Ehre, was ist das? Ahmet Toprak im Gespräch

Reinbold
Herr Toprak, lassen Sie uns gleich mit dem großen Wort beginnen, dass so gar keine Konjunktur hatte – außer auf der äußersten Rechten in Deutschland – und dass jetzt wieder überall ist. Sie haben es in der Jugendarbeit vermutlich tausendfach gehört. Was ist das, „Ehre“?

Toprak
Der Begriff ist komplex. In den Aussagen der Jungs, die Sie zitiert haben, wird „Ehre“ auf die Sexualmoral der Frau reduziert. Das ist der Knackpunkt, der mich immer wütend macht. Denn Ehre ist viel mehr. Natürlich ist ein Teil der Ehre die Sexualmoral der Frau, aber nicht nur.

Ein anständiger, ehrenhafter Mann verhält sich anständig, er lügt nicht, stiehlt nicht und redet nicht schlecht über die anderen. Die Jungs, die Sie zitiert haben, finden oft wenig dabei, zu lügen und zu stehlen, manche verhalten sich kriminell. Auf der anderen Seite aber beziehen sie sich auf „Ehre“ – das ist widersprüchlich.

„Ehre“ hat traditionell vier Bestandteile. Der erste Begriff heißt auf Türkisch seref, das heißt „Ansehen“: Ich muss mich in der Öffentlichkeit gut verhalten, um von der Außenwelt als ansehnlicher Mann bezeichnet zu werden. Wenn ich das nicht tue, werde ich als „ehrlos“ bezeichnet.

Der zweite Begriff heißt auf Türkisch namus. Das bedeutet, dass ein Mann in der Lage sein muss, seine Familie zu schützen, wenn Gefahren drohen. Gefahren drohen meistens schwächeren Personen in der Familie, entweder den Kindern oder den weiblichen Familienmitgliedern. Wenn der Mann nicht in der Lage ist, seine Familie zu schützen, dann wird er von der Gemeinde als ehrlos bezeichnet.

Auf der anderen Seite muss eine Frau als Jungfrau in die Ehe eingehen. Wenn die Frau das nicht tut, dann ist sowohl die Frau ehrlos als auch der Mann, weil der Mann nicht in der Lage war, die Jungfräulichkeit zu überprüfen und zu kontrollieren. Genau darauf beziehen sich die eingangs zitierten Interviews. Die Angst ist immer groß seitens der Jungs, dass die Schwester oder andere weibliche Familienmitglieder unter Umständen ihre Jungfräulichkeit verlieren.

Der dritte Begriff heißt auf Türkisch saygi. Man soll respektvoll miteinander umgehen, mit den Eltern und den älteren Geschwistern, mit Lehrkräften, mit religiösen Geistlichen. Man soll sie respektvoll behandeln, sie nicht mit dem Namen ansprechen, nicht in deren Anwesenheit rauchen und keinen Alkohol trinken.

Der vierte Begriff heißt auf Türkisch onur, das heißt „Würde“. Onur ist etwas Individuelles, eine innere Einstellung, mit der man sich gegen Verurteilungen von außen schützen kann. Das ist etwas, was dem mitteleuropäischen Begriff von “Ehre“ näher kommt, ein philosophisch-abstraktes Konzept Art. Die Jugendlichen können damit meist wenig anfangen.

Alles in allem: „Ehre“ ist ein sehr komplexer Begriff. Aufgrund bestimmter Machtverhältnisse wird er meist auf die Kontrolle der Sexualmoral der Frau reduziert. Das ist der Punkt, der manchmal problematisch erscheint.

 

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