Muss ein islamischer Religionslehrer fünf Mal am Tag beten? Annett Abdel-Rahman, Friedhelm Kraft im Gespräch

Reinbold 
Lassen Sie mich einmal ganz praktisch fragen: Als Religionslehrer muss ich fünf Mal am Tag beten. Ich kann nicht sagen, ich bete manchmal auch nur einmal oder zweimal. Ist das so?

Abdel-Rahman 
Das fünfmalige Gebet ist ein Teil der religiösen gottesdienstlichen Handlungen, die verpflichtend sind im Islam. Als Religionslehrer sollte ich das auch so vermitteln. Ob ich selbst zu Hause fünfmal bete, das ist dann meine Sache.

Reinbold 
Die meisten Muslime in diesem Land beten aber nicht fünfmal am Tag.

Abdel-Rahman
Das ist Sache des Lehrers und der Lehrerin. Aber wenn jemand vor der Klasse steht und sagt: „Also mit dem Gebet, macht mal, wie ihr denkt!“, wird es problematisch. Es ist nicht richtig.

Reinbold 
Wenn ich also zu Ihnen komme und sage: „Ich möchte islamische Religionspädagogik studieren und bin ein frommer Muslim. Aber ich muss ehrlich sagen: ich halte das mit den Gebeten wie viele andere auch ein bisschen lockerer, morgens und abends und mittags, wenn es passt, aber nicht fünf Mal am Tag“. Kann ich dann studieren? Oder würden Sie abraten, weil ich damit sowieso kein Religionslehrer werde?

Abdel-Rahman 
Natürlich können Sie dann studieren. Es geht nicht darum, dass wir das nachprüfen. Es geht darum, welche Haltung ein islamischer Religionslehrer zu diesen Inhalten hat. 

Reinbold 
Besteht aber nicht die Gefahr, dass dann Eltern kommen und sagen: „Der betet ja gar nicht richtig.“ Oder: „Der hat neulich beim Schulempfang, als es Sekt für alle gab, das Glas genommen und daran genippt, obwohl das verboten ist. Der kann nicht mehr Islam unterrichten.“ Was machen Sie dann?

Abdel-Rahman 
(Ironisch) Das ist schon äußerst problematisch. Dann müsste man genau den Inhalt des Sektglases prüfen.

Kraft
Frau Abdel-Rahman, Sie haben gesagt, Sie verlangen eigentlich nichts anderes als das, was im Kernkurrikulum der Grundschule steht. Das hört sich ja erst einmal gut an. Eine entscheidende Frage ist im Kernkurrikulum aber doch offen, nämlich die Frage nach den inhaltlichen Grundlagen des Islams. In der Einleitung steht irgendwo mal der Satz, man dürfe den Koran auch geschichtlich verstehen, aber bitte nicht alles. Was das aber konkret heißt, wird an keiner Stelle erläutert. Stattdessen gibt es einen Anhang mit Koransuren und Hadithen mit vielen netten Geschichten. Wenn ich das durchlese, frage ich mich, wie ich das denn verstehen soll. Wie offen ist die Interpretation? Gibt es plurale Deutungen? All das wird offen gelassen.

Das Koranverständnis ist eine der Kernfragen sowohl des muslimischen Selbstverständnisses als auch als des Kurrikulums. Wenn diese Kernfrage so gut wie ungeklärt ist, wie können Sie da zu verbindlichen Aussagen über bestimmte charakterliche Eigenschaften der Lehrkräfte kommen? Sie selbst schreiben ja in Ihren Reflexionen über die Aufgabe einer Schulbuchautorin, wie schwierig es ist, in der jetzigen Situation Aussagen zu einer Korandidaktik zu machen und dass Sie da noch auf dem Weg sind. Wenn aber diese hermeneutischen Grundfragen noch offen sind: Wie können Sie dann einen solchen Text wie die Idschaza verfassen?

Abdel-Rahman 
Das sind zwei verschiedene Dinge. Der Beirat vertritt die organisierten Muslime, die in Niedersachsen den Islamischen Religionsunterricht möchten. Wir sammeln das, was diese Muslime als charakteristisch für ihr Verständnis von Islam sehen, und das sind die gottesdienstlichen Handlungen wie das fünfmalige Gebet, das Fasten, die Wallfahrt (Hadsch) und die Sozialabgabe (Zakat), also das, was wir als fünf Säulen des Islams kennen. Das ist für sie verbindend als Muslime. Daher sollte auch ein Lehrer diese Haltung haben. Ob dieser Lehrer zu Hause im Einzelfall nur drei Mal betet, weil er vielleicht nicht dazu kommt und gestresst ist oder weil er müde ist oder weil er gerade ein religiöses Tief hat oder weil er selber auf dem Weg ist, all das ist seine Sache. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um die Haltung, die er vermittelt. Ich bin absolut d'accord mit Ihnen, dass das relativ schwer abzuschätzen ist. Aber es reicht nicht aus, nur einen Universitätsabschluss vorzulegen und zu sagen: Ