Ehrenmord: Ahmet Toprak, Ahmad Mansour, Hamza Dehne im Gespräch

Reinbold
Bevor wir zu einem zweiten Begriff kommen, der eine zentrale Rolle spielt, müssen wir über das Thema „Ehrenmord“ sprechen, das für viele ganz eng mit unserem Thema zusammenhängt und dass oft auch in Verbindung mit dem Islam gebracht wird. Was steckt hinter solchen Ehrenmorden?

Toprak
Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich habe selbst mit einem so genannten „Ehrenmörder“ ein Interview durchgeführt, in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 2007. Ich habe ich mit diesem jungen Mann drei Interviews geführt, dazu zwei Interviews mit der Schwester und mit den Eltern. In diesen Gesprächen habe ich festgestellt, dass das gar kein „Ehrenmord“ war, sondern der Vater hatte die eigene Tochter in der Kindheit missbraucht. Um diesen Missbrauch in der Kindheit zu vertuschen, hat er daraus einen „Ehrenmord“ gemacht.

Der Kollege Jan Kizilhan hat in einem Buch 45 Ehrenmorde analysiert („Ehrenmorde“, Berlin 2006). Er ist Psychotherapeut und hat in deutschen Gefängnissen mit diesen Ehrenmördern gesprochen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass 38 der 45 Fälle überhaupt nichts mit „Ehre“ zu tun haben. Verletzte Ehre spielt zwar eine Rolle, aber oft geht es schlicht um die Eitelkeit des Mannes, der nicht von einer Frau verlassen werden will.

Vielfach trägt auch Druck von außen dazu bei, dass Männer morden, obwohl sie innerlich gar nicht dafür bereit sind und dazu stehen. Druck von vielen Seiten lastet auf ihren Schultern, so dass sie fast ersticken. Das ist auch der Grund, warum wir mit den Männern arbeiten müssen. Deshalb habe ich sehr viel Jugendarbeit und insbesondere Männerarbeit gemacht.

In der Türkei bekommen „Ehrenmorde“ mittlerweile keinen Rabatt mehr, sie werden als normale Tötungsdelikte bestraft. Aber in den Gefängnissen haben diese Männer ein hohes Ansehen, vor allem in den ländlichen Gebieten, wo die Moderne noch nicht angekommen ist. Wenn man da als Kinderschänder hineingeht, ist man fast tot. Geht man als „Ehrenmörder“ ins Gefängnis, dann ist man der Held. Anscheinend ist es unter den Gefangenen immer noch so, dass es als etwas ganz Besonderes gilt, wenn man einen „Ehrenmord“ begeht. Man bringt ja jemanden um, der einem nahe steht, die Ehefrau oder die Schwester etwa. Diese Männer werden laut einer türkischen Studie aus dem Jahr 2011 im Gefängnis gefeiert und beklatscht.

Übrigens ist das nicht nur in manchen muslimischen Milieus so. „Ehrenmorde“ gibt es auch in anderen Ländern, wie z.B. in Süditalien, in Sri Lanka, in Indien. Das kann man also nicht nur mit einer bestimmten Religion erklären, sondern mit starken patriarchalischen Strukturen, insbesondere dort, wo die juristische Infrastruktur wie Polizei, Justiz und so weiter nicht gut ausgeprägt sind.

Reinbold
Bei allen Differenzierungen, die nötig sind: Es bleibt ein hochgefährliches Konzept. Wenn der Täter von außen unter Druck gerät und eine so schwere Last auf seinen Schultern fühlt, dass er gar nicht anders kann als so zu handeln. Herr Mansour, Sie haben kürzlich in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen mit harten Worten kritisiert, man könne in Deutschland nicht vernünftig über dieses Thema sprechen, weil es von allen Seiten tabuisiert werde. Steht es so schlimm um die Debatte?

Mansour
Was mich stört, was mich auch traurig macht, ist Folgendes: Oft wenn wir über das Thema „Ehrenmord“ reden, kommt jemand und sagt: „Ja, bei uns gibt es Ehrenmorde. Aber es gibt in Deutschland viele, viele Familiendramen – und da redet keiner darüber“.

Ich glaube, es gibt einen riesigen Unterschied zwischen dem deutschen Familiendrama und einem „Ehrenmord“. Beide sind Morde. Bei einem Familiendrama aber haben sie mit einer Person zu tun, die aus Not oder aus Eitelkeit oder aus welchen Gründen auch immer handelt. Hinter einem „Ehrenmord“ steht dagegen ein ganzes System. Das ist nicht nur eine Person, worauf Herr Toprak mit Recht hingewiesen hat. Sondern es ist der Druck von außen, von der Familie, von anderen männlichen Familienmitgliedern. Sie alle reden dem Mörder ein, handeln zu müssen.

Ich habe oft mit Jugendlichen zu tun gehabt, deren Schwester abgehauen ist oder deren Schwester einen Freund hat und mit ihm lebt. Eigentlich haben sie keine Lust, zu handeln. Sie wollen es nicht. Aber sie werden jahrelang beinahe tagtäglich gefragt, wie es steht, was sie gemacht haben, ob sie sie gesucht haben, ob sie sie gefunden haben. Diesen Druck halten manche Jugendliche nicht mehr aus und handeln dann – und in extremen Fällen morden sie im Namen der Ehre.

Reinbold
Also eine ernste Gefahr für die Gesellschaft? Oder gibt es Widerspruch?

Dehne
Wir haben gerade eine Zahl gehört: von 45 vermeintlichen „Ehrenmorden“ bleiben danach 7, wenn man genauer hinsieht. Ich denke, wir müssen auf die Verhältnismäßigkeit achten. Es gibt Menschen, die furchtbare Dinge tun, aus den unterschiedlichsten Gründen – ich will jetzt keine Beispiele nennen, Sie kennen das alles. Wenn ich von „ernster Gefahr“ rede, muss das Ganze quantitativ ins Gewicht fallen … 

Toprak
Entschuldigung: Eine ernste Gefahr für die betroffene Person schon.

Dehne
Natürlich, keine Frage. Ein Kind, das missbraucht wird, ist gezeichnet für das ganze Leben. Ich kann aber erst dann davon sprechen, dass, sagen wir, ein Fußballtrainer eine ernste Gefahr für Kinder ist, wenn ich nicht einen einzigen Fall habe, wo ein Fußballtrainer ein Kind vergewaltigt hat, sondern viele. Davor möchte ich warnen. Wir müssen schauen, wie verbreitet etwas ist, bevor wir es als „ernste Gefahr“ für die Gesellschaft bezeichnen.

Mansour
Überspitzung ist ebenso falsch wie Verharmlosung. Ehrenmord und Zwangsverheiratung sind die Spitze des Eisberges, was Unterdrückung im Namen der Ehre angeht. Ein Fall ist ein Fall zu viel. Eine Frau, die ermordet wurde, ist ein Fall zu viel. Da müssen wir als Gesellschaft handeln, bevor es so weit ist.

Jedes Jahr haben wir mehrere solche Tötungen. Vorher aber passieren unglaublich viele Unterdrückungen, die wir thematisieren müssen, über die wir reden müssen, wo Präventionsarbeit und Interventionsarbeit wichtig ist: Frauen, die eingesperrt werden; Gewalt gegenüber Frauen im Namen der Ehre; Frauen, die nicht studieren dürfen; Frauen, die keiner Arbeit nachgehen dürfen; Frauen, die ihrer Liebe nicht nachgehen dürfen; Frauen, die keinen Freund haben dürfen. Das sind alles Fälle, wo Männer im Namen der Ehre handeln und den Frauen ihr Recht einfach verweigern – ihr Recht auf Liebe, ihr Recht auf Leben, ihr Recht auf freie Partnerwahl. Das ist nicht ein Fall, das sind nicht zwei Fälle und nicht hundert Fälle. Gehen Sie einmal in die Frauenhäuser und sehen Sie, wie viele Frauen da im Namen der Ehre leiden!

Und ganz wichtig ist: Wenn wir darüber reden, dann bedeutet das nicht, dass jeder Migrant seine Frau oder Tochter schlecht behandelt. „Migrant“ ist übrigens sowieso ein Wort, das ich eigentlich ablehne. Das sind keine „Migranten“, das ist die dritte und vierte Generation! Das sind Menschen mit, meinetwegen, Einwanderungsgeschichten oder Einwanderungshintergrund. Aber es sind deutsche Frauen, die darunter leiden, und das ist ein deutsches Problem. Wir müssen dieses Problem als gesamtgesellschaftliches Problem betrachten. Wir können das nicht verharmlosen. Das ist genau das, was ich kritisiere.

 

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