Aleviten, Koran und Bibel: Melek Yildiz, Yilmaz Kahraman im Gespräch

Reinbold
Hat all das etwas mit dem Koran zu tun und mit der Sunna, der Überlieferung der Worte des Propheten? Oder spielen Koran und Sunna keine Rolle für Aleviten?

Kahraman
Von den Hadithen (Worten des Propheten), wie sie die Sunna tradiert, halten Aleviten nicht sehr viel, sie glauben nicht daran. Die Aleviten sind der Auffassung, dass der Koran verfälscht ist.

Reinbold
Der Koran ist verfälscht?

Kahraman
Der Koran ist verfälscht. Der Meinung sind die Aleviten. Ich persönlich bin nicht der Meinung. Aber es gibt diese Meinung bei den Aleviten, dass der Koran verfälscht ist.

Nachdem Muhammad gestorben ist, gab es Streitigkeiten um die Nachfolge, wer Kalif wird. Im Arabischen heißt Kalif „Nachfolger“. Es gab Streitigkeiten, ob es Abu Bakr oder Ali sein soll. Letztendlich wurde es Abu Bakr, und nach Abu Bakr wurde es auch nicht Ali, sondern es gab zwei weitere Kalifen. Die Aleviten sind der Auffassung, dass Ali bei diesem Streit entrechtet wurde und dass der Koran in dieser Zeit verfälscht wurde. Der Koran wurde als Buch gebündelt erst nach Muhammads Tod, das sagen auch Sunniten und Schiiten. Erst mit dem dritten Kalifen Osman wurde alles, was Muhammad rezitiert hat, gebündelt. „Koran“ bedeutet ja „Rezitation“. Diese Rezitation wurde auf Felle, auf Steine und auf Holztafeln geschrieben. Der Kalif Osman hatte nach Muhammads Tod die Idee, dass man die Rezitationen in Form eines Buches zusammenbringt. Die Aleviten sind der Meinung, dass es bei dieser Bindung zur Verfälschung kam, dass Suren fehlen, dass Suren weggelassen wurden, aus politischen Gründen.

Darüber hinaus muss man sagen, dass Aleviten nicht nur den Koran ehren und als heilig anerkennen, sondern auch die Bibel und die Tora (die jüdische Bibel, insbesondere die fünf Bücher Mose). Nach alevitischem Verständnis gibt es keine Hierarchie von Religionen, von Büchern oder von Propheten, ganz im Gegenteil. Man muss jede Religion als gleichwertig ansehen, jede Religion respektieren. Aus diesem Grunde gibt es bei den Aleviten auch keine Mission. Einen Menschen für die eigene Religion zu gewinnen, passt in dieses Verständnis nicht hinein. Auch der Christ lebt mit seiner Religion, und auch seine Religion hat Wahrheit, und auch seine Religion ist gut. Es gibt nicht diese Rangstufen, dass eine Religion, ein Buch oder ein Prophet besser ist als der andere. 

Reinbold
Wie ist das: Hat ein alevitischer Haushalt eine Bibel und einen Koran im Bücherregal?

Yildiz
Vielleicht kann ich das mal aus der Unterrichtsperspektive erläutern. Interreligiosität spielt im alevitischen Religionsunterricht eine große Rolle und ist auch in den Lehrplänen verankert, sowohl im Grundschullehrplan als auch im Kernlehrplan der Sekundarstufe I. Es ist ein obligatorisches Thema. Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen werden behandelt. Da kann es durchaus sein, dass bestimmte Inhalte der Bibel, des Korans oder der Tora behandelt werden. 

Reinbold
Für das Selbstverständnis ist der Koran aber kein zentrales Buch, sondern ein Buch neben der Tora und dem Evangelium?

Yildiz
Genau. Er ist nur im Kontext der Interreligiosität auch Gegenstand des Unterrichts. [...]

Kahraman
Es ist nun aber nicht so, dass es bei den Aleviten gar keine Bücher gäbe. Es gibt heilige Schriften von Bektasch Weli. Auch die Buyruk ist eine sehr heilige Schrift für die Aleviten. Allerdings wird sie nicht von der breiten Masse gelesen, sondern nur von den Priesterfamilien. Sie studieren diese Schriften und geben die Lehre innerhalb der Familie und dann mündlich an die so genannten Laien weiter.

Reinbold
Gibt es die Buyruk auch auf Deutsch?

Kahraman
Leider nicht. Aber vielleicht könnte man sie im Rahmen eines Instituts übersetzen und sich wissenschaftlich damit befassen.

Yildiz
Ich meine, es gibt eine deutsche Übersetzung.

Kahraman
Davon weiß ich nichts.

Reinbold
Ist das Buch im Buchhandel erhältlich?

Yildiz
Es ist meines Wissens zurzeit schwierig, an das Buch heranzukommen.

 

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