Ehre und Islam: Ahmet Toprak, Ahmad Mansour, Hamza Dehne im Gespräch

Reinbold
Herr Toprak, in vielen Ihrer Bücher kommt das Stichwort „muslimisch“ vor. Kritiker haben Ihnen vorgeworfen, es gehe doch eigentlich viel mehr um Bildung und Männlichkeitskulturen, das habe mit Islam gar nichts zu tun. Welche Rolle spielt die Religion?

Toprak
Ich glaube, die Kritiker haben nicht das Buch, sondern nur den Buchtitel gelesen. Wenn man die Bücher genauer liest, dann sieht man, dass ich zum selben Schluss komme. Meine These ist genau diese: Jugendliche, Familien, Migranten, die in den gesellschaftlichen Zusammenhängen keine Anerkennung erreichen, flüchten in andere identifikationsstiftende Merkmale. Das kann bei den Familien die Religion sein. Das kann bei den Jugendlichen Ehre, Religion, oder auch eine Vermischung von beiden sein.

Das ist genau mein Punkt: Wenn wir es nicht schaffen, diese Familien mitzunehmen, werden sie sich radikalisieren. Das kann in Bezug auf die religiöse Einstellung sein – obwohl sie vorher vielleicht gar nicht religiös waren oder sich nicht damit beschäftigt haben. Wenn wir diesen Menschen keine Perspektiven geben in Bezug auf Bildung, Arbeitsmarktsituation oder Wohnsituation, wenn wir sie nicht mitnehmen, dann wird die Schere auseinander gehen. Bei Migranten und Migrantinnen könnte das in der Flucht in die eigene Religion oder Kultur enden. Wir sollten darauf achten, diese Gruppen mitzunehmen, sonst besteht die Gefahr, dass auch die Jugendlichen sich radikalisieren.

Reinbold
Herr Mansour, Sie sind aufgewachsen in einer Kultur, die man als Ehrkultur bezeichnen kann. Wie ist Ihre Erfahrung: Spielt die Religion eine große Rolle? Oder sind es eher kulturelle Üblichkeiten, und es ist weniger wichtig, ob ich nun Moslem bin oder Christ oder Jude?

Mansour
Ich verstehe nicht, wieso wir immer die Religion schützen wollen. Die Religion sollte uns schützen, sie wird nicht untergehen, wenn wir sie kritisieren. Wenn wir über „Ehre“ reden, dann geht es darum zu verstehen, was „Ehre“ mit den Menschen im Alltag macht. Ich bin in einer Kultur aufgewachsen, in der Sex oder Sexualität als Tabu gesehen werden. Hat das mit Religion zu tun? Ja, es hat mit Religion zu tun. Ich nenne das nicht „Islam“, ich nenne es das Islamverständnis von manchen Menschen. Islam kann auch anders sein.

Ist Sexualität vor der Ehe Schmutz? Ist die Frau untergeordnet? Ich sage nicht, dass das im Koran so steht. Ich sage, dass viele das so verstehen. Sie meinen, dass den Männern die Macht dazu gegeben worden ist. Wenn die Jugendlichen ein solches Islamverständnis haben und darauf bauen, dann hat „Ehre“ mit ihrer Religion zu tun. Wenn wir die islamischen Verbände fragen, dann finden wir keinen einzigen, der sagt, dass Ehrenmorde oder Zwangsheirat mit Islam zu tun haben. Das lehnen alle zu einhundert Prozent ab, mit Recht. Aber die Leute, die so etwas tun, die argumentieren oft islamisch.

Reinbold
Stimmen Sie zu, Herr Dehne?

Dehne
Es gibt in der Tat verschiedene Islamverständnisse. Wenn man „Islam“ als Religion und Kultur eines Landes versteht, dann gibt es wahrscheinlich so viele Islamverständnisse wie es Kulturen gibt. Ich glaube, nicht immer steht hinter einer „islamischen“ Argumentation der Islam. Das Verständnis von „Ehre“ wird wesentlich durch die jeweilige Kultur geprägt. Ich glaube, oft können die Menschen das gar nicht trennen. Jugendliche schon gar nicht, oft auch ihre Eltern nicht.

Wenn ein Vater mit seiner Frau und dem Kind zum Elternsprechtag kommt und mir sagt, dass das Kind nicht bei der Klassenfahrt mitfahren darf, und ich frage, warum nicht, dann wird oft genauso argumentiert: „Bei uns ist das so.“ Das ist aber kein Argument. Das ist ein Totschlagargument. Es ist kein Argument, über das man diskutieren kann.

Ich versuche dann, weil ich die Argumente ja kenne, nachzufragen und herauszubekommen, woran es eigentlich liegt. Manchmal merke ich dann, dass die Eltern gar nicht näher benennen können, was das Problem ist. Andere Male höre ich Argumente, auf die ich eingehen kann. Zum Beispiel ist einem Elternteil wichtig, dass das Kind nichts Verbotenes isst. Dann kann ich ganz einfach beschreiben, wie wir das auf der Klassenfahrt gestalten. Schließlich fahren ja viele muslimische Kinder mit, so dass wir auf das Essen achten.

Manchmal löst sich das Problem auf diese Weise. Es kann aber auch sein, dass ich herausfinde, dass die Religion nur vorgeschoben wird und dass die Eltern in Wirklichkeit einfach das Geld für die Klassenfahrt nicht ausgeben wollen – weil es für Anderes ausgegeben werden soll oder weil es nicht da ist und der Vater nicht zugeben mag, dass er kein Geld hat. Das hat dann wieder etwas mit Ehre zu tun, es fällt schwer zuzugeben, dass ich es mir nicht leisten kann. Das merke ich auch dann, wenn ich finanzielle Unterstützung durch den Elternförderverein unserer Schule anbiete. Oft möchten die Väter das Geld nicht annehmen, aus Gründen der Ehre. Somit ist jeder Fall ein ganz spezieller.

 

Zum vollständigen Gespräch

Zurück