Die Entstehung der Aleviten: Yilmaz Kahraman im Gespräch

Reinbold
Herr Kahraman, Sie sind Islamwissenschaftler. Wo und wann und wie ist das Alevitentum entstanden? Gibt es darauf klare Antworten?

Kahraman
Das ist eine Frage, die ich jede Woche mindestens vier- bis fünfmal gestellt bekomme, insbesondere auch von den alevitischen Jugendlichen. Sie fragen mich: Wann ist das Alevitentum entstanden? Wer ist der erste Alevit?, und so weiter.

Man darf das Alevitentum nicht aus der Perspektive der abrahamitischen Religionen betrachten. Im Judentum und im Christentum und im Islam, da ist es ganz klar, da gibt es einen Propheten oder eine Person, die die Religionsgemeinschaft gegründet hat, und es gibt ein Buch. Das Alevitentum hat eine ganz andere Tradition. Es ist ein Wertesystem. Es werden Werte tradiert, die zum Teil sogar vorislamisch sind. Wenn man sich heute mit dem Alevitentum auseinandersetzt, dann findet man Tänze und Kulte, die älter als 4000 Jahre sind. Ich will damit nicht sagen, dass diese Elemente vor 4000 Jahren bereits „alevitisch“ waren. Aber es ist so, dass Aleviten viele Traditionen pflegen, darunter solche, die Parallelen zum Judentum, zum Christentum und zum Islam aufweisen.

Aleviten kommen aus Anatolien und Mesopotamien. Dort haben sehr viele Kulturen und Religionen gelebt, miteinander, nebeneinander, teilweise leider auch gegeneinander. Aleviten haben versucht, diesen Reichtum aufrechtzuerhalten. Ich möchte einen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert erwähnen. Hadschi Bektasch Weli hat in Zentralanatolien gelebt. Er stammt eigentlich aus dem Ostiran, aus dem Gebiet Chorasan. Er ist höchstwahrscheinlich vor den Mongolen nach Anatolien geflüchtet, wie ganz viele Stämme aus Chorasan. Er hat in einer Zeit gelebt, wo sehr viele Gruppen gegeneinander gekämpft haben, auch wegen religiöser Fragen. Hadschi Bektasch Weli hat den Frieden propagiert. Er hat gesagt: Was sollen eigentlich diese ganzen Unterschiede? Unser gemeinsamer Nenner ist, dass wir Menschen sind. Wir müssen miteinander und im Einvernehmen leben.

Es gibt viele Rituale und Praktiken im Alevitentum, in denen Verständigung und Brüderlichkeit im Vordergrund stehen. Da geht es nicht nur darum, dass Aleviten gut miteinander auskommen, sondern dass alle Religionsgemeinschaften gut miteinander leben. Bektasch Weli hatte ein Holzschwert bei sich. Er hat dieses Holzschwert getragen, und die Leute haben ihn gefragt: Was willst du denn mit diesem Holzschwert? Damit kannst Du doch keinen bezwingen, das ist doch keine Waffe! Er hat gesagt: Das ist ein Symbol dafür, dass ich meinen inneren Schweinehund besiege. In vielen Texten bezeichnet er die Triebseele als „inneren Schweinehund“ und sagt: Den Krieg mit sich selbst, den muss man führen.

Reinbold
Sie haben gesagt, das Alevitentum stammt aus Anatolien, aus der Osttürkei, und in ihm sind viele uralte Elemente zusammengeflossen, die man bewahrt hat. Können Sie uns ein Beispiel geben für eine solche Tradition?

Kahraman
Ein Beispiel ist die Lichtersymbolik. Sie stammt aus dem Iran, aus der zoroastrischen Lehre. Der Gegensatz von Hell / Dunkel, Gut / Böse, Tag und Nacht. Wir finden auch viele schamanistische Elemente, die dann mit den Turkstämmen nach Anatolien gekommen sind.

 

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