Mitschrift: Gehören wir wirklich dazu?

Religionen im Gespräch 16, 2015

Gäste:
Dua Zeitun, Osnabrück
Belit Onay, Hannover
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen im Haus der Religionen zum 16. Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“. Unser Thema heute Abend ist: „Gehören wir wirklich dazu? Muslimische Jugendliche zwischen Anerkennung, Ausgrenzung und radikaler Propaganda“.

Als wir das Thema für das Gespräch heute Abend vereinbart haben, konnten wir nicht absehen, wie aktuell es werden würde. Bundespräsident Wulff hat vor fünf Jahren in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit zum ersten Mal den mittlerweile berühmten Satz gesagt, der Islam gehöre „inzwischen auch zu Deutschland.“

Bundeskanzlerin Merkel hat diese Feststellung lange gemieden, im letzten Jahr aber zum ersten Mal vor großem Publikum wiederholt. Sie hat Migranten und Menschen mit ausländischen Wurzeln in die Parteizentrale der CDU, das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, eingeladen und eine politische Grundsatzrede gehalten. In dieser Rede hat sie zum ersten Mal diesen Satz zitiert, wiederholt und ihm zugestimmt. Und jetzt hat sie es wieder getan in ihrer Rede zum 7. Januar 2015 im Deutschen Bundestag. Und wie seinerzeit beim Zitat von Bundespräsident Wulff, als es heftige Erregung gab, gibt es auch jetzt wieder eine intensive Diskussion: Ist das nun so, oder ist das nicht so?

Muslimische Jugendliche, so ist jedenfalls mein Eindruck, kennen dieses hin und her sehr gut. Sie hören auf der einen Seite, dass sie selbstverständlich dazugehören und auch dazugehören sollen. Sie sollen in der Schule alles mitmachen. Sie sollen am Schwimmunterricht teilnehmen. Sie dürfen auf gar keinen Fall bei der Klassenfahrt fehlen, weil sie dazugehören, wie die anderen auch. Auf der anderen Seite aber erleben sie immer wieder, dass sie in Diskussionen und in wissenschaftlichen Studien als „Migranten“ bezeichnet werden, so als ob sie selbst aus der Türkei oder anderen Ländern nach Deutschland gekommen seien, während sie doch in Wirklichkeit in Osnabrück geboren sind oder in Goslar oder irgendwo sonst in Deutschland. Sie sind hier zur Schule gegangen, und sie kennen das Land ihrer Eltern oder Großeltern nur aus dem Urlaub. Und dennoch fragt man sie – und das glaube ich, kennt fast jeder und jede: „Wie kommt es, dass Sie so gut deutsch sprechen?“

Was ist da los? Und vor allen Dingen: Was sagen muslimische Jugendliche eigentlich selbst zu diesen Themen? Wie beurteilen sie ihre Lage? Und was kann man tun, um sie vor der Propaganda der Radikalen zu schützen, von der in diesen Tagen besonders seit dem 7. Januar und den Attentaten in Paris so viel die Rede ist? Das ist unser Thema heute, und ich begrüße dazu zwei Gäste.

Ich begrüße zu meiner Linken Dua Zeitun. Dein Vater war schon einmal hier in dieser Runde, in unserem zweiten Gespräch. Du bist in Aachen geboren und in Osnabrück groß geworden als Tochter eines Imams, der eine der ältesten Moscheen in Osnabrück gegründet hat. Du arbeitest zurzeit an der katholischen Landvolkhochschule in Oesede für den interreligiösen Dialog. Man bemerke: Eine Muslima arbeitet bei einer katholischen Einrichtung für den interreligiösen Dialog! Du hast die Dom- und Moscheeführungen in Osnabrück mitbegründet und bist seit einiger Zeit unterwegs im ganzen Land in Diensten des interreligiösen Dialogs. Ebenfalls gegründet hast du die MUJOS „Muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land“, und du warst mit dieser Gruppe vor einigen Wochen im Landtag und hast damit den Anstoß für unser heutiges Gespräch gegeben. Herzlich Willkommen Dua Zeitun. 

