Christlich-jüdische Leitkultur? Ralf Meister, Avni Altiner, Jonah Sievers im Gespräch

Reinbold:
Herr Altiner, sie leben dreißig Jahre in Deutschland und sind seit fast zehn Jahren Vorsitzender der Schura. Wie geht Ihnen das, wenn sie den einen Bundesinnenminister im Jahre 2006 sagen hören, der Islam ist Teil der Gegenwart Deutschlands und Teil seiner Zukunft, und dann sagt ein anderer Innenminister fünf Jahre später das Gegenteil, nämlich: wir haben eine jüdisch-christliche-abendländische Leitkultur?

Altiner:
Es ist wie in der Politik auch bei uns religiösen Menschen ein gewisser Nachholbedarf da. Seit 50 Jahren leben hier Migranten. Aber erst vor sechs hat die Bundesregierung erklärt, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland ist. Bis dato galten wir als „Gastarbeiter“. Jetzt versucht man, den Begriff „Gastarbeiter“ nicht mehr zu benutzen. Man redet von „Migranten“, von „Integrieren“, „Mitwirken“. Ich denke, was Herr Schäuble gesagt hat, entspricht der Wahrheit.

Wir müssen auch fairer Weise feststellen: Die „jüdisch-christliche Leitkultur“ ist ein neuer Begriff. Sie werden diesen Begriff vor 60 Jahren noch nicht finden. Jeder Wissenschaftler wird Ihnen sagen, dass noch vor 80, 90 Jahren in Europa in vielen Ländern Juden verfolgt wurden. Und deshalb können wir von einer christlich-jüdischen Leitkultur nicht sprechen. Aber wir können heute von einer christlich-jüdisch-islamisch gegenseitig angereicherten Kultur sprechen, weil alle voneinander etwas nehmen und zu einer positiven Kultur entwickeln.

Reinbold:
Herr Sievers, Herr Altiner hat die Rolle der Juden angesprochen. Die Juden sind ja gewissermaßen eingebaut in das Fundament der Republik mit diesem Zitat. Wie sehen Sie das als Landesrabbiner?

Sievers:
Es ist schon erstaunlich, wie schnell man auf einmal Teil einer Kultur wird! Und einige glauben wirklich, das sei schon immer so gewesen. Natürlich haben Juden hier immer gelebt, sie waren immer Teil dieses Landes und dieser Region. Aber eine gleichberechtigte Kultur, auf die man dann vielleicht sogar stolz gewesen wäre, die hat es nicht gegeben. Als Juden freuen wir uns ja schon, dass im Dialog irgendwann nach der Schoa akzeptiert wurde, dass Jesus Jude war. Das hat ja sehr lange gedauert im christlich-jüdischen Dialog, bis das allseits akzeptiert wurde. Insofern ist das Wort von der christlich-jüdischen Leitkultur politische Rhetorik ohne Fundament.

Meister:
Ich glaube, dass diese Debatte zeigt, wie wenig die Frage, über die wir heute diskutieren, für politische Rhetorik taugt. Es ist in den letzten Jahren ja manchmal schmerzlich deutlich geworden, dass es niemandem hilft, wenn wir die Frage über den Wertekanon parteipolitisch führen. Und wenn die Diskussion dann zu Lasten der Gemeinschaft der Muslime in unserem Land geht, ist sie sogar schädlich.

Ich fand das Zitat von Bundespräsident Wulff und auch das Zitat von Minister Schäuble als Beschreibung der Wirklichkeit absolut richtig. Dagegen zu streiten, beruht auf einem tiefen Missverständnis. Der Bundespräsident spricht im Präsens. Er sagt, es ist so. Jeder, der in diesem Land lebt und das negiert, macht sich, so finde ich, verdächtig. Da muss man sehr genau fragen, mit welchen Motiven eigentlich? Wie will man die Existenz muslimischer Menschen in unserem Land heute noch negieren? Und wenn man nach den historischen Begründungsfiguren fragt, dann taugt natürlich „christlich-jüdisch“ überhaupt nicht. Da muss man andere Werthorizonte öffnen und andere Begriffe benutzen.

Nehmen Sie nur ein Beispiel: Ich komme aus Hamburg. Hamburg hat einige hundert Jahre lang das Bürgerrecht nur lutherischen Christen genehmigt und alle anderen Konfessionen ausgeschlossen. Eine „christlich-jüdische“ Tradition gab es in Hamburg nicht. Historisch gesehen, ist der Satz von der „christlich-jüdischen Leitkultur“ ein großer Unfug.

 

Video

Zum vollständigen Gespräch

Zurück