Alevitischer Religionsunterricht: Melek Yildiz im Gespräch

Reinbold
Wie ist das: Hat ein alevitischer Haushalt eine Bibel und einen Koran im Bücherregal?

Yildiz
Vielleicht kann ich das mal aus der Unterrichtsperspektive erläutern. Interreligiosität spielt im alevitischen Religionsunterricht eine große Rolle und ist auch in den Lehrplänen verankert, sowohl im Grundschullehrplan als auch im Kernlehrplan der Sekundarstufe I. Es ist ein obligatorisches Thema. Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen werden behandelt. Da kann es durchaus sein, dass bestimmte Inhalte der Bibel, des Korans oder der Tora behandelt werden. 

Reinbold
Für das Selbstverständnis ist der Koran aber kein zentrales Buch, sondern ein Buch neben der Tora und dem Evangelium?

Yildiz
Genau. Er ist nur im Kontext der Interreligiosität auch Gegenstand des Unterrichts.

Reinbold
Ich möchte noch einmal auf den alevitischen Religionsunterricht zu sprechen kommen. Wie muss ich mir das vorstellen? Es gibt im Alevitentum im Wesentlichen mündliche Tradition, haben Sie gesagt, das heißt, Sie haben wahrscheinlich keine Bücher. Wie bringen Sie den Kindern was bei?

Yildiz
Wir haben natürlich einen Lehrplan. Der Grundschullehrplan ist sehr ausführlich, alle wichtigen Elemente sind aufgeschrieben worden. Bisher hatten wir drei Durchläufe zur Ausbildung alevitischer Lehrer, und in diesen Zertifikatskursen sind viele Unterrichtsmaterialien entstanden. Jetzt haben wir mit dem Kompetenzteam aus dem Rhein-Sieg-Kreis im Internet eine Lehrerplattform eingerichtet. Dort werden alle Unterrichtsmaterialien eingestellt, die Unterrichtsverläufe und die dazugehörigen Arbeitsblätter. Jeder Lehrer, der den alevitischen Religionsunterricht erteilt, bekommt einen Zugang und kann sich die Materialien herunterladen. Die Lehrer können auch ihre eigenen, neuen Materialien einstellen. Ich überprüfe sie dann als Administratorin und mache sie anschließend für alle zugänglich. Das ersetzt natürlich kein Schulbuch, aber für die Übergangszeit ist es eine enorme Hilfe. Über kurz oder lang brauchen wir ein Schulbuch, es ist schon in Planung.

Reinbold
Sie sind also in einer Experimentierphase, probieren aus, was funktioniert und was nicht funktioniert, welche Materialien gut sind und welche weniger gut. Was wollen Sie den alevitischen Kindern im Religionsunterricht vor allen Dingen beibringen?

Yildiz
Zuerst einmal lernen sie alevitische Grundsätze. Sie lernen, wie sie diese im Leben, im Alltag und in der Schule reflektiert umsetzen können. Ganz wichtig ist, dass sie Toleranz gegenüber Andersgläubigen entwickeln. Daher ist auch der interreligiöse Dialog so wichtig. Und wichtig ist das, was ich schon zu Beginn erwähnt habe: Wir wollen uns nicht mehr über unsere Defizite definieren, sondern über das, was wir sind. Das machen unsere Schüler im alevitischen Unterricht sehr gut. Sie sagen nicht mehr, was sie nicht sind, sondern sie sagen. Wir haben den und den Heiligen, bei uns gibt es die und die alevitischen Feiertage und Gedenktage, die und die alevitischen Heiligen, dazu die Fürbitten und Gesänge, die bestimmte Leitsätze, Grundsätze, und so weiter.

 

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