Ich begrüße herzlich Belit Onay. Du stammst gebürtig aus Goslar, hast dort Abitur gemacht, dann Jura studiert, eine Promotion angefangen, die zurzeit ein wenig unter den politischen Ämtern leidet, aber, wie ich eben gehört habe, noch fertig werden soll. Du warst Referent im Landtag bei der grünen Landtagsabgeordneten Filiz Polat. Seit 2013 bist du selbst Abgeordneter im niedersächsischen Landtag, für Bündnis 90/Die Grünen. Eine deiner vielen Aufgaben ist der Kontakt zu den muslimischen Verbänden. Herzlich Willkommen Belit Onay. 

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin der Beauftragte für den christlich-muslimischen Dialog in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. 

Falls Sie sich wundern, warum wir hier beim vertrauten „Du“ sind. Wir kennen uns aus verschiedenen Dialogen und politischen Zusammenhängen und haben uns verständigt, dass wir das hier heute nicht durch ein Podiums-Sie verdecken, sondern beim „Du“ bleiben.

Dua Zeitun, ich habe begonnen mit der aktuellen Debatte, die seit einigen Tagen wieder durch die Zeitungen geht. „Der Islam gehört zu Deutschland“, sagt die Kanzlerin. Dann melden sich wichtige CDU-Mitglieder zu Wort, darunter ein Ministerpräsident, auch der Fraktionsvorsitzende, die sagen: „Nein, das stimmt so nicht.“ Wie nimmst Du diese Diskussion wahr? 

Zeitun 
Das ist eine Debatte, die schon seit Jahren aktuell ist und zurzeit aktueller denn je: Gehört der Islam zu Deutschland? „Ja, die Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam nicht“, sagen manche. Meiner Meinung nach gehört der Islam zu Deutschland, und zwar aufgrund der Jugendlichen der 2. und 3. Generation, die hier geboren wurden und die hier aufgewachsen sind. Sie nehmen sich selber als Muslime wahr, aber als deutsche Muslime und als Teil dieser Gesellschaft.

Eigentlich gehen sie selbstverständlich davon aus, dass sie ein Teil dieser Gesellschaft sind. Dann aber werden sie mit politischen Debatten konfrontiert, die sie verunsichern. 14-, 15-, 16-jährige machen sich auf einmal Gedanken. Sie fragen sich: „Wo gehöre ich jetzt hin?“ Diese Fragen begleiten Jugendliche in ihrer Identitätsfindung sehr stark. Das bekomme ich bei den Jugendlichen auch oft mit, wenn sie auf mich zukommen und fragen: „Was bin ich eigentlich, Dua, was meinst du?“

Reinbold 
Nehmen die Jugendlichen die Debatte in den Zeitungen und im Fernsehen sehr genau wahr? Bedrückt sie das, wenn diese Themen diskutiert werden?

Zeitun 
Natürlich bekommen sie das mit. Aber nicht nur durch die Medien, sondern letztendlich auch durch die Gesellschaft. Diskriminierung ist ein Aspekt, den viele Muslime mitbekommen. „Du Ausländer, du gehörst hier nicht dazu.“ „Nimm dein Kopftuch ab.“ Das sind Sätze, die der ein oder andere hört. Ich würde nicht sagen, dass alle Jugendlichen diese Erfahrungen machen. Aber es kommt häufig vor, dass sie damit vor den Kopf gestoßen werden. Sie erfahren Ausgrenzung.

Ich gehe davon aus und bin immer davon ausgegangen, dass ich, wie jede andere, deutsche Bürgerin bin. Dann aber werde ich damit konfrontiert, dass ich es letztendlich doch nicht bin, weil ich aufgrund meiner Hautfarbe oder meines Kopftuches oder meines Namens, so gibt man mir zu verstehen, nicht dazugehöre.

Reinbold 
Belit Onay, wie nimmst du diese Debatte wahr, der Islam gehört zu Deutschland, gehört nicht zu Deutschland?

Onay 
Ich finde sie ein bisschen schräg, weil sie sehr weit an der Realität vorbeigeht. Wir hatten das immer wieder in den Medien, in der Frankfurter Allgemeinen war letztens wieder ein Artikel und in der WELT, auch in verschiedenen anderen Zeitungen wird das Pro und Kontra diskutiert, mit Spitzfindigkeiten wie: „Muslime ja, aber Islam nicht“. Oder mit geschichtlichen Highlights: Die Deutschen hätten einst die Türken bei Wien zurückgedrängt. Oder mit irgendwelchen komischen, seltsamen Konflikten, die bemüht werden, die aber mit der Realität von Jugendlichen und anderen, die hier leben, nichts zu tun haben.

