Antisemitismus: Alla Volodarska, Norbert Trelle, Eren Güvercin im Gespräch

Reinbold
Ich möchte auf ein Stichwort zurückkommen, das in unserem Einspieler eine Rolle spielte. Frau Prange sagte, dass sie es sich leichter vorgestellt hat mit einem schwarzen Jungen in Deutschland. Es gibt Rassismus, es gibt nach wie vor Antisemitismus. Herr Trelle, sie sind Vorsitzender der Migrationskommission der deutschen Bischofskonferenz. Ist dieses Land nicht so tolerant, wie es gerne wäre bzw. denkt, dass es sei?

Trelle
Es gibt immer noch starke Strömungen in unserem Land, die sich mit den Erfordernissen einer Zivilgesellschaft schwer tun. Ich kenne Jugendliche, manchmal auch Kinder, die sagen. „Wir werden direkt oder versteckt gemobbt. Wir erfahren Verachtung in der Art und Weise, wie man uns anspricht.“ Das gibt es leider immer noch, auch primitiven Rassismus.

Eine solche Haltung können wir nur überwinden durch ein wirklich geduldiges und auch in mancherlei Hinsicht offensives Zugehen auf die Menschen, die unsere Nachbarn sind. Ich lasse mich nicht so schnell entmutigen in dem Bemühen, mit allen, mit denen ich in den Gruppen zusammenkomme aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Sprachhintergründen – in Hannover gibt es über 170 verschiedene Nationalitäten und Sprachgruppen! –, ich lasse mich da nicht so schnell aus der Spur bringen. Wir brauchen einen langen Atem. Wir werden auch Rückschläge erleben. Aber wir sind in der richtigen Spur.

Ich rede jetzt als Christ. Wir können als Christen nicht beten „Unser Vater im Himmel“ und uns dann irgendwie verdeckt oder offen rassistisch verhalten. Das muss man auch in der Verkündigung immer wieder sagen. Diesen Widerspruch, den darf man nicht überdecken.

Reinbold
Frau Volodarska, wie präsent ist das Thema in Ihrer Gemeinde? Ist Antisemitismus etwas, das man aus den Meinungsumfragen kennt, oder ist das ein Alltagsthema?

Volodarska
Antisemitismus ist für uns leider immer noch ein Alltagsthema. In den letzten Tagen hat mich ein Vorfall in einer Realschule in Hannover bewegt. Ein Mädchen, das zu unserer Gemeinde gehört, ist zur Schule mit einem Davidstern gegangen, wie ich ihn auch trage. Anschließend wurde sie über Facebook von einem Jungen aus einer muslimischen Familie als „Judensau“ beschimpft. Der Junge hat mehrere hundert Likes bei Facebook bekommen, viele haben gesagt: „Gefällt mir!“

Ich muss ehrlich sagen: Wir haben erst einmal den Atem angehalten. Was macht man in dieser Situation? Geht man zur Schule und spricht mit den Kindern? Geht man zur Schule und spricht mit den Lehrern? Geht man zur Schule und spricht mit dem Direktor? Dieser Fall ist kein Einzelfall. Es ist das, was in unseren Schulen immer noch sehr präsent ist. Das Wort „Jude“ ist ein oft gehörtes Schimpfwort auf dem Schulhof, das ist heute so.

Was ich manchmal als noch belastender und schlimmer empfinde, ist ein latenter Antisemitismus in der Gesellschaft. Antisemitismus ist in letzter Zeit irgendwie salonfähiger geworden. Man spricht über Israel und kommt von israelischen Problemen sehr schnell auf die „Weltmacht“ von Juden. Dann wird die antiisraelische Haltung sehr schnell zu einer antisemitischen Haltung.

Manchmal erleben wir auch von militanten Christen oder von fundamentalistischen Christen Übergriffe. Heute zum Beispiel hatte ich auf meinem Anrufbeantworter eine richtige Bekehrungsrede, eine richtige Missionierungsrede, abgeschlossen mit einem gesungenen Vaterunser. Manchmal bekomme ich auch lange Briefe, 20 bis 30 Seiten, in denen mir erklärt wird, warum ich sofort von heute auf morgen zur Kirche gehen und mich taufen lassen soll. Das ist für mich auch eine Art Antisemitismus.

