Geistliche bei den Aleviten: Melek Yildiz, Yilmaz Kahraman im Gespräch

Reinbold
Wer leitet den Gottesdienst?

Kahraman
In erster Linie ist es der Priester, der so genannte Dede oder Pir. Es kann aber auch eine Ana, das heißt wörtlich übersetzt „Mutter“, den Gottesdienst leiten. In der Geschichte gab es wenige Frauen, die das gemacht haben. So hat sich durchgesetzt, dass in der Regel der männliche Dede leitet.

Reinbold
Wie wird man Dede?

Kahraman
Man muss aus einer Ordensfamilie stammen, weil diese Lehre innerhalb der Familie weitergegeben wird. Die Ordenshäuser werden bei den Aleviten als Ocak bezeichnet, das heißt eigentlich „Herd, Feuerstelle“. Das theologische Wissen wird innerhalb dieser Familien weitergegeben. Die Kinder werden in einem Ordenshaus groß, wo fast jede Woche eine Cem-Zeremonie stattfindet und wo sehr viele Laien hinkommen, um von der Lehre zu lernen oder wenn es mal einen Problemfall gibt. Frau Yildiz hat ja schon angesprochen, dass es im Cem auch eine Art Gerichtsbarkeit gibt. Meistens haben die Geistlichen die Probleme unter den Aleviten geregelt, weil man ja keinen Bezug zum Staat hatte, weder zum Osmanischen Staat während des Osmanischen Reiches noch später zur Türkischen Republik. Man hatte einfach Angst wegen der alevitischen Identität, dass man diskriminiert oder stigmatisiert wird. Erst nach den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist man zu Richtern gegangen.

Reinbold
Das heißt, wenn ich mich mit meinem Nachbarn streite über die Frage: Wo endet mein Grundstück, und wo beginnt deins? Dann kann ich diese Frage innerhalb des Cem vom Dede klären lassen?

Kahraman
Genau. Wenn es die Großen bzw. Alten im Dorf nicht regeln können, dann regelt es der Dede. Bei der Cem-Zeremonie ist es so, dass man eine Gabe mitbringt, ein Mahl, das gesegnet wird. Damit man zusammen essen und trinken kann, muss man im Vorfeld einen Konsens bilden, man muss schauen, dass man das Problem löst. Anders geht es nicht. Man kann nicht das Cem verlassen und sagen: Ich vertrage mich nicht mit dem anderen. Sonst wird man ausgeschlossen aus der Gemeinschaft.

Reinbold
Frau Yildiz, Herr Kahraman hat gesagt, der Gottesdienst kann von einem Dede oder von einer Ana, einer „Mutter“, geleitet werden. Wie ist die Rolle der Frau im Alevitentum?

Yildiz
Alevitische Geistliche können Männer oder Frauen sein. Es existiert bei uns eine Gleichberechtigung, wir differenzieren nicht nach Geschlecht. Bei uns wird der Mensch an sich wahrgenommen. Der Mensch steht im Fokus der Lehre, unabhängig von seiner ethnischen oder geschlechtlichen Identität.

 

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