Innermuslimischer Streit um Salafismus: Claudia Dantschke, Moussa Al-Hassan Diaw im Gespräch

Diaw 
Viel schwieriger noch, und das vergisst man oft, sind die innermuslimischen Diskussionen. Muslime können vortrefflich streiten. Wer sich einmal mit Paltalk beschäftigt und in die verschiedenen Räume hineingeht, der sieht, wie da wirklich die Fetzen fliegen. Die Diskussionen innerhalb der muslimischen Gemeinden sind viel stärker und teilweise viel aggressiver als der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit diesen Gruppen – weil sie natürlich ein viel besseres Verständnis haben und weil immer auch die eigene Religiosität von der jeweils anderen Gruppe angezweifelt oder angefragt wird. Die innerkonfessionellen, innerreligiösen Streitigkeiten sind oft viel härter.

Reinbold 
Gibt es an der Stelle einen innermuslimischen Diskurs, den man nutzen kann? Gibt es jemanden, der dort moderierend wirkt? 

Dantschke 
Ich leite ein Projekt in Berlin, in Neukölln. Gerade vor einer Woche haben wir eine solche Veranstaltung gemacht. Das Entscheidende bei der Salafiyya ist ein sehr dogmatisches Gottesbild. Gott ist ein strafender Gott. Im Zentrum steht eine Angstpädagogik. Es gibt eine permanente Angst, etwas falsch zu machen und dann automatisch in der Hölle zu landen. Es ist ein Schwarz-Weiß-Bild.

Nun hat Professor Khorchide aus Münster versucht, an dieses Gottesbild heranzugehen und zu schauen: Ist Gott sozusagen ein Diktator? Ein Buchhalter, der aufschreibt, was du richtig und falsch gemacht hast? Oder ist er nicht eher ein Gott der Barmherzigkeit? Diese Frage haben wir zu einer Debatte gemacht. Wir haben Herrn Khorchide eingeladen und dazu Vertreter der Muslime von Milli Görüş über die puristische Salafiyya bis hin zu sehr weltlichen Muslimen. Mit ihnen haben wird eine Kiezdiskussion gemacht zur Frage: „Verbietet Gott den Spaß im Leben?“ Ist Gott einer, der will, dass du ihm dienst, der aber nicht will, dass du dich selbst verwirklichst? So wird es ja von manchen radikalen salafistischen Predigern immer wieder gesagt. Und das funktioniert! Es war ein Publikum, ähnlich wie hier, ganz gemischt. Und es funktionierte, es war eine gute Diskussion.

Wichtig dabei war: Muslime saßen nicht auf der Rechtfertigungsbank, sondern Muslime waren die Akteure. Das ist ja oft das Problem, dass ein Muslim hingesetzt wird auf ein Podium, und dann soll er sich für „die Muslime“ rechtfertigen. Egal, wie seine persönliche Haltung ist. Sie kennen die Talkshows: Da wird Nora Illi aus der Schweiz geholt.

Reinbold
Das ist die mit dem Sehschlitz. Sie ist konvertiert und trägt einen Niqab

Dantschke
Genau. Und sie repräsentiert dann in der Sendung scheinbar alle praktizierenden, tief gläubigen Muslime. Ihr gegenüber sitzt dann zum Beispiel Necla Kelek, die die anderen Muslime repräsentiert. Das Problem ist: Beide Frauen repräsentieren nur ganz kleine Gruppen. Wir brauchen Diskussionen auf Augenhöhe, in denen die Vielfältigkeit der Muslime sichtbar wird.

Diaw 
Wichtig ist, dass Muslime nicht entmündigt werden, dass sie sich nicht entmündigt fühlen. Oder dass die Auskunft, die sie über sich selber geben, quasi nicht akzeptiert wird. Sie haben uns vorhin als „Experten“ bezeichnet. Wir würden uns beide nie als „Experten“ bezeichnen, sondern wir beschäftigen uns nur mit dem Thema …

Reinbold
Was ein anderes Wort dafür ist …

Diaw
Manchmal kommen diese „Experten“, die dann überall im Fernsehen auftauchen und über „die Muslime“ reden und über sie Auskunft geben, anstatt dass Muslime selber über sich Auskunft geben. Deswegen fühlen sie sich oft nicht verstanden und haben dann einen Grund, sich zurückzuziehen. Es ist wichtig, die Muslime selbst einzubeziehen – wie es ja viele Projekte auch machen, zum Beispiel das Haus der Religionen, in dem wir uns hier befinden.

Reinbold 
Sie plädieren also dafür, diesen innermuslimischen Streit, von dem Sie sprachen, zu nutzen, ihn öffentlich sichtbar zu machen und die Debatte herauszuholen aus der Verteidigungssituation und dann diese Vielfalt wirken zu lassen. 

Diaw 
Das Sichtbarmachen würde eigentlich genügen. Es hat diese Diskussionen ja immer schon gegeben. Sonst wären die verschiedenen muslimischen Fraktionen, Gruppen, Strömungen und Konfessionen gar nicht entstanden. Oft sind sie als Reaktion auf eine andere Strömung entstanden oder als Reaktion auf die Lebenswirklichkeit, auf die politisch-sozialen Gegebenheiten.

Wenn Sie heute zu uns an die Universität Osnabrück kommen, dann finden Sie ein breites Spektrum von unterschiedlichen Meinungen innerhalb der Studierenden. Auch bei den Imamen gibt es ein breites Spektrum, Frau Dantschke kennt das. Wenn Muslime unter sich sind – wie dann manchmal über andere Gruppierungen geredet wird und über deren Islamverständnis! Das ist die Realität. Die Moscheegemeinden haben unterschiedliche weltanschauliche Zugänge. Das ist nicht der monolithische Block, „die Muslime“. Den gibt es ganz einfach nicht. Das muss sichtbar werden.

Und noch einmal: Oft hat man das Gefühl, dass man nicht über sich selber Auskunft geben kann. Man wird irgendwie entmündigt, sei es beim Thema „Kopftuch“, um das es einmal in der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ging, oder was auch immer. Von der Neuköllner Veranstaltung habe ich jetzt zum ersten Mal gehört. Ich wäre gern dabei gewesen und hätte gern gesehen, wie das ausgegangen ist, wie das funktioniert, was da geredet wurde. Das ist eine gute Möglichkeit zu zeigen, dass Muslime kein monolithischer Block sind – „der Muslim“, der so und so denkt, so und so handelt –, sondern sehr differenziert. Das gilt selbst für das salafistische Spektrum. Wer sich nur ein bisschen auskennt, wird das sofort merken.

 

Video

Zum vollständigen Gespräch

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