Reinbold
Herr Güvercin, ich will mal ganz direkt fragen. Frau Volodarska hat gesagt, es war ein junger Moslem, der das Mädchen beleidigt hat. Auf muslimischer Seite geht man mit dem Thema „Antisemitismus“ oft sehr vorsichtig um. Muslime sind gewissermaßen von Natur aus keine Antisemiten, höre ich oft, sie können gar keine sein, weil sie selbst Semiten sind. Sie haben einmal gesagt: „Muslime klagen gern über Gewalt und Rassismus gegen Muslime. Das wäre glaubhafter, wenn das eigene Verhalten ebenso thematisiert würde“, darunter auch der Antisemitismus. Sollten die Verbände und die Moscheegemeinden, sollte die muslimische Gemeinschaft offensiver mit diesem Themen umgehen?

Güvercin
Ja, definitiv, gerade bei jungen Leuten. Ich beobachte auch, dass bei jungen Leuten zum Beispiel „du Jude“ zu einem üblichen Schimpfwort geworden ist. Seit ein, zwei Jahren ist das Mode geworden. Es ist sehr, sehr wichtig, dass man damit offensiv umgeht. Es sind teilweise Jugendliche, die am Wochenende in der Moschee sind und die dort vom Imam unterrichtet werden. Die muslimische Community muss sensibel sein und auf die jungen Leute Acht geben. Sie muss darauf achten, was sie da reden, mit welchen Begriffen sie um sich werfen. Wir können nicht einfach sagen: „Ja, wir können von Geburt aus gar keine Antisemiten sein.“ Die Realität sieht anders aus. Man braucht nur einmal die arabischen Fernsehsender anzusehen. Das ist heftig …

Reinbold
… da gibt es harte Sachen gegen Israel und gegen Juden …

Güvercin
Während der Intifada, des Aufstands in den von Israel besetzten Gebieten, als es jeden Tag Auseinandersetzungen auf den Straßen gab, haben viele arabische Satellitensender live berichtet. Man hat teilweise Bilder gesendet, die würde man im deutschen Fernsehen nicht einmal um 23 Uhr in der Nacht zeigen, verletzte Menschen und so weiter. Die Leute werden bombardiert mit abstoßenden Bildern, stundenlang. Und viele schauen sich das an. In den arabischen Familien ist Medienerziehung nicht gerade ein bekannter Begriff. Wenn junge Leute ständig mit solchen Bildern konfrontiert werden und wenn sie dann noch im Internet bestimmte dubiose Sachen lesen, etwa auf salafistischen Seiten, dann erzeugt das einen ungeheuren Sog. Gott sei Dank können viele Jugendliche, wenn sie älter werden, die Sache anders einordnen. Aber nicht gerade wenige bleiben daran hängen.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass die muslimischen Gemeinden dem entgegenwirken und Aufklärungsarbeit leisten. Gleiches gilt für die Eltern. Wenn man die Eltern von diesem jungen Schüler einmal ansprechen würde, dann wären sie wahrscheinlich schockiert darüber, was ihr Sohn getan hat. Allerdings gibt es auch, dass muss man selbstkritisch sagen, Ressentiments, die sehr weit verbreitet sind unter Muslimen. Man realisiert manchmal nicht, was man da gerade sagt. Das ist ein ernst zu nehmendes Thema, das man nicht weg reden kann. Man muss mit den Leuten arbeiten.

Volodarska
Ich bin mir nicht so sicher, ob man etwas bewirkt, wenn man mit den Eltern spricht. Ich habe meine Erfahrungen. Ich mache sehr oft Synagogenführen. Wir machen im Jahr in der Synagoge alle zusammen über 200 Führungen für Schulklassen und andere Gruppen, Erwachsene, Kinder, und so weiter. Es ist nicht selten, dass Eltern aus muslimischen Familien ihren Kindern verbieten, in die Synagoge hineinzugehen. Ich muss sagen: Die Kinder tun mir wirklich leid, wenn sie draußen stehen. Ich sage dann: „Komm doch rein, setz dich auf den Stuhl, du musst nicht in den Gebetssaal gehen. Du kannst ruhig hier sitzen.“

Interessanterweise gibt es auch die andere Seite. Wenn sie in die Synagoge kommen und mit uns sprechen, dann höre ich sie oft sagen: „Aber bei uns ist das genauso!“ Das ist sehr interessant zu sehen, wie viel Gemeinsamkeiten Juden und Muslime in Wirklichkeit haben und wie viel diesen Kindern und ihren Eltern dadurch entgeht, dass sie manchmal sehr antisemitisch denken.

