Freitagspredigt: Rauf Ceylan, Abdul-Jalil Zeitun im Gespräch

Reinbold
Lassen Sie mich bei einem Stichwort nachfragen, weil es für unsere Ohren sehr vertraut klingt. Das Stichwort "Predigt", „Freitagspredigt“. Ist das so etwas wie das, was man als Christ hat, wenn man sonntags in die Kirche geht? Was hat man sich unter einer Freitagspredigt vorzustellen?

Zeitun
Die Freitagspredigt besteht aus zwei Teilen, einem aktuellen und einem klassischen, traditionellen Teil. Aktuelles, das heißt, man muss darüber reden, was zurzeit gerade passiert. Wenn es zum Beispiel einen Krieg gibt, dann predigt man darüber, oder es gab ein Erdbeben oder eine Flut, dann predigt man darüber, über aktuelle Probleme aller Art. Man predigt also nicht nur über islamische Grundsätze, sondern man predigt über alles, was wichtig ist. Als zum Beispiel das Erdbeben in Haiti war, haben wir gepredigt und Spenden gesammelt. Auch über die Flut in Süddeutschland haben wir gepredigt und Spenden gesammelt.

Reinbold
Neben den aktuellen Themen würde man als Christ auch eine Textauslegung erwarten. Gibt es bei Ihnen so etwas wie die Auslegung einer Koransure oder eines Teils einer Koransure?

Zeitun
Ja. In der Predigt ist das ein fester Teil. Man muss unbedingt jedes Mal den Koran rezitieren. Man kann nicht ohne Koran predigen. Koran und Hadith müssen immer dabei sein.

Reinbold
Und versuchen Sie dann, wenn Sie über aktuelle Anlässe sprechen, über Flutkatastrophen oder Erdbeben oder was immer es sei - Versuchen Sie dann, eine Brücke zu bauen vom Text zur Situation?

Zeitun
Auf jeden Fall. Man sagt immer Dank für Allah, für Gott. Wir müssen Gott danken, auch wenn er uns etwas gegeben hat und die anderen es nicht haben oder vermissen, dann müssen wir spenden, müssen wir helfen, und so weiter. Wir predigen zum Beispiel auch über Drogen. Sie sind verboten im Islam. Zigaretten sind ebenfalls verboten im Islam. Wir helfen dem Staat mit solchen Sachen. Wir predigen immer darüber. Alles, was verboten ist, soll man vermeiden.

Reinbold
Herr Ceylan hat nicht so gute Erfahrungen mit Freitagspredigten gemacht. Sie haben einmal gesagt, wenn Sie eine Note vergeben sollten auf die Freitagspredigten, die Sie gehört haben, dann wäre das eine Fünf. Warum waren die Predigten für Sie so langweilig?

Ceylan
Ich glaube, Imam Zeitun gehört zu den wenigen Imamen, die versuchen, Koranverse und islamische Inhalte in Bezug zu setzen zur Lebensrealität von Muslimen, die in Deutschland leben. Die Predigt besteht aus einem traditionellen Teil, wie Imam Zeitun gesagt hat, aber vor allem sollte sie Bezug nehmen auf aktuelle Angelegenheiten, besonders auf lokale Angelegenheiten. Die Predigt hat eine soziale Funktion.

Die Predigten, die ich seit 2001 regelmäßig gehört und zum Teil auch aufgezeichnet und ausgewertet habe, zeigen allerdings, dass die Lebensrealität der Muslime in Deutschland in der Regel kaum angesprochen und berücksichtigt wird. Das ist ein Problem. In der islamischen Religionspädagogik versucht man gerade, Religionsbücher zu konzipieren, in denen Kontakt hergestellt wird zum Alltag der muslimischen Kinder und Jugendlichen. Dieser Kontakt zwischen der Lebensrealität und der Tradition, der ist auch in den Moscheen ganz wichtig.

Ich glaube, dass die Reichweite von Moscheen nach wie vor sehr unterschätzt wird. Viele in der Mehrheitsgesellschaft, viele Politiker und Pädagogen sind sich nicht darüber im Klaren, dass die Moscheen als spirituelles Kapital eine sehr große Reichweite haben. Wer sich davon überzeugen möchte, sollte einmal an einem Karfreitag eine Moschee besuchen. Da haben die Leute frei, und es ist Mittagszeit, da wird man die Erfahrung machen, dass die Moscheen sehr sehr gut besucht sind, wie es auch an muslimischen Feiertagen der Fall ist.

Muslime haben ganz unterschiedliche religiöse Sozialisationen. Es gibt Familien, die selbst religiös orientiert sind, die auch ihre Kinder religiös erziehen. Es gibt Kinder, die Moscheen besuchen. Es gibt Kinder, die Moscheen nicht besuchen. Das ist ganz unterschiedlich. Freitags hat der Imam eine sehr breite Zielgruppe vor sich. Und die Hörer der Predigt haben etwa 15 bis 20 Minuten Gelegenheit, sich in religiösen Dingen und Angelegenheiten zu informieren, sich weiterzubilden. Insofern spielt die Predigt eine wichtige Rolle.

Was die Qualität anbetrifft, so habe ich in der Tat „Mangelhaft“ gesagt, man muss auch manchmal ein bisschen provozieren. Wir haben da ein Problem, und ich habe dafür plädiert, dass man die Qualität der Predigten verbessern sollte, religionspädagogisch und gemeindepädagogisch. An der Universität haben wir ein Imamweiterbildungsprogramm, bei dem auch Gemeindepädagogen dabei sind. Da werden Fragen diskutiert wie: Wie kann man eine Predigt in 15 bis 20 Minuten effektiv in einen Kontext mit dem Alltag bringen? Die Moscheen werden ihre Bedeutung auch in den nächsten Jahren beibehalten. Es entstehen gegenwärtig ja repräsentative Bauten in vielen Städten. Ich bin daher der Meinung, dass wir nicht nur auf die Schulen schauen sollten, sondern dass wir die Moscheen auch pädagogisch mitnehmen müssen.

Reinbold
Es gibt das Modell, dass den Imamen Predigten zur Verfügung gestellt werden, die sie dann verlesen. Verstehe ich Sie recht, dass Sie dafür plädieren, dass jeder Imam seine Predigt selbst schreiben soll und dass er dabei auch auf die lokalen Gegebenheiten eingehen soll?

Ceylan
Der Imam ist eine mündige Person bzw. er sollte eine mündige Person sein. Er ist eine qualifizierte Person. Ich glaube, jeder Imam weiß oder sollte wissen, was er zu predigen hat. Er kennt seine Gemeinde, er kennt die lokalen Gegebenheiten. Ich erzähle Ihnen einmal zwei Geschichten, die habe ich auch in meinem Buch vorgestellt.

Erste Geschichte: In der Türkei gibt es Imamfortbildungen der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Freitagspredigt wird in der Türkei nach wie vor von der Zentrale vorgegeben, ein und dieselbe Predigt für alle Moscheen im Land. Mir hat mal ein Imam erzählt, er kam aus dem Südosten der Türkei, wie es ihm damit ergangen ist. Thema der Predigt war „Verkehrserziehung“. Als er die Predigt gelesen hatte, sagte die Gemeinde: Wir haben hier nicht einmal Straßen. Warum sprechen Sie über Verkehrserziehung?

Zweite Geschichte: In einem ghettoisierten Stadtteil in Duisburg hielt ein Imam die Predigt über die Sozialabgabe. Er hatte aus den alten Texten ausgerechnet, wie hoch die Abgabe sein muss, die jeder leisten muss, der ein gewisses Vermögen hat. Er hatte es ausgerechnet und dabei an Menschen gedacht, die Grundstücke und Felder besitzen. Ich habe nach links geschaut: ein Hartz IV-Empfänger, ich habe nach rechts geschaut – ein Hartz IV-Empfänger.

Auch wenn diese Beispiele extrem sein mögen – in diese Richtung geht es. Die Lebensrealität wird sehr wenig berücksichtigt. Ich glaube, dass man die Freitagspredigt viel besser pädagogisch nutzen kann.

 

Video I

Video II

Volständiges Gespräch

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