Mitschrift: Der Koran und seine Bedeutungen

Religionen im Gespräch 6, 2013

Gäste:
Prof. Dr. Thomas Bauer, Arabist und Islamwissenschaftler, Universität Münster
Dr. Kathrin Klausing, Islamwissenschaftlerin, Universität Osnabrück
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen zum sechsten Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem Thema: Ein Text ein Sinn? Der Koran und seine Bedeutungen.

Ich beginne mit einem Zitat: "Der Koran gilt Muslimen als das direkte Wort Gottes. Daher kann er nicht verändert werden und steht nicht zur Disposition. Niemals ist die islamische Welt jener dramatischen geistigen Umwälzung unterworfen gewesen, die die christliche Welt grundlegend verändert hat, nämlich der Aufklärung. Niemals hat der Islam der unerhörten Forderung nachgeben müssen, sich von überkommenen Dogmen zu trennen und es jedem Menschen freizustellen, nur der eigenen kritischen Vernunft das Urteil zu überlassen."

Dieses Zitat stammt aus dem Hamburger Abendblatt, aus einem kritischen Kommentar zur politischen Lage im Iran. Nach meinem Eindruck ist es typisch für die allgemeine Lage. Etwas in dieser Art kann man oft in Zeitungen lesen und im Internet. Man hört es in Reden von Politikern: Der Islam braucht eine Aufklärung.

Das Bild, das viele im Kopf haben, ist etwa dieses: Der Koran ist ein unveränderlicher Text, der immer schon feststeht. Er hat eine klare, eindeutige Bedeutung. Die Muslime müssen tun, was in diesem Buch steht. Und weil das so ist, können sie gar nicht anders als gegen die Menschenrechte zu sein. Denn im Koran – das weiß jeder, der ihn einmal aufgeschlagen hat in einer deutschen Übersetzung – stehen nun einmal Dinge, die mit den Menschenrechten nicht zusammen passen. Solange das so ist, so heißt es oft, passen Islam und Demokratie nicht zusammen. Der Islam braucht eine Aufklärung, vorher ist es im Grunde nutzlos, überhaupt weiter zu reden.

Ist das so? Müssen Muslime tun, was im Koran steht, auf Punkt und Komma genau? Und mehr noch: Was steht denn eigentlich im Koran? Ist das so eindeutig, wie es in diesem Zitat klang und wie es oft klingt?

Mit diesen Fragen wollen wir uns heute beschäftigen und haben dazu zwei Gäste eingeladen. Ich begrüße herzlich Prof. Dr. Thomas Bauer von der Universität Münster. Sie sind Arabist und Islamwissenschaftler. Sie haben vor zwei Jahren ein sehr stark beachtetes Buch geschrieben über die Geschichte des Islams, mit dem Titel: „Eine Kultur der Ambiguität“ –also der Mehrdeutigkeit –, Untertitel: „Eine andere Geschichte des Islams“. Sie werden im nächsten Monat den wichtigsten deutschen Wissenschaftspreis erhalten, nämlich den Leibnizpreis der deutschen Forschungsgemeinschaft. Dazu herzlichen Glückwunsch! und herzlich Willkommen in dieser Runde.

Ich begrüße Dr. Kathrin Klausing. Sie haben Islamwissenschaften studiert an der Freien Universität in Berlin. Sie haben eine Doktorarbeit geschrieben über die Geschlechtervorstellungen in Korankommentaren. Zurzeit unterrichten Sie koranische Wissenschaften an der Universität Osnabrück. Herzlich Willkommen Frau Klausing.


 

Wie ist der Koran entstanden?

Herr Bauer, ich möchte mit den Anfängen des Korans beginnen. Oft liest und hört man, der Koran sei etwa so entstanden: Da ist der Prophet Muhammad auf der arabischen Halbinsel, 7. Jahrhundert. Worte Gottes werden zu ihm herab gesandt. Er sagt sie auf, und seine Gefährten behalten sie, memorieren sie, können sie schließlich auswendig. Als der Prophet stirbt, sammelt man diese Worte, bindet sie schließlich zusammen in einem Buch. Als sich der Islam ausbreitet, verteilt man dieses Buch in den Zentren der islamischen Welt und kopiert es. Und so kommt es schließlich auf uns, so dass das, was am Anfang war, der ursprüngliche Koran, heute überall auf der Welt gelesen werden kann. Ist das so gewesen? Wie ist der Koran entstanden?

Bauer
Es gibt in der Forschung kaum ein so umstrittenes Thema wie die Frage nach den Anfängen des Korans. Viel Aufmerksamkeit haben gegenwärtig Ansätze bekommen, die sagen, dass es komplett anders war, dass etwa der Koran schon früher da war oder erst viel später entstanden ist.

Diese Ansätze sind allerdings deutlich in der Defensive. Es zeigt sich, dass die einfachste Hypothese – also die Vermutung, die am wenigsten Erklärungsaufwand erfordert – dass die einfachste Vermutung die ist, dass die traditionellen Überlieferungen über das Zustandekommen des Korans mehr oder weniger stimmen. Dabei ist Folgendes interessant: Gerade die islamischen Erzählungen über die Entstehung des Korans sehen ziemlich viel Menschenwerk vor. Der Koran kommt nicht auf eine sehr wunderbare Art und Weise zustande, sondern es sind ganz normale Menschen, die diese Texte hören, die diese Texte auswendig lernen und sie sammeln und zusammenstellen.

Die Fragen, die die traditionellen Überlieferungen übrig lassen, sind Fragen wie: Zu welchen Zeitpunkt war der Korantext mehr oder weniger so fertig, wie er heute da ist? Da glaube ich, dass das sogar ziemlich früh der Fall war. Viele sagen, dass der Koran schon beim Tod des Propheten im Wesentlichen in der Form da war, die wir haben. Dafür spricht einiges, vor allem die Tatsache, dass der Korantext – und das ist etwas, das vielen Muslimen gewisse Probleme bereitet –, dass der Korantext Varianten hat. Und zwar Varianten, die sogar von der klassischen islamischen Koranwissenschaft anerkannt werden.

Wenn wir uns diese Varianten des Korantextes anschauen, dann sehen wir, dass sich diese Varianten nicht ideologisch erklären lassen. Es ist ganz offensichtlich so, dass der Verursacher einer Variante nicht versucht hat, eine bestimmte Koranstelle in einer bestimmten Weise zu interpretieren, indem er den Text ändert, etwa durch Umpunktieren oder Umvokalisieren des Arabischen. Manche Koranvarianten sind sogar grammatisch hart. Am besten erklärbar sind diese Varianten, wenn man davon ausgeht, dass es alte Varianten sind, die schon die frühesten Koranleser so hatten. Das deutet darauf hin, dass der Korantext schon beim Tod des Propheten oder sehr kurz danach – etwa während des Kalifates des zweiten Kalifen Omar, das ist eine sehr sinnvolle Hypothese – etwa in der Form da ist, in der wir ihn heute haben.

Interessant ist, dass schon die alten Koranüberlieferer von Koranüberlieferungen sprechen, die sie als nicht so zuverlässig betrachtet haben. Auch das spricht dafür – und das sieht man im Moment in der Islamwissenschaft –, dass die wahrscheinlichste Hypothese zur Entstehung des Korans diese ist. Der Korantext war sehr früh fertig, in der Gestalt, in der er heute vorliegt, und er wurde mit Varianten überliefert. Allerdings bieten die heutigen gedruckten Koranexemplare diese Varianten nicht dar, sondern sie verbreiten den Text, der sich im Osmanischen Reich durchgesetzt hat und der vom Osmanischen Reich propagiert wurde, nämlich die so genannte Lesart Hafs von Asim. Heute wird diese Lesart von allen als der Koran akzeptiert. Diese Stellung hatte sie aber nicht immer.
 

Varianten und Lesarten des Korantexts

Reinbold
Das heißt: Ursprünglich ist der Korantext nicht einheitlich, sondern er enthält Varianten, und man kann ihn auf verschiedenerlei Weise lesen?

Bauer
Ja, er enthält Varianten, von denen einige als gut überliefert gelten, und dazu gibt es sehr viele Varianten, die als weniger gut überliefert gelten bzw. auch als Fehler gelten. Man sollte das allerdings auch nicht übertreiben: Es ist nicht so, dass es zahllose Varianten gibt, die eine völlig andere Interpretation des Korans nahe legen.

Das eigentlich Entscheidende ist Folgendes: In einer Hebräischen Bibel oder einer wissenschaftlichen Ausgabe des Neuen Testaments haben Sie unter dem Text Fußnoten mit sehr vielen Varianten (viel mehr, als es zum Koran gibt). Aber der Status dieser Varianten ist ein anderer. Ein westlicher Philologe glaubt immer, dass es einen einheitlichen Ursprungstext gibt, der auf verschiedene Weise „verderbt“ ist, wie der Philologe sagt, das heißt, in den sich Fehler eingeschlichen haben. Ein klassischer Koranwissenschaftler würde das nicht so sagen. Er sagt: Solche verderbten Varianten gibt es natürlich auch. Aber es gibt auch Varianten, die gleichermaßen authentisch sind. Das ist sozusagen die List Gottes. Gott offenbart seinen Text sozusagen mit Fußnoten. Verschiedene Lesarten des Korans gelten als gleichermaßen authentisch, und es ist Gottes Planung gewesen, den Koran genau auf diese Art und Weise zu offenbaren. Das ist übrigens etwas, das viele Muslime heute gar nicht wissen.

Reinbold
Frau Klausing, lernt man das bei Ihnen in Osnabrück an der Universität auch so? Der Koran ist ein Text, der bewusst und von Anfang an vieldeutig ist, ein Text mit Fußnoten?

Klausing
Was Herr Bauer gesagt hat, bezieht sich vor allen Dingen auf die schriftliche Form des Korans, also auf den sogenannten Mushaf. Die Sichtweise der islamischen Gelehrsamkeit auf die Entstehung des Korans hat allerdings auch ein zweites Standbein, das viel wichtiger ist, und das ist die mündliche Überlieferung. Korantexte sind vor allen Dingen in der Anfangszeit des Islams eine Unterstützung für die Rezitation dessen, was man auswendig kann. Es geht darum, dass man sich erinnert. Der erste Kodex des Osman, den Sie angesprochen haben, wird in der islamischen Geschichtsschreibung als ein Kodex angesehen, der diese verschiedenen Lesarten zugelassen hat, der aber falsche Lesarten mehr oder weniger eliminiert hat. Die traditionelle Sichtweise besteht darauf, dass es eine mündliche Überlieferung gibt, die lückenlos ist. Sie geht zurück auf die Zeit des Propheten, und sie umfasst Varianten.

Man sagt allgemein, dass es sieben anerkannte Lesarten des Korans gibt. Die Bekannteste und gängigste wurde eben schon genannt, das ist die Lesart Hafs. Über all diese verbreiteten Lesarten unterrichten wir in Osnabrück, auch über Varianten, die nicht in den Kanon eingegangen sind. Das ist für unsere Studenten nichts Neues. Vielleicht ist eine einzelne Variante etwas, was sie noch nie gehört haben. Die Lesart bzw. Rezitationsart Warsch, die in Marokko bzw. in Nordafrika verbreitet ist, kennen viele unserer Studenten und gebrauchen sie zum Teil im Gebet. Aber andere, weniger bekannte Lesarten wie z.B. die im Sudan gebräuchliche kennen nicht alle Studenten. Das heißt allerdings nicht, dass sie darüber schockiert wären, dass es diese Lesart gibt. In der Theorie ist das klar. Ob man mit dieser Lesart vertraut ist, ist dann noch einmal eine andere Sache. 
 