Güvercin
Dazu ein Beispiel von mir, als ich noch auf der Grundschule war: Wir haben eine Kirche besucht. Ein Mitschüler von mir, seine Eltern waren Marokkaner, hat gesagt: „Ich darf da nicht rein. Meine Eltern haben gesagt, dass da komischen Figuren drin sind“. Es gibt allgemein eine gewisse Zurückhaltung, die Gebetsräume anderer Religionen zu betreten. Das ist nicht religiös begründet, sondern eher ein naiver und banaler Volksglaube, der da zum Ausdruck kommt.

Aber zurück zum Thema Antisemitismus. Es ist definitiv gerade unter den jungen Leuten ein wichtiges Thema, das in den Gemeinden nicht wirklich thematisiert wird. Da ist es ganz wichtig, dass ein Raum für Begegnung geschaffen wird, damit die Jugendlichen sehen: „Ah, o.k., da gibt es interessante Parallelen zwischen den Juden und uns“. Solange Muslime auf Distanz zu Juden bleiben und gewisse Dinge in arabischen oder türkischen oder welchen Medien auch immer sehen …

Reinbold
… das Fernsehen ist ein großes Problem. Man kommt schwer gegen die Bilder der Massenmedien an. Wir erreichen mit dem, was wir hier tun, einige Tausend. Das Fernsehen erreicht 100.000 Menschen …

Güvercin
Al-Dschazira berichtet stundenlang von militärischen Auseinandersetzungen, etwa davon, wie die israelische Armee nächtelang Gaza bombardiert. Die Hintergründe werden dabei nicht berichtet. Es werden erst einmal nur die Bilder vermittelt. Das hat natürlich Auswirkungen. Die Zuschauer sehen die verletzten Menschen und so weiter.

Ich will die Reaktionen nicht entschuldigen. Allerdings muss man sich auch einmal in die Leute hineinversetzen. Es gibt verschiedene Formen des Antisemitismus. Wenn junge Leute ständig solche Bilder konsumieren, dann entsteht ein Feindbild, das fernab von der Lebenswirklichkeit ist, ein konstruiertes Feindbild. Dieses Feindbild zu zerstören, erfordert viel Arbeit. Es ist wichtig, dass die Eltern wissen, was ihre Kinder da sehen, dass die älteren Geschwister ihnen helfen, die Bilder einzuordnen, dass auch die Moscheegemeinden sich um diese Fragen kümmern.

Reinbold
Frau Volodarska, Sie haben gesagt, Sie haben 200 Führungen im Jahr. Wir haben eben von Ihnen und von Herrn Güvercin gehört, dass es viel bewirkt, wenn Muslime mit Juden zusammenkommen. Es kommt etwas in Bewegung, Vorurteile werden gebrochen, das echte Leben ersetzt die Bilder aus dem Fernsehen. Mir scheint: Sie müssten nicht 200, sondern 500 Führungen im Jahr haben, und man müsste das Geld zur Verfügung stellen, das es braucht, um diese wichtige Arbeit zu machen. Auf dass immer mehr Menschen sehen: Die Juden sind ja gar nicht so wie im Fernsehen, sondern ganz anders.

Volodarska
Offenheit ist für uns eine ganz große Chance. Eins wollte ich noch anmerken: Ein ganz wichtiger Punkt ist diese ewige Verwechslung von Israelis und Juden. Es ist manchmal wirklich zum Weinen.

Güvercin
Mit dieser Verwechslung muss ich auch kämpfen. Wenn irgendetwas in der Türkei passiert, ruft mich einer an, und dann bin ich halt der Quotenkanake, der erklären muss, was der Erdogan da wieder veranstaltet. Keine Ahnung!, was fragst du mich?

Reinbold
… dann sagen die Leute. „Ihr Ministerpräsident hat gesagt“ und denken an Erdogan in der Türkei oder Netanjahu in Israel ...

