Imame und die deutsche Sprache: Rauf Ceylan, Abdul-Jalil Zeitun im Gespräch

Zeitun
Die Botschaft hat angefangen, seit wir das Haus erworben haben, in dem sich die Moschee befindet, im Jahr 1995. Von Anfang an war die Moschee zweisprachig. Zu uns kommen Menschen verschiedener Herkunft. An sie können wir nur mit der deutschen Sprache herankommen. Die einzige Methode für alle Muslime, für alle Imame, für alle Moscheen ist: Sie müssen zweisprachig sein. Die eine Sprache ist die Religionssprache, Arabisch, und die Verständigungssprache ist die deutsche Sprache. Anders geht es nicht.

Die Imame sind die Brückenbauer. Die Imame sind diejenigen, die Integration machen können. Ohne Imame kann man sehr schlecht etwas erreichen. Die Ibrahim Al-Kalil-Moschee ist eine bescheidene Moschee. Zu uns kommen jeden Freitag über zweihundert Männer und Frauen, ohne Einladung, ganz von alleine. Ich habe die Möglichkeit, zu predigen, was ich will. Ich kann viel bewegen. Deswegen haben die Imame eine Sonderstellung. Ich hoffe, dass die deutsche Gesellschaft das auch akzeptiert. Mit den Imamen können sie viel mehr erreichen als ohne Imame.

Manche Leute denken, Imame sind fanatisch oder fundamentalistisch. Nein!, es ist umgekehrt. Der Imam ist einfach eine Persönlichkeit, auch wenn er die deutsche Sprache nicht beherrscht. Man muss zu ihm kommen. Deswegen gab es den Vorschlag, dass jeder Imam mindestens ein Jahr Deutsch lernen sollte, bevor er seine Aufgabe, sein Amt in Deutschland übernimmt. Er sollte verschiedene Moscheen besuchen, von einer Moschee zur nächsten gehen. Er sollte Lehre praktizieren, die deutsche Gesellschaft kennen lernen. Dann kann er Vieles erreichen. Mit den Imamen können wir alles, was wir heute versäumen, erreichen, da bin ich mir sicher.

Meine private Erfahrung ist, dass wir anfangs nur mit zehn Leuten gebetet haben. Heute sieht man bei uns am Freitag nach dem Freitagsgebet Leute aus Polen, aus Albanien, aus der Türkei, aus Indien, aus Pakistan, aus dem Kosovo, aus Arabien und so weiter. Circa achtzig Länder sind vertreten, in einer kleinen Moschee. Ohne die deutsche Sprache hätten wir all diese Leute nicht bekommen können. Sogar viele türkische Jugendliche kommen zu uns. Sie nutzen die Moschee und bezahlen auch ihren Beitrag. Die Imame sind die Brückenbauer, die Imame sind für die Integration am besten, dafür müssen wir alle gemeinsam etwas tun, die Universität, die Wissenschaft, die Landesregierung, die Bundesregierung, alle. Ohne Brückenbauer geht es nicht.

Reinbold
Herr Ceylan, der Imam muss Deutsch können, hat Herr Zeitun gesagt. Die Realität ist zurzeit noch eine andere. Oder ist das zweisprachige Modell schon üblich geworden?

Ceylan
Eigentlich nicht. Eines der Ergebnisse der Studie, die Sie zitiert haben, ist, dass die meisten Imame gesagt haben, dass sie mit ihren Deutschkenntnissen nicht zufrieden sind. Moscheegemeinden wie die in Osnabrück gehören zu einer Minderheit. Herkunft und Muttersprache sind wichtig, man soll die Muttersprache pflegen. Nur wenn ein Imam die theologische Referenz sein soll, wenn er auf Augenhöhe in Dialog treten soll, auch mit Nichtmuslimen, dann muss man von ihm erwarten, dass er auch die deutsche Sprache kennt.

Von den einjährigen Schulungen und Vorbereitungen, die angesprochen wurden, halte ich ehrlich gesagt nicht so viel. Es gibt seit 2002 Sprachkurse des Goetheinstitutes in der Türkei. Ich selbst bin dann sozusagen die Fortsetzung dieser Kurse, denn ich unterrichte die angehenden Imame in der Türkei in deutscher Landeskunde. Aber es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es reicht nicht aus, um wirklich gut Deutsch zu sprechen, um wirklich den Alltag zu verfolgen, eine deutsche Zeitung zu lesen und so weiter. Ich glaube, das ist nicht die große Lösung, die wir brauchen.

Die öffentliche Debatte um die Zweisprachigkeit ist jetzt auch in den Gemeinden angekommen. Zum Teil tun mir die Imame leid, wenn sie z.B. die Aufgabe haben, ihre Predigt auf Deutsch zusammenzufassen, obwohl sie nicht gut Deutsch sprechen. Da kommt es manchmal zu ganz komischen Szenen. Es handelt sich um eine Übergangsphase. Es ist migrationsgeschichtlich zu erklären. Die erste Generation hat eine große Rolle gespielt. Aber mittlerweile gibt es eine jüngere Generation. Ein Generationswechsel in der Moscheegemeinde bringt eine ganz andere Erwartung an die Imame mit sich. Ich glaube, wir werden in zehn Jahren, wenn sie das Programm dann immer noch machen, einen Imam haben, der hier sozialisiert ist, der hier das Abitur gemacht hat, hier studiert hat und hier zu Ihnen sprechen wird. Ich glaube, das ist eine win-win-Situation für beide, für die Moscheen und für die Gesellschaft als ganze, und deshalb unterstützen wir das in Osnabrück.

 

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