Alle Varianten des Korantexts gelten als ursprünglich

Reinbold
Herr Bauer, der Ausgangstext ist also vielgestaltig. Es gibt verschiedene Versionen, nicht den einen Urtext, der im Nachhinein verderbt worden wäre. Nun schreiben Sie in Ihrem Buch etwas, das für meine Ohren eigentümlich klingt: Der Kalif hätte den Text eindeutig machen können, indem er ihn punktiert, indem er all die Zeichen, die im Arabischen nicht geschrieben werden, hinzu setzt. Genau das aber macht er nicht. Er verzichtet auf die Punkte, um die Vielgestalt der Überlieferung nicht einzuschränken. Könnten Sie das bitte noch einmal erläutern. Was steckt da für ein Gedanke dahinter?

Bauer
Es ist so, dass im Arabischen Kurzvokale nicht geschrieben werden und dass auch sonst ein paar Mehrdeutigkeiten in der Schrift sind. Eine gängige These besagte, dass die Varianten in der Koranüberlieferung ihren Grund darin haben, dass die arabische Schrift nicht eindeutig ist. Das ist aber offensichtlich eine schiefe Meinung.

Zum einen ist es, wie Frau Klausing schon sagte, tatsächlich so, dass wir die mündliche Überlieferung meist viel zu wenig berücksichtigen. Die mündliche Überlieferung war die dominierende. Wozu brauchen wir überhaupt Schrift, wozu müssen wir einen Text aufschreiben, den wir auswendig wissen? Wenn man ein Gedicht auswendig lernt, dann merkt man, dass man oft überspringt, dass man nicht weiß, wie die nächste Strophe losgeht. Hat man eine schriftliche Vorlage, dann fällt es leicht, Textauslassungen, Umstellungen und dergleichen zu vermeiden.

Zum zweiten war es so, dass die mündliche Überlieferung Varianten hatte. Um diese Varianten nicht durch die Schrift unmöglich zu machen, schien es dem Kalifen besser, nicht alle Einzelheiten schriftlich niederzulegen. Das bedeutet nicht, dass der Kalif meinte, jeder könne sich irgendetwas in die mehrdeutige Schrift hineindenken. Sondern es ging darum, dass die Lesart von Hafs, die Lesart von Amr, die Lesart von Warsch gleichermaßen mit diesem Text in Übereinstimmung gebracht werden können.

Reinbold
Frau Klausing, geht es dabei um Dinge, die den Inhalt verändern? Oder sind das Kleinigkeiten, die am Inhalt nicht viel ändern?

Klausing
Es gibt verschiedene Typen von Änderungen, die durch eine Rezitationsart bzw. eine Variante hervorgerufen werden. Das können nebensächliche Dinge sein, etwa dass die Betonung anders ist oder dass ein Verschlusslaut mal stärker, mal weniger stark ausgesprochen wird.

Die Varianten können aber auch die Bedeutung ändern. Ein ganz bekanntes Beispiel ist der vierte Vers in der ersten Sure, wo im Arabischen vom maliki yaumi d-din die Rede ist. Das gibt es einmal in einer kurzen Schreibweise, also malik. Das ist ein anderes Wort als in der Hafs-Lesart, wo mālik steht, mit langem „a“. Das eine übersetzen wir mit „Herrscher“, das andere mit „König“ oder ähnlich. An der Grundbedeutung des Verses ändert sich allerdings nichts.

Reinbold
Man könnte also zugespitzt sagen, dass es ist im Grunde nicht klar ist, welcher der ursprüngliche Text ist.

Bauer
Die gelten alle als ursprünglich.

Klausing
Genau.
 

Wann hört das göttliche Wort auf, rein göttlich zu sein?

Bauer
Das hängt mit der Interpretation zusammen. Was zählt, ist folgender Gedanke, den Sie in allen Offenbarungsreligionen finden, auch im Christentum: Wir haben Gott als das ganz andere, das Unfassbare. Wir sind Menschen, die nur auf die Weise kommunizieren können, wie Menschen das halt können. Wenn ich zum Beispiel mit meiner Katze zu kommunizieren versuche, dann merke ich, dass ich schnell auf Kommunikationsprobleme stoße – wie sollte das mit Gott anders sein?

Wenn Gott sich offenbaren, wenn er mit Menschen kommunizieren will, dann bleibt ihm sozusagen nichts anderes übrig als einen Kommunikationskanal zu wählen, der den Menschen zugänglich ist. Und da taucht nun in jeder Religion das Problem auf: Wo hört das Wort Gottes auf, der rein göttlichen Sphäre anzugehören? Und wo fängt es an, der menschlichen Sphäre anzugehören? Die Christen haben sich um die sowohl göttliche als auch menschliche Natur Christi in die Haare bekommen. Das ist ja das Hauptthema in der christlichen Theologie immer gewesen: Wie viel Gott ist in Christus und wie viel Mensch? Gerade im Orient war das das große Thema.

Dieses Problem hat man auch mit dem Koran: Wo hört das göttliche Wort auf, rein göttlich zu sein? Und wo fängt es an, menschlich zu sein? Sobald es menschlich ist, ist es auch menschlicher Interpretation zugänglich. Einleitend zitierten Sie die These, dass der Koran nicht interpretierbar sei, weil er das Wort Gottes ist. Diese These ist einfach falsch.

Zum einen: Es gibt Richtungen in der islamischen Theologie, die sagen, dass der Koran das unerschaffene Wort Gottes ist. Aber sie ziehen sich sogleich wieder zurück, indem sie sagen, dass das, was unerschaffen ist, das göttliche Attribut der Rede ist. Diese Rede kann aber unterschiedliche Formen annehmen. Ein guter maturiditischer Theologe würde sogar sagen, dass das noch nicht einmal an die arabische Sprache gebunden ist.
Das andere ist: Wenn Sie das ablehnen und sagen, dass der Koran Wort für Wort göttlich ist, dann kann Gott sich der Varianten bedienen, die Teil der menschlichen Kommunikation sind, denn ohne Varianten kann man keinen Text überliefern (versuchen Sie einmal, mehrere Seiten eines Textes abzuschreiben, ohne eine einzige Variante hineinzubringen, das können Sie nicht, das kann niemand). Und vor allem: Auslegen müssen Sie den Text so oder so, ob er nun menschlich oder göttlich ist. Ohne Interpretation geht es nicht.

Texte ohne Interpretationsbedarf gibt es überhaupt nicht. Oder genauer: Es müssen schon sehr primitive Texte sein, bei denen man gar nichts interpretiert, „Betreten verboten“ etwa. Ein komplexer Text aber ist interpretationsbedürftig. Es gibt im Islam Richtungen, wie z.B. die Salafisten, die behaupten, es gäbe nichts zu interpretieren. Aber das ist nicht der Fall. Für den großen Strom der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit der verschiedensten Richtungen ist das auch völlig klar. Sie alle sagen: Der Koran ist ein Text mit Interpretationsspielraum. Bei manchen Richtungen ist dieser Spielraum größer, bei manchen kleiner. Aber die Tatsache, dass es etwas zu interpretieren gibt, die gilt in der klassischen islamischen Gelehrsamkeit und bei den meisten heutigen islamischen Theologen und Gelehrten als ausgemachte Tatsache.
 

Bestimmte Strafen stehen im Koran – aber man soll sie nicht anwenden

Reinbold
Frau Klausing, Sie haben über Korankommentare gearbeitet, insbesondere zu den Fragen von Mann und Frau. Spürt man diese Vielfalt in den Kommentaren?

Klausing
Man spürt dieses Bedürfnis allein schon daran, dass es immer wieder neue Korankommentare gibt. Es gibt das Bedürfnis, etwas Neues hinzuzufügen zu einem Korankommentar oder zu einem bestehenden Diskurs. Das heißt allerdings nicht, dass der Koran ein ominöser Text ist, den man überhaupt nicht interpretieren kann, wo immer unterschiedliche Dinge herauskommen.

Ein Beispiel, das ich in meiner Doktorarbeit untersucht habe. Es gibt den berühmten 34. Vers der vierten Sure, wo das Konzept der Qiwama angesprochen wird, das heißt: die Männer stehen den Frauen vor. Einig sind sich alte wie neue Korankommentare darin, dass es hier um eine finanzielle Versorgungspflicht des Ehemannes gegenüber der Ehefrau geht. Aber darüber hinaus findet man noch ganz viele andere Ideen. Man findet Diskussionen darüber, wieweit diese Versorgungspflicht zu gehen habe, welche anderen Rechte damit einhergehen sollten, welche Grenzen sie haben, nämlich die Ehe. Dann gibt es in der Moderne aber auch Meinungen, die sagen, dass sich das nicht nur auf Ehemann und Ehefrau bezieht, sondern auf alle Männer und Frauen in einer Gesellschaft. Dann wird man auch Abhandlungen dazu finden, worin diese Versorgungspflicht des Ehemannes begründet ist, und Vieles andere mehr.

Reinbold
Nun ist das ja der Vers, in dem eines der Worte steht, das in der Islamdebatte heute immer wieder zitiert wird. Nämlich: Wenn die Frauen sich nicht verhalten wie sie es sollten, dann macht dieses und jenes und jenes mit ihnen. Und wenn das alles nicht hilft, dann „schlagt sie“. So steht es da. Ist auch dieser Satz vieldeutig? Wie gehen Sie mit so einem Satz um?

Klausing
Da gibt es ganz viel zu interpretieren. Ar-Razi, einer der klassischen großen Korankommentatoren (12. Jh.), hat zum Beispiel dieses Wort dahingehend interpretiert, dass es „schlagen“ bedeutet. Dann aber warnt er als typischer Anhänger der Rechtsschule der Schafiiten davor, das auch wirklich zu tun. Seiner Auffassung nach ist es etwas Schlechtes, ein anderes Lebewesen körperlich zu züchtigen.

Reinbold
Also: es steht da, aber man soll es trotzdem nicht tun?

Klausing
Ja, man sollte es lieber nicht tun.

Bauer
In der klassischen Zeit hat man das nie als Problem gesehen, dass Dinge da stehen, die man so nicht machen darf. Das betrifft die ganzen im Koran vorgesehenen Körperstrafen. Heute denkt man, wenn das Wort „Scharia“ fällt, sofort an Steinigungen, abgehackte Hände, und so weiter. Aber „Scharia“ ist zunächst einmal das, was Gott mit dem Menschen im Sinn hat, es ist die Beurteilung der menschlichen Handlungen durch Gott.

Wenn Sie in ein klassisches Rechtsbuch schauen, dann hat der Teil mit den rituellen Pflichten den größten Umfang. Themen wie die rituelle Reinheit machen den Juristen Spaß, da können sie sich auslassen. Als zweites kommen die Gebete. Dann erst kommt der Teil des islamischen Rechts, der wirklich von praktischer Relevanz war. Man muss ja sehen, dass die islamischen Gelehrten einem großen Teil der Welt eine sichere Rechtsordnung gegeben haben, in einer Zeit, in der das keineswegs selbstverständlich war. Das betrifft in erster Linie das Kaufrecht, das ist ganz wichtig, dann das Eherecht und das Handelsrecht. Dann erst kommt am Ende noch ein bisschen Strafrecht. Man merkt schon an diesem Aufbau, dass das die Gelehrten gar nicht wirklich interessiert hat, und dies ganz einfach deshalb, weil man das Strafrecht nicht angewandt hat oder nur in sehr geringem Maße.

Ohnehin sind es ja nur einige wenige Strafen, die im Koran erwähnt werden, die so genannten Hadd-Strafen. Man hat versucht, diese möglichst nicht anzuwenden. Einige Forscher haben einmal die Chroniken durchforstet und dabei festgestellt, dass es in der ganzen islamischen Geschichte von 700 bis 1980 nur einen oder zwei Fälle von Steinigungen gegeben hat. Ein Fall ist gut untersucht, da war es eine rein politische Sache: Anhänger einer bestimmten Richtung im osmanischen Reich wollten demonstrieren, dass sie durchgreifen. Sonst wandte man die Hadd-Strafen nicht an. Wenn jemand aus der Nachbarschaft eine Frau anzeigte, weil sie in ihrer Wohnung verbotene Sachen machte, dann hat man im Normalfall dafür gesorgt, dass sie aus dem Viertel wegziehen muss. Das war das Übliche bei Ehebruchanklagen. Steinigungen kamen nicht vor. Dort, wo sie heute durchgeführt werden, steht immer eine politische Agenda dahinter. Bestimmte Leute wollen damit etwas demonstrieren.

Reinbold
Frau Klausing, ich denke, das ist für viele von uns nicht ganz einfach zu verstehen: Es steht da, man tut es aber nicht, und man soll es auch nicht tun. Warum steht es dann da?

Klausing
Einerseits wird das Gebot durch die Strafandrohung verfestigt, das Gebot, nicht zu stehlen, zum Beispiel …

Reinbold
Man sagt den Leuten: Das ist ein wichtiges, ein ernstes Gebot …

Klausing
Lassen Sie mich ein Beispiel ergänzen, um das ein bisschen plastischer zu machen. Es gibt Überlieferungen über den zweiten Kalifen Omar, der die Hadd-Strafe für Diebstahl, also das Abhacken der Hände, aussetzte. Er definierte „Diebstahl“ so, dass Reichtum und Wohlstand in einer Gesellschaft vorhanden sein müssen, bevor jemand im Sinne des koranischen Gebots ein „Dieb“ ist. Das ist gute islamische Tradition.

Reinbold
Man legt also so viele und so hohe Voraussetzungen fest, bevor jemand ein „Dieb“ im Sinne des Korans ist, dass die Strafe nicht zur Anwendung kommt?
 

VI Der Korantext ist vieldeutig und offen – die Wahhabiten versuchen, das zu ändern

Bauer
Ja. Auch in der islamischen Geschichte gab es immer wieder einmal Unbehagen mit dieser Deutungsoffenheit. Das bekannteste Beispiel ist Abd-al Wahhab, der Gründer des Wahhabismus, der im 18. Jahrhundert in einem abgelegenen Wüstenort im heutigen Saudi-Arabien sagte: Diese ganze Interpretiererei lassen wir sein; jeder, der guten Willens ist, kann das unmittelbar verstehen. Auf seinen Lehren basieren moderne, radikale Richtungen des Islams, die sich mit europäischen Ideologien gut vertragen haben. Erst diese Richtungen machen ein einheitliches ideologisches Gebilde aus dem Islam.

Erst wenn man die Sache so betrachtet, wird die von uns diskutierte Widersprüchlichkeit zum Problem. Für die klassischen Gelehrten war es das nicht – und für viele moderne Gelehrte auch nicht. Wir haben da oft einen zu kurzen Blick. Wenn wir von „Reformmuslimen“ sprechen, dann schauen wir meist auf Intellektuelle, die im Westen leben. Aber Reformmuslime gibt es auch in den islamischen Ländern, in Ägypten zum Beispiel. Ich denke an Tarek al-Bischri, der für die Partei der Mitte im ägyptischen Parlament sitzt und der den Korantext so nutzt, dass er sagt: Wir destillieren aus ihm moralische Prinzipien, an die wir uns halten. Wenn Diebstahl verboten ist, dann ist das ein moralisches Prinzip. Das heißt aber nicht, dass wir Hände abschlagen müssen.

In diesem Punkt treffen sich klassische Gelehrte und einige moderne Gelehrte, die ich gar nicht mal unbedingt „Reformmuslime“ nennen möchte. Das Entscheidende ist ja, dass diese Offenheit dem Text gegenüber nichts ist, was man sich im Islam erst mühsam erarbeiten müsste. Sondern man kann ohne weiteres an die Tradition anknüpfen. Die Tradition ist modernisierbar, ohne dass man mit ihr brechen muss. Eher sind umgekehrt die radikalen Strömungen, die heute so sehr ins Auge fallen, ein Bruch mit der islamischen Tradition.

Weiter