Güvercin
Genau. Diese Bilder zu brechen, ist schwierig. Ich glaube, da müssen noch einige Generationen vergehen. Es ist schwierig – aber es ist auch interessant: So kommt man auch ins Gespräch! Ich kann das zum Anlass nehmen, meinem Gesprächspartner vielleicht mehr über den kölschen Klüngel zu erzählen …

Reinbold
Ich merke wieder einmal: Wir brauchen mehr von dem, was wir jetzt gerade hier tun. Es hilft uns nichts, wenn wir freundlich, diplomatisch über die Probleme hinwegsehen, sondern wir müssen sie angehen. Die Muslime müssen es, alle Seiten müssen es. Herr Trelle, Sie haben lange nichts gesagt.

Trelle
Aber mit hohem Interesse zugehört! Mir ging das durchaus nahe, was Sie, Frau Volodarska, eben gesagt haben: Dass Sie jemand anruft oder auf ihren Anrufbeantworter spricht, dass Sie sich doch endlich taufen lassen sollen.

Das sind Stimmen, die deutlich machen, was wir noch nicht erreicht haben, trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils, trotz „nostra aetate“, der Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen, und trotz der Erklärungen zur Religionsfreiheit. Es gibt in unseren beiden Kirchen viele, die diese theologische Auseinandersetzung und Klärung nicht mitbekommen haben, auch 50 Jahre nach dem Konzil nicht.

Ich war kürzlich im Heiligen Land und in Jordanien, aus anderem Anlass. Ich sage es immer, wenn ich nach Israel fahre: Wir sind Geschwister in unserer Weise, uns zu Gott zu bekennen und zu den Patriarchen. Wir sind verwandt. Der heilige Paulus hat unter dieser Spannung unglaublich gelitten. Er war ein Jude und aus seiner jüdischen Tradition heraus mit seinem Volk verbunden. Und dann hat er als christlicher Missionar – er war der größte Verkünder des Glaubens, den die Kirche kennt – damit gerungen, wie er sich verhalten soll gegenüber seinen jüdischen Verwandten, gegenüber seiner Familie.

Wenn wir nach Israel fahren, lese ich das immer vor, die Kapitel 9 – 11 im Römerbrief. Wie Paulus sein inneres Zerrissensein zum Ausdruck bringt. Der Text zeigt: Paulus ist ein Feind dieser schrecklichen Vereinfachungen, dieses „Werde doch einfach so oder sei doch so“. Paulus sagt: „Überhebt euch nicht“, er predigt Christus als den Erlöser der Welt, zu dem er sich bekennt, und dann spricht er von dem erwählten Volk, zu dem auch er gehört, und er sagt: „Wir sind an diesem edlen Ölbaum des jüdischen Glaubens meines Volkes wie wilde Zweige aufgepfropft und haben daran teil“. Das hören manche in unseren evangelischen und katholischen Zusammenhängen, als hätten sie es noch nie gehört, das erste Mal.

Ich sage: Wir haben allen Anlass, aus diesen gemeinsamen Wurzeln Kraft zu ziehen und die Zweige, die an diesem Baum wachsen, wachsen zu lassen. Paulus sagt: „Erhebe dich nicht über deine jüdischen Schwestern und Brüder“ – und jetzt zitiere ich ihn wörtlich –. „nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich“ (Römerbrief 11,18).

Ich hatte gesagt: das, was Frau Volodarska auf ihrem Anrufbeantworter hatte, zeigt, was wir noch nicht erreicht haben, trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das betrifft übrigens nicht nur Leute, die aufgrund ihrer vielleicht etwas schlichteren theologischen Bildung diese Fragen nicht richtig durchdrungen haben. Sondern es betrifft auch diejenigen, die meinen, mit ihren theologischen Kenntnissen prahlen zu müssen, ich sage nur das Stichwort „Pius-Brüder“, die auch das Dokument „nostra aetate“, die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu den nichtchristlichen Religionen, nicht richtig angenommen haben, die im Grunde das ganze Zweite Vatikanische Konzil nicht angenommen haben. Sie haben die Aufgabe nicht erkannt, die die Kirchen in dieser Zeit der ganzen Weltgemeinschaft schuldig sind, nämlich zu einer Einheit zu kommen, zu einem gemeinsamen Unterwegssein in dieser Welt voller Probleme.

 

Zum vollständigen Gespräch

Video: "Du Judensau!" - Alltäglicher Antisemitismus

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