Das sage ich jetzt einmal nicht als Landtagsabgeordneter, sondern als jemand, der als Kind türkisch-muslimischer Einwanderer vor 34 Jahren in Goslar zur Welt gekommen ist und der seit 34 Jahren hier lebt und der, wenn sich nichts groß ändert, wahrscheinlich sein Leben hier auch beenden wird. So geht es vielen Menschen. Es ist nicht nur der Islam, sondern alles an diesen Menschen und auch alles an mir gehört zu Deutschland. Das ist noch nicht einmal pathetisch, sondern das ist die Realität. Nicht nur die Religion, auch die Sprache, das Kulturelle, politische, lebensanschauliche, weltanschauliche Überzeugungen, all das gehört zu Deutschland. Wenn wir hier leben, wenn wir Teil dieser Gesellschaft sind, dann stellt sich für mich die Frage nicht.

Mir scheint: Diese Debatte ist eher eine Debatte, die geführt wird, um die konservative Seele so ein bisschen zu beruhigen: Es ist noch das traute alte, bekannte Deutschland. Nein: ist es nicht mehr. Es ist anders. Es ist besser, wie ich finde. Es ist bunter, vielfältiger. Aber dafür müssen wir werben. Es gibt, glaube ich, Vieles, was in diesem neuen Deutschland, in diesem veränderten, bunter gewordenen Deutschland, für die gesamte Gesellschaft ein Vorteil ist. Aber dafür müssen wir uns halt auch anstrengen. Also: ich glaube, die Debatte geht an der Realität vorbei. Und ich bin sie, ehrlich gesagt, auch ein bisschen leid. 

Reinbold 
Dua Zeitun, viele Muslime sind es leid. Ich sehe in den sozialen Medien oft erschütternde Mitteilungen von Muslimen, die sagen: „Ich kann es nicht mehr hören, wann hört das endlich auf?“ Würdest du sagen: Wir führen diese Debatte, und niemand denkt an die Jugendlichen und wie es auf sie wirkt? 

Zeitun 
In jedem Fall. Man vergisst auch, dass ein muslimischer Jugendlicher letztendlich nicht anders ist als andere Jugendliche. Er hat Hobbys, geht zur Schule, schmiedet Berufsperspektiven, fragt sich: „Was möchte ich später werden? Was soll aus mir werden? Was bin ich? Was möchte ich sein?“ und so weiter.

Die Diskussion, die wir führen, begrenzt oft alles auf seine Religion und seine „Herkunft“. Seine „Herkunft“, die er oder sie, wie wir gesagt haben, vielleicht ein, zwei oder drei Mal besucht hat. Manche Jugendliche kennen ihre „Herkunft“ auch gar nicht. Ich kenne einige, die noch nie im Ursprungsland ihrer Eltern waren. Was ist mit diesen jungen Menschen? Sie werden mit solchen Fragen bombardiert in einer Zeit, in der andere Jugendliche sich mit ganz anderen Themen auseinandersetzen. Das hemmt natürlich ihre Entwicklung. Sie fragen sich dann nicht mehr, welche Berufsperspektiven es für sie gibt, was sie werden wollen und so weiter. Sondern sie sagen gleich: „Nein, das würde sowieso nicht funktionieren, weil ich Mustafa heiße, oder weil ich ein Kopftuch trage, oder weil ich ...“.  Das sind die Punkte, die sie daran hindern, weiterzudenken, weiterzuschauen, voranzugehen. 

Reinbold 
Ist das ein Grund gewesen, warum du diese muslimische Jugendcommunity gegründet hast? Wenn ich recht sehe, ja doch ohne jede institutionelle Rückendeckung, einfach als Privatperson.

Zeitun 
Für mich ist der Verein der muslimischen Jugendcommunity ein Traum, den ich selbst nicht erlebt habe. Ich komme aus der zweiten Generation. Ich bin in einem Dorf groß geworden, wo man mit dem Finger auf uns gezeigt hat. Das war sehr schwierig. Ausgrenzung habe ich erlebt, Diskriminierung, und da war auch kein Ort, wo ich mich wirklich aufgefangen fühlte. Das wäre wichtig für mich gewesen. Aber das gab es nicht.

