Cem: Melek Yildiz, Yilmaz Kahraman im Gespräch

Reinbold
Frau Yildiz, die wenigsten unter uns werden schon einmal einem Cem-Gottesdienst beigewohnt haben. Wie hat man sich das vorzustellen?

Yildiz
Der Cem ist die Schule des Alevitentums. Er ist eine Bildungsstätte des Lebens. Der Cem hat eine soziale, eine religiöse und eine juristische Funktion. Der Gottesdienst beginnt nicht, bevor das sogenannte „Einvernehmen“ eingeholt wurde. Der Geistliche fragt die Gemeindemitglieder, ob sie untereinander einvernehmlich sind. Wenn es Streitigkeiten oder Konflikte gibt, müssen diese vorab gelöst werden. Dann erst darf der Cem-Gottesdienst beginnen. Das heißt, es erfolgt zuerst eine innere Reinigung, und dann erst kann eine Annäherung zu Gott beginnen. Der Geistliche fragt auch die Gemeindemitglieder, ob er die Zeremonie leiten darf. Das ist sehr außergewöhnlich. Ich glaube, es gibt in keiner anderen Religion einen Geistlichen, der vor der Zeremonie fragt, ob er auch den Gottesdienst leiten darf.

Das Einvernehmen, auf Türkisch rızalık, ist ein wesentliches Element im Gottesdienst. Wir machen das auch im alevitischen Religionsunterricht. Es ist dort so, dass zu Beginn dreimal nach dem Einvernehmen gefragt wird. Dann erst darf der Unterricht beginnen. Wenn es Konflikte gibt, müssen sie vorab in Form einer Streitschlichtung gelöst werden. Erst dann darf der Unterricht beginnen.

Reinbold
Wenn ich das einmal auf meine evangelischen Verhältnisse übertragen darf: Bevor ich als Pastor irgendetwas mache, gehe ich nach vorne, begrüße die Gemeinde und sage: Heute ist der Wolfgang Reinbold dran mit der Predigt und der Leitung des Gottesdienstes. Gibt es irgendwelche Gegenstimmen? Sind wir uns alle einig, dass ich das machen soll? Und dann sagen alle „Amen“ oder etwas Ähnliches. Ist es so?

Yildiz
Genau. Als in Anatolien in den Dörfern die Cem-Zeremonien durchgeführt wurden, da wurden auch Konflikte in der Gemeinde geklärt. Wenn sich zwei auseinandersetzen, müssen sie in der Rechenschaftsposition nach vorne kommen, und dann wird versucht, den Konflikt zu schlichten. Erst dann, wenn sie miteinander einvernehmlich sind, beginnt der Gottesdienst.

Reinbold
Was ist der Kern des Gottesdienstes, seine Mitte?

Yildiz
Es ist eine Versammlung, zu der Menschen zusammen kommen. Es werden Lieder und Dichtungen mit religiösem Inhalt vorgetragen, dazu Fürbitten und Gesänge. Wir haben die sogenannten Zwölf Dienste, die während der Cem-Zeremonie absolviert werden. Es gibt unterschiedliche Arten von Cem-Zeremonien …

Kahraman
Cems haben oft ein Thema. Zum Beispiel: Aleviten feiern zwölf Tage lang das Muharram-Gedenken nach dem islamischen Kalender. Danach fängt das Jahr mit dem ersten Muharram an. Zu dieser Zeit gab es im Jahre 680 ein Massaker in Kerbela, im Irak. Der Enkel des Propheten Muhammad wurde umgebracht, nachdem er zehn Tage in der Wüste eingekesselt war. Um an diesen Märtyrer und an die zwölf heiligen Imame zu gedenken, fasten Aleviten jedes Jahr zwölf Tage. Sie verzichten auf Fleisch, um kein Lebewesen umzubringen. Sie verzichten auf Feiern. Sie versuchen, nachhaltig zu leben, solidarisieren sich mit Armen.

Danach gibt es ein Cem, das sogenannte Muharram-Cem, um an den Märtyrer Hussein zu gedenken. Da werden Klagelieder gesungen, es wird an ihn gedacht, und er wird geehrt.

Im Januar und Februar findet das sogenannte Hızır-Fest statt. Im Anschluss daran gibt es eine weitere Cem-Zeremonie, in der des heiligen Schutzpatrons Hızır gedacht wird.

Bei all dem geht es in erster Linie darum, dass die Gemeinde zusammenkommt und dass man kontrolliert – das hört sich sehr negativ an, aber ich finde kein anderes Wort dafür –, dass die Gemeinde im Einvernehmen miteinander ist. Der Priester oder die Priesterin, der bzw. die den Gottesdienst leitet, fragt die Gemeindemitglieder während des Cems: Ist jeder mit jedem im Einvernehmen? Oder gibt es Streitigkeiten in der Gemeinde?

Reinbold
Wer leitet den Gottesdienst?

Kahraman
In erster Linie ist es der Priester, der so genannte Dede oder Pir. Es kann aber auch eine Ana, das heißt wörtlich übersetzt „Mutter“, den Gottesdienst leiten. In der Geschichte gab es wenige Frauen, die das gemacht haben. So hat sich durchgesetzt, dass in der Regel der männliche Dede leitet.

Reinbold
Wie wird man Dede?

Kahraman
Man muss aus einer Ordensfamilie stammen, weil diese Lehre innerhalb der Familie weitergegeben wird. Die Ordenshäuser werden bei den Aleviten als Ocak bezeichnet, das heißt eigentlich „Herd, Feuerstelle“. Das theologische Wissen wird innerhalb dieser Familien weitergegeben. Die Kinder werden in einem Ordenshaus groß, wo fast jede Woche eine Cem-Zeremonie stattfindet und wo sehr viele Laien hinkommen, um von der Lehre zu lernen oder wenn es mal einen Problemfall gibt. Frau Yildiz hat ja schon angesprochen, dass es im Cem auch eine Art Gerichtsbarkeit gibt. Meistens haben die Geistlichen die Probleme unter den Aleviten geregelt, weil man ja keinen Bezug zum Staat hatte, weder zum Osmanischen Staat während des Osmanischen Reiches noch später zur Türkischen Republik. Man hatte einfach Angst wegen der alevitischen Identität, dass man diskriminiert oder stigmatisiert wird. Erst nach den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist man zu Richtern gegangen.

Reinbold
Das heißt, wenn ich mich mit meinem Nachbarn streite über die Frage: Wo endet mein Grundstück, und wo beginnt deins? Dann kann ich diese Frage innerhalb des Cem vom Dede klären lassen?

Kahraman
Genau. Wenn es die Großen bzw. Alten im Dorf nicht regeln können, dann regelt es der Dede. Bei der Cem-Zeremonie ist es so, dass man eine Gabe mitbringt, ein Mahl, das gesegnet wird. Damit man zusammen essen und trinken kann, muss man im Vorfeld einen Konsens bilden, man muss schauen, dass man das Problem löst. Anders geht es nicht. Man kann nicht das Cem verlassen und sagen: Ich vertrage mich nicht mit dem anderen. Sonst wird man ausgeschlossen aus der Gemeinschaft.

 

Video

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