Israel hat sein Geld ausgegeben, um „Iron Dome“ zu entwickeln. Deswegen gab es ja auch so wenige Tote in Israel, weil dieses Raketenabwehrsystem funktioniert hat. Sonst hätte es genauso viele Tote auf der israelischen Seite gegeben. Und es ist so: Raketenabschussbasen wurden in Kindergärten, in Schulen, in Krankenhäusern aufgestellt. Die Israelis haben jedes Mal, wenn sie angegriffen haben, dort angerufen und gesagt: „Wir werden dieses Haus und dieses und dieses zerstören, verlassen Sie das Haus“. 

Reinbold 
Wir sind mitten in den politischen Fragen …

Sukhni 
Genau das ist das Problem. Sie geben jetzt genau das wieder, was die israelische Politik den Leuten ständig verkauft. Also dieses Gerede von den Anrufen. Das war vielleicht eine Pufferzeit von einer Minute, dass die Leute flüchten könnten. Ich höre heraus, dass Sie das legitimieren, die Zerstörung Gazas, die Infrastruktur, den Tod von 2.000 Menschen. Das legitimieren Sie jetzt. Das höre ich heraus. Sie üben keine Kritik aus. 

Reinbold 
Ich würde gern wegkommen von dem Streit um diese sehr politischen Fragen und mich auf den beginnenden Konsens beziehen, den ich gehört habe. Sie haben gesagt, Frau Wettberg, Sie kritisieren die israelische Politik an manchen Punkten. Sie haben gesagt, Herr Sukhni, es würde uns helfen, wenn Juden in Deutschland sich nicht immer bedingungslos mit Israel solidarisch erklären, sondern auch kritische Punkte ansprechen. 

Wettberg 
Ich habe nicht gesagt „bedingungslos“. 

Sukhni 
Aber Sie haben gerade genau das getan! Sie haben eins zu eins gerechtfertigt, warum 2.000 Menschen sterben mussten. Sie haben als Begründung genannt: die Hamas ist schuld. 

Wettberg
Aber jetzt sagen Sie doch einmal, warum seit Jahren Israel beschossen wird? Sagen Sie mir das doch mal!

Sukhni 
Das sage ich Ihnen gerne. Wir haben es hier mit einer Besatzung zu tun. Das haben Sie anscheinend vergessen. Die Westbank ist seit 1967 besetzt, Gaza ist blockiert, nichts kommt rein und raus. Die Leute sind doch nicht aus Spaß ... 

Wettberg 
2005 ist Israel aus Gaza rausgegangen. Was ist passiert? Die Hamas ist eine Terrororganisation, die eines im Sinn hat: Israel, dieses Land zu vernichten. 

Sukhni 
Darf ich eine Frage stellen? Hat die Irgun unter Menachem Begin keine Terroranschläge verübt vor der Staatsgründung Israels? Sie hat Terroranschläge verübt und Menschen getötet. Diese Organisation ist später eingeflossen in den Staat Israel. Menachem Begin wurde Ministerpräsident! Das heißt: für die Hamas gilt, wie für die Fatah zuvor: wenn sie Terror verübt hat, heißt das nicht, dass man nicht in Zukunft mit ihr verhandeln sollte. Aber wenn die Hamas die Macht übernimmt in Gaza und das ganze Land blockiert wird, wenn man die Menschen austrocknet und ausdurstet, da kann man nicht erwarten, dass die Hamas tatenlos da sitzt. Ich verteidige nicht die Hamas, aber Sie können auch nicht so tun, als ob da Raketen fliegen einfach nur so aus Spaß. 

Reinbold 
Frau Wettberg, auch auf jüdischer Seite gibt es ja kritische Stimmen. Sehr prominent hat sich etwa Rolf Verleger geäußert, ein ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden. Er hat im Deutschlandfunk gesagt: ‚Mir sind die Äußerungen des Zentralrats zu unkritisch pro Israel. Es würde helfen, wenn man auch einmal etwas Kritisches sagt, um zu signalisieren: Antisemitismus ist das eine, und Kritik an Israel ist etwas anderes. Es gibt auch eine legitime Kritik an der Politik des Staates Israel.‘ Würde es helfen, wenn man diesen Unterschied stärker macht? Oder ist das aussichtslos? Wir sind ja eben wieder in die typische Konfrontation hineingelaufen, weg von der Frage, was man in Deutschland tun kann, hin zur harten politischen Auseinandersetzung – und das mit zwei sehr wohlwollenden, konstruktiven Gesprächspartnern, die beide das Problem sehen.

Wettberg 
Was können wir hier tun? Es leben hier, ich weiß es nicht genau, 4 bis 5 Millionen Muslime in Deutschland. Wissen Sie, wie viele Juden in Deutschland leben? Schätzen Sie mal. 

Sukhni 
Eine Million oder weniger?

Wettberg 
Eine Million? 102.000. Das ist nichts, das ist gar nichts im Grund. Ich muss schon sagen: die Arbeit, die wir hätten, können wir fast überhaupt nicht leisten. Uns persönlich, also der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, liegt sehr viel am Dialog, sonst wäre ich nicht im Rat der Religionen. Mir liegt sehr, sehr viel daran. Wir haben unglaublich viele Schulklassen in der Synagoge, und ich weigere mich auch, in Schulen zu gehen und dort zu sprechen. Dann heißt es: „Aha, das ist also eine Jüdin. Aha, sie sieht ja ganz normal aus.“ Ich möchte gern, dass die Menschen zu uns kommen. Wir sind ein offenes Haus. 

Reinbold 
Bevor Sie über Schülergruppen sprechen, lassen Sie uns die Chance nutzen, die wir haben. Wir haben einer Klasse der IGS Wunstorf die Parolen genannt, die auf den Demonstrationen gebrüllt wurden und haben sie gebeten, sie auf Plakate zu schreiben und zu sagen, wie sie das sehen. Als die Kollegen vom Evangelischen Kirchenfunk dort waren, haben sie zu ihrer Überraschung festgestellt, dass einige der Schüler bei der Demonstration in Hannover, über die ich eingangs gesprochen habe, dabei waren und mit demonstriert haben. Wir spielen jetzt einmal ein, was die Schüler zu diesen Parolen sagen. 

[Einspieler:
O-Töne:
„Ich finde das halt nicht schön, was da in Israel und Palästina vorgefallen ist.“ 
„Wie gesagt, ich habe nichts gegen die. Ich finde das halt nur Scheiße, dass die einen Staat haben und die gegen Palästina sind.“ 
„Also Juden, über Juden denke ich eigentlich positiv. Also, obwohl ich mich denen nicht nähern darf, das würde ich zwar auch nicht tun. Über größere Distanz, über Facebook oder so kann man dann ein paar Ratschläge von denen nehmen.“ 
„Ich finde das allgemein nicht schön, wenn man über Juden – ok, Juden, also die Israeli, die haben sehr viele Moslems umgebracht. Aber ich finde, da muss man jetzt nicht auch sagen: Scheiß Juden, scheiß Judentum, oder so. Das ist nicht schön. Die sind auch Menschen.“
„Juden haben es halt weit gebracht. Man sollte sich ein bisschen Vorbilder an denen nehmen, eigentlich, wenn man nicht so gut in der Schule ist.“ 
„Eigentlich habe ich nichts gegen Juden. Nur halt gegen den Staat, weil das ein ungerechter Kampf ist zwischen denen. Israelis haben Raketen, sie haben Bomben. Das einzige, was Palästinenser haben, sie können sich nur mit Steinen wehren. Sie haben keine großen Waffen, sie haben keine richtigen Chancen, so wie Israel.“ 
„Nazis sind ja ganz anders als Zionisten. Also, wenn man ‚Nazi‘ sagt, ist es eigentlich ein bisschen brutal, denke ich mal.“ 
„Stoppt den Krieg. Hört auf, die Moslems umzubringen. Was haben sie euch getan?“
Einspieler Ende.]

Weiter.