In unserem Verein war für mich an erster Stelle wichtig, dass er gemeinde- und nationalitätsunabhängig ist. Es ist ein deutscher muslimischer Verein. Wobei man sagen muss: Der Verein wird immer wieder als „Migrantenverein“ abgestempelt, weil wir „muslimische Jugendcommunity“ heißen. Obwohl wir die Vereinsarbeit, also die Jugendarbeit, nur in deutscher Sprache gestalten. Wir haben eine bunte Mischung, Jugendliche mit vielen verschiedenen kulturellen Hintergründen, von bosnisch, bis türkisch, bis albanisch … 

Reinbold 
… das heißt, der Muslim ist automatisch der Migrant, und man bekommt das nicht aus den Köpfen heraus? Man ist in einer deutschen muslimischen Community, aber gilt als migrantisch …  

Onay 
In der allgemeinen Debatte ist der Islam eine Ausländerreligion. So ist die Wahrnehmung, und so ist auch die Darstellung der Religion und der Muslime. Ich glaube, das ist auch genau das Problem. Wir nehmen die Religion wichtiger als sie ist. Die Religion ist wichtig, auch für die einzelnen Personen, mal mehr, mal weniger. Aber ich glaube nicht, dass sie das alleinige Momentum der Identitätsfindung ist, auch bei Jugendlichen nicht. Es ist ein wichtiges Teil, ein Puzzle einer Identität, die sich herausbildet, etwas, das auch später immer wieder eine Rolle spielt. Aber in der Debatte, die wir führen, werden Muslime wirklich nur auf ihren Glauben reduziert.

Ich habe vermutlich mehr Gemeinsamkeiten mit einem 34-jährigen jüdischen Fußballfan als mit einem Moslem aus Saudi-Arabien, der 50 oder 60 Jahre alt ist. Wir haben mehr Gemeinsamkeiten, die sich über völlig andere Linien ergeben. Dadurch, dass wir ständig die Religion zum Thema machen und die Unterschiede diskutieren, zum Teil bis in alle Tiefe, betonen wir die Trennlinien stärker als die verbindenden Momente.

Ich glaube, das ist für viele Jugendliche auch kränkend. Bei vielen führt die Debatte zu einer Trotzreaktion, zu einer Haltung des: „Wenn ihr mich so haben wollt, dann erst recht!“ Das sieht man dann am Kleidungsstil, teilweise am Habitus, an der Wortwahl. Das hat auch etwas zu tun mit der Minderheitensituation. Aber die Mehrheitsgesellschaft verstärkt es dadurch, dass sie ständig in dieser Art und Weise diskutiert.

Reinbold 
Also, wie man hier im Norden sagt, „Wenn ihr mich schon zum Ausländer macht – das kannst haben“? 

Onay 
Man wächst in diese Rollen hinein, in denen man sonst nicht wäre. Etiketten werden einem zugeschrieben, und man erfüllt sie. Ich glaube, das ist schon sehr stark zu beobachten bei den Jugendlichen. 

Zeitun 
Das möchte ich ergänzen. Es gibt auch viele Jugendliche, die dann ihre Religion in den Vordergrund stellen. Die sich wirklich provokant damit präsentieren, obwohl sie letztendlich gar nicht praktizierend sind, zum Beispiel. Das ist immer sehr spannend zu sehen. Es ist eine Trotzreaktion: „O.k., meine Religion wird hier nicht angenommen. Ich werde diskriminiert aufgrund meiner Religion oder aufgrund der Religion, die meine Eltern haben.“ Nicht jeder muslimische Jugendliche ist praktizierend oder sitzt den ganzen Tag und sucht nur nach religiösen Antworten. Er ist, wie gesagt, zunächst einmal ein Jugendlicher wie jeder andere auch. Das ist einer der Gründe, warum Jugendliche sich radikalisieren. Da ist Diskriminierung ein wichtiger Faktor. 

Reinbold 
Die Jugendlichen reagieren auf die Zuschreibung, sie seien ein gefährlicher Moslem, indem sie zu einem gefährlichen Moslem werden bzw. stärker in diese Richtung gehen als sie es normalerweise täten?

Zeitun 
Ja, natürlich. Um das zu erreichen, sind ja auch die radikalen Gruppierungen im Internet präsent. Sie bieten diesen Jugendlichen an, sie aufzufangen. Sie fassen diese Schmerzempfindung an und geben ihnen genau das, was sie auch brauchen: Geborgenheit, „wir akzeptieren dich“, „wir sind eine Familie“, „wir sind eine Gemeinschaft“, „uns trennt nichts“, „egal, wie du aussiehst, ob du dunkelhäutig bist oder Türke oder Araber, du gehörst zu uns, wir gehören zu dir“. Das ist attraktiv, wenn man sich von der Gesellschaft und der Politik ausgegrenzt fühlt. Also: diese Jugendlichen mit ihrer Religion, mit ihrer Identität, sie sind ein Teil von Deutschland.  

Reinbold 
Und du versuchst mit der muslimischen Jugendcommunity, dem etwas entgegenzusetzen, einen Ort, an dem solche Fragen vernünftig besprochen werden können, an dem man selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft ist und nicht ausgegrenzt wird.

Zeitun 
Ja, genau. Für mich ist es selbstverständlich, dass sie Deutsche sind. Es sind deutsche Muslime. 

Reinbold 
Nun wart ihr im Landtag, und wir haben darüber einen kleinen Film gedreht, mit einigen O-Tönen der Jugendlichen. Was sagen sie selbst zu ihren Zukunftschancen? Welche Erfahrungen machen sie?

[Einspieler:
Hannover, hier im niedersächsischen Landtag fallen die politischen Entscheidungen, auch in Sachen Bildung und Chancengleichheit. Deshalb hat sich die muslimische Jugendcommunity Osnabrücker Land, die MUJOS, aufgemacht, um mit Politikern aus den vier politischen Landtagsfraktionen zu diskutieren. Vor allem geht es dabei um ihre berufliche Zukunft. Denn egal, ob in Politik, Wirtschaft oder Handwerk, die Chancen stehen gut, auch für muslimische Jugendliche – sollte man meinen. Sie selbst sehen das allerdings kritisch.  

O-Töne:
„Ich habe eine Freundin, die wollte Kindergärtnerin werden, die hatte halt Kopftuch an, und die durfte halt nicht mitmachen, weil die halt Kopftuch anzieht. Das war halt ungerecht, weil sie ist ja trotzdem gut. Hat ja nichts damit zu tun, was sie auf dem Kopf hat.“  

„Es kommt darauf an, wo man sich bewirbt, dass man sich halt, wenn man Medizin studiert, nehmen die einen direkt an, wenn man viel Wissen hat oder so etwas. Aber wenn man zum Beispiel jetzt hier in der Bäckerei einmal zum Beispiel Praktikum machen will, darf man nicht an der Kasse oder so etwas arbeiten, weil die meinen, die Gäste sehen das nicht so gerne. Deshalb arbeite mal hinten, mache die Brötchen. Fand ich nicht so nett.“ 

„Meine Stiefschwester hat sich beworben als Krankenschwester und wurde dort nicht genommen wegen ihres Kopftuchs. Wenn sie das Kopftuch ablegt, dann wird sie genommen werden, aber weil sie es nicht wollte, wurde sie nicht genommen.“ 

„Man kann es auch, wenn man gute Noten hat, zu etwas im Leben bringen. Zum Beispiel sehe ich das ja an meinen Eltern. Die sind ja nach Deutschland gekommen, aber haben ja trotzdem eine Karriere. Die sind jetzt beide Ärzte und alles, und deswegen glaube ich, man kann das schon schaffen.“ 

„Wir haben sehr viele Möglichkeiten. So ist das nun auch nicht. Wer etwas zur Gesellschaft beitragen möchte, kann auch was tun.“

„Ich denke schon, dass es bei manchen Berufen ein Problem sein könnte.“ 

„Ich finde das schade, weil ich ganz viele Freundinnen habe, die Lehramt studiert haben und aufgrund ihres Kopftuches dann nicht angenommen wurden.“ 

„Einfach also aufgeschlossener sein zu den Menschen, nicht so gleich die Vorurteile einfach haben, so sagen: Ja, der ist jetzt dunkelhäutig, der ist jetzt kriminell oder so. Einfach netter zu den Leuten sein, einfach miteinander, wie ich jetzt mit jedem umgehe. Es gibt ja diesen Spruch: Was ich nicht will, dass man mir tut, das soll man auch keinem anderen tun. Das soll man auch wirklich machen.“
Einspieler Ende].

Reinbold 
Viel Kopftuch in diesen O-Tönen: Man wird nicht Kindergärtnerin, in der Bäckerei darf man nicht an der Kasse stehen, man darf nicht Lehrerin werden. Belit, was sagst du dazu? 

Onay 
Das Kopftuch spielt eine große Rolle in der Debatte, seit langem, das ist nicht neu. Gerade was den Schulbetrieb anbetrifft, der auch angesprochen wurde, ist das ein großes Thema. Lehrerinnen mit Kopftuch dürfen und durften nicht an die Schule, soweit sie andere Fächer als Religion unterrichten.

Das Problem bei der Debatte ist, glaube ich, dass sie mittlerweile derart politisch emotional aufgeladen ist, dass es schwierig ist, eine gesunde Debatte zu führen. Und vor allem merke ich immer wieder, dass viel über das Kopftuch gesprochen wird, aber wenig mit denen, die es tragen. Ich glaube, das ist einer der wenigen Filme, in dem die Betroffenen direkt zu Wort kommen und sich dazu äußern und Stellung beziehen können, wer sie sind, was sie wollen, was ihre Wünsche sind. Darin besteht eine große Schwierigkeit.

Wir haben beim Thema „Kopftuch“ eine sehr politische Debatte. Das ist übrigens nicht nur in Deutschland so, sondern auch in anderen Ländern. In der Türkei beispielsweise ist es auch über Jahrzehnte derart hoch stilisiert worden. Ich habe ein bisschen die Sorge, dass es hier bei uns ähnlich werden könnte, wenn sich die Debatte derart fortsetzt. 

Zeitun 
Ich finde es frustrierend, wenn 14-, 15-jährige Mädchen sich solche Gedanken machen. Eigentlich sollten sie sich nur Gedanken machen darüber, was sie werden wollen, was ihr Traumberuf ist. Aber so ist es nicht. Sofort kommt die Frustration, und sie sagen. „Na ja, vielleicht mache ich es ja doch nicht, weil ich ja dann auch nicht arbeiten kann, nicht arbeiten darf“. Andere machen sich in diesem Alter nur Gedanken darüber, was ihr Berufswunsch, was ihr Traum ist. Sie sind schon zwei Stationen weiter. Diese Mädchen aber überlegen jetzt schon. „Oh Gott, dann habe ich keine Chance.“ Mit 15 Jahren habe ich keine Chance, mit meinem Kopftuch zu arbeiten. Das ist frustrierend.

Für mich ist wichtig, dass man diese Jugendlichen versteht. Wir erwarten, dass sie sich bilden, dass sie vorankommen. Wir wollen Akademiker. Wir wollen gebildete junge Muslime. Aber viele Jugendliche sagen sich: „Warum soll ich mir die Mühe machen? Ich komme ja doch nicht weiter“. Und dann muss man immer wieder schauen, sie zu motivieren. Ich sage dann: „Nein, man soll die Hoffnung nicht aufgeben.“ Und ich nehme mich selbst als Beispiel.

Ich arbeite in einer katholischen Einrichtung als Mitarbeiterin mit meinem Kopftuch, mit meiner islamischen Identität. Und ich bin trotzdem meinem Arbeitgeber, meiner katholischen Einrichtung gegenüber loyal. Es geht. Meine Erfahrung zeigt: Man kann gemeinsam arbeiten, und es ist eine Bereicherung für mich und auch für das Team. 

Reinbold 
Kannst du die Widerstände, die es in der deutschen Gesellschaft gibt und die momentan wieder stark hervortreten im Zuge der Debatte um das Kopftuch an den Schulen, nachvollziehen?

Zeitun 
Es ist halt die Angst. Der Islam ist im Moment ein Monstrum. Das sorgt für Angst. Durch die Medien. Durch die vielen Vorurteile, durch Islamhass, durch PEGIDA. Das macht es enorm schwierig, für solche Debatten Lösungsvorschläge zu geben. Wie kann man dieses Problem lösen? Ich denke so, wie es eine der Jugendlichen gesagt hat: Es geht nicht darum, was ich auf dem Kopf habe, sondern was ich im Kopf habe. Man kann nicht wirklich sagen: Aufgrund ihres Kopftuches kann sie nicht als Lehrerin arbeiten. Ich denke, da muss man immer wieder differenzieren und auf den Menschen schauen. Da fehlt es einfach noch. 

Reinbold 
Nun ist es ja nicht die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die sich ausgedacht hat, dass das Kopftuch ein solches Symbol ist. Vielmehr sehen wir in verschiedenen Ländern, wie es tatsächlich symbolisiert und instrumentalisiert wird. Etwa, wenn man schaut, was sich derzeit in der Türkei abspielt. Belit, siehst du irgendeinen Weg, wie man diesen Knoten lösen könnte?

Onay 
Ich glaube, kurzfristig wird es sehr schwierig. Wir verfolgen hier in Niedersachsen zurzeit das Vorhaben, einen Staatsvertrag mit den muslimischen Gemeinden zu schließen, was sehr wichtig ist. Wir versuchen, das Verhältnis zwischen dem Staat und den Muslimen im Land zu klären und auf eine rechtliche Basis zu hieven. Dabei ist das Problem des Kopftuches, glaube ich, ein harte Nuss. Es ist, und das sehen wir überall, wie gesagt sehr emotional. Und mit emotionalen Debatten in der Politik ist es nicht ganz einfach.

Es ist auch immer schwierig, wenn man sich als Mann über das Kopftuch unterhält. Denn es ist ja wirklich ein frauenpolitisches Thema. So wird es auch diskutiert. Aber das macht schon das erste Problem sichtbar. Frauen, die ein Kopftuch tragen, dürfen nicht in die Schule. Männer aber, die den Islam ähnlich auslegen, haben keine Probleme. Ich könnte mit einer entsprechenden Gesinnung ganz normal an der Schule arbeiten, Karriere machen, Schulleiter werden und so weiter und so fort. Aber Frauen schließen wir aus. Wir unterstellen ihnen, dass sie unterdrückt werden, und das obwohl sie studiert haben. Wir erteilen ihnen ein Berufsverbot. Worin da die Logik liegen soll, muss man mir noch einmal irgendwie erklären. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Da tut sich eine Diskriminierung speziell von Frauen auf, die, glaube ich, unverhältnismäßig ist. 

Zeitun 
Ja, in diesem Fall werden wir auch unterdrückt. Wir haben uns als muslimische Frauen für das Kopftuch entschieden. Aber wir können in einem bestimmten Berufsbereich nicht arbeiten. Wir werden daran gehindert. 

Reinbold 
Wenn jetzt einer sagt: „Nun stellen Sie sich nicht so an. Im Fach ‚Religion‘ können Sie das ja aufziehen. Aber in Mathematik lassen Sie es bitte ab!“ Also: warum keine flexible Handhabung mit diesem Kleidungsstück? Ich trage auch nicht immer Krawatte.

Zeitun 
Dafür haben wir in der Bundesrepublik Deutschland die Religionsfreiheit und die Meinungsfreiheit. Da ist es für mich ganz selbstverständlich zu sagen: „Ich habe mich für das Kopftuch entschieden. Ich trage es selbstbewusst, ohne jeglichen Druck, ohne jegliche Manipulation. Ich tue es für mich, für meinen Glauben, für meine Überzeugung und möchte dann dementsprechend, dass mich die Gesellschaft so akzeptiert, genau wie ich natürlich jede Frau akzeptiere, die das Tuch nicht trägt.“ Eigentlich ist es nicht schwierig. Eigentlich. 

Reinbold 
In Wirklichkeit ist es sehr schwierig. Aber ich höre, dass eine flexible Lösung keine Möglichkeit ist. Wenn man sich entschieden hat, hat man sich entschieden, und man kann dann nicht sagen – oder du könntest dann nicht sagen: „Gut, wenn ich unbedingt Lehrerin werden will, dann mache ich das eben so. Ich trage das Tuch so weit, wie es geht. Und wo es juristisch nicht geht, trage ich es eben nicht.“ Das wäre ja auch eine Möglichkeit, daranzugehen, ganz pragmatisch. 

Zeitun 
So nicht, das würde ich nicht machen. Ich würde mein Kopftuch nicht ablegen, um die Chance zu bekommen, als Lehrerin arbeiten zu dürfen. Aber wenn ich zum Beispiel als Krankenschwester oder Krankenpflegerin arbeiten möchte, dann ist mir natürlich klar, dass ich zum Beispiel mit so einem Kopftuch, wie ich es jetzt trage, nicht arbeiten kann. Da muss man natürlich flexibel sein. Oder wenn ich als Köchin arbeite, da kann ich so ein Tuch auch nicht tragen. Aber an sich zu sagen, dass das Kopftuch ein Hindernis ist, das finde ich traurig, weil es mir letztendlich die Rechte nimmt, die ich habe. 

Weiter.