Koranschule: Rauf Ceylan, Abdul-Jalil Zeitun im Gespräch

Reinbold
Herr Zeitun, Sie haben ein anderes Stichwort erwähnt, das in der Debatte eine große Rolle spielt, die Koranschule. Wenn man das als Christ hört, denkt man an Bibelstunde, vielleicht an Konfirmandenunterricht. Ist es so etwas in der Art? Was lernen die Kinder in der Koranschule?

Zeitun
In der Koranschule lernt man Arabisch. Die Jungen oder Mädchen sollen die arabische Sprache lesen und verstehen können. Dann kann der Imam immer noch einmal nachhaken, wenn er einmal etwas vergessen haben sollte. Viele Leute lernen den Koran bloß auswendig, und später haben sie alles wieder vergessen. Wir versuchen, Ihnen die arabische Sprache beizubringen, genau wie in der Schule, mit dem ABC und so weiter. Wir geben ihnen einen Text auf, und wenn der Junge oder das Mädchen diesen Text perfekt lesen kann, dann ist es kein Problem, auch weiter lesen zu lernen. Dann kann das Kind auch allein weiterlernen. Die alte Methode, bloß auswendig und allein zu lernen, reicht nicht aus. Wir haben gute Erfahrungen mit unserer Methode gemacht. Meine Kinder zum Beispiel haben dreißig Seiten auswendig gelernt, und sie können auch lesen.

Reinbold
Wie habe ich mir das vorzustellen? Können die Kinder dann Arabisch, oder haben sie nur die Fähigkeit, die Buchstaben korrekt wiedergeben zu können, ohne dass sie wüssten, was sie bedeuten?

Zeitun
Nein, sie haben Arabisch gelernt. Zu uns kommen auch Deutsche, die Arabisch lernen wollen. Sie lesen und lernen auf dieselbe Art und Weise.

Reinbold
„Koranschule“, das heißt also: Arabisch lernen, lesen können, auswendig lernen. Spricht man auch über den Inhalt der Texte?

Zeitun
Man spricht darüber, was das Gelesene bedeutet. Koranexegese muss immer dabei sein.

Reinbold
Ist das in allen Moscheen so, oder gibt es da auch andere Modelle?

Zeitun
Es gibt auch andere Modelle, da muss man immer auswendig lernen. Bis sie groß sind, müssen die Kinder auswendig lernen, und dann haben sie keine Lust mehr, in die Moschee zu kommen. Dann vergessen sie alles wieder. So fangen sie wieder von vorne an.

Am besten ist es, wenn man nur eine einzige Seite lernen muss von A bis Z, dann wird es verstanden, man kann es lesen und so weiter. Dann haben die Kinder auch Lust, zu lernen. Wenn sie immer auf den Imam angewiesen sind, ist es problematisch. Der Imam muss ja oft weg, er hat nicht immer Zeit. Wenn man die Regeln kennt und lernt, ist es viel besser.

Reinbold
Sie plädieren also dafür, dass die Koranschule die Fähigkeit vermitteln muss, selbstständig mit dem Koran in der Originalsprache umgehen zu können. Etwa so wie ich als Professor für christliche Theologie an der Universität von den Studenten erwarte, dass sie das Neue Testament auf Griechisch lesen und nicht in einer Übersetzung. Ist das vergleichbar?

Zeitun
Wenn man beten möchte, kann man nur auf Arabisch beten. Man kann nicht auf Deutsch, nicht auf Türkisch beten, man muss unbedingt auf Arabisch beten. Wenn man betet und versteht nicht, was es bedeutet, was hat man dann davon? Und der Prophet Muhammad sagt in einem Hadith, in einer Aussage des Propheten, man bekommt von seinen Gebeten nur, was man behält oder versteht. Es ist besser, dass man versteht, was man gelesen hat.

Reinbold
Das Gebet muss Arabisch sein – gilt das für jedes Gebet? Ich habe gelegentlich auch schon deutsche Bittgebete gehört von Muslimen.

Zeitun
Spirituelle Gebete müssen Arabisch sein, Bittgebete nicht. Bittgebete kann man in jeder Sprache beten, auf Chinesisch, auf Deutsch und so weiter.

 

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