Geschichte des Salafismus: Moussa Al-Hassan Diaw im Gespräch

Reinbold 
Herr Diaw, die meisten Deutschen kennen Salafisten im Wesentlichen aus dem Fernsehen. Wenn man sie sieht, man hat einen verwirrenden doppelten Eindruck. Auf der einen Seite ist es eine sehr junge, eine sehr moderne Bewegung. Technik spielt eine große Rolle, Handys, Youtube, Internet, Twitter und was da alles ist. Auf der anderen Seite vermittelt schon die Kleidung den Eindruck, dass sie aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Es ist ein zwiespältiger Eindruck. Einerseits: Wir sind im Grunde immer schon da, wird sind gewissermaßen der Urislam. Andererseits: Wir sind eine sehr moderne Bewegung. Wie alt ist der Salafismus, und wie viel ist dran an der Behauptung, das sei der „richtige“ Islam?

Diaw 
Da muss ich ein wenig ausholen. Die Bezeichnung salaf  steht im Islam für die Altvorderen, für die ersten drei Generationen im Islam, auf die sich alle Muslime beziehen, mit Ausnahme der Schia [= der Partei der Schiiten], die das etwas anders sieht. Aus diesen drei Generationen hat sich eine Lehrtradition entwickelt, die vier Rechtsschulen kennt, die wir in den normalen Moscheegemeinden meistens finden [= Hanafiten, Malikiten, Schafi’iten und Hanbaliten].

Einer dieser vier Gelehrten, die der Ursprung der Rechtsschulen sind (fiqh), ist Ahmad ibn Hanbal. Er hat ein spezielles Verständnis der Interpretation der Schriften, das in Opposition zu einer sehr rationalistischen Schule steht, der so genannten Mu’tazila. An diese Schule knüpfte später Ibn Taimiyya (1263–1328) an, zu einem Zeitpunkt als das islamische Reich durch Einfälle von den Mongolen bedroht wurde und einige der Mongolen den Islam annahmen. Unter anderem erließ er ein sehr bekanntes Rechtsgutachten (fatwa), in dem er einigen der neu bekehrten Muslime den Islam abgesprochen hat. Auch lehnte er die beiden sich entwickelnden theologischen islamischen Schulen ab, die so genannte Maturidiyya und die Aschariyya.

Später dann auf der arabischen Halbinsel – und damit kommen wir zu dem, was man heute meistens mit Salafismus bzw. Salafiyya verbindet – trat ein Gelehrter auf, der sich gegen die Zustände auf der Halbinsel wehrte, Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703–1792). Es gab seinerzeit viele Formen von Magie, von Gräberanbetung und ähnlichem mehr. Er wollte diese Dinge loswerden, den Islam reinigen, ein Puritanismus entstand. Abd al-Wahhab wandte sich gegen den Traditionalismus der Rechtsschulen. Er stand in politischer und religiöser Opposition zum damals herrschenden Osmanischen Reich, das von der hanafitischen Rechtsschule geprägt war und zur maturidischen theologischen Schule gehörte.

Bekannt wurden die nach ihm benannten Wahhabiten dadurch, dass sie den Koran wörtlich verstanden und die islamische Rechtsschultradition ablehnten. Sie hatten ein schriftfundamentalistisches Verständnis, wollten sozusagen dem einen Gott glauben, der herrschte. Das ist die eine Gruppe, die wichtig ist und die wir heute sehen. Sie kleiden sich so, wie es nach ihrem Textverständnis richtig ist, mit kurzen Hosen und so weiter.

Hinzu kommt eine zweite Gruppe, die man nicht übersehen darf, die wichtig ist für die politische Salafiyya. Das ist die Reform-Salafiyya, die im 19. Jahrhundert entsteht. Sie ist anders als die Salafiyya auf der arabischen Halbinsel eine modernistische Salafiyya. Wichtige Gelehrte sind Dschamal ad-Din al-Afghani (1838–1897) und Mohammad Abduh (1849–1905). Aus dieser Tradition entwickeln sich weitere Gruppen, unter anderem die Muslimbruderschaft.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet dann eine Vermengung mit den Vorstellungen der arabischen Halbinsel statt, die politische Salafiyya entsteht und mit ihr dschihadistische Strömungen. Wichtige Namen sind Muhammad Abd al-Salam Faradsch (1954–1982) und Sayyid Qutb (1906–1966), der aus der Muslimbruderschaft kommt und dann das prägt, was uns heute Probleme macht: Er sagt, dass jede Regierungsform, die nicht vom Islam abgeleitet ist, eine Form des Nichtbezeugens des Eingottglaubens ist. Deshalb muss sie bekämpft werden. Wer das nicht tut, der ist vom Islam abgefallen.

Wenn heute von Salafismus bzw. Salafiyya die Rede ist, geht es also um ein sehr breites Spektrum. Meist denken wir an Leute, die aus der arabischen Halbinsel kommen, traditionell gekleidet sind und denen es darum geht, ein zurückgezogenes Leben als Ultraorthodoxe zu führen. Aber es gibt eben unterschiedliche Schattierungen, die Gruppierungen wechseln ständig, weitere Ideologien werden angenommen, so dass das Ganze dann irgendwann kaum noch zu überblicken ist.

Auch die Bündnisse wechseln, man kann das in den Youtube-Videos verfolgen. Was beide Grundformen des Salafismus gemeinsam haben, ist, dass sie die Rechtsschultradition, die Orthodoxie, ablehnen und sagen: „Wir wollen zurück zu einem gereinigten Islam. Wir haben das rechte Verständnis und müssen viele Dinge von Neuerungen reinigen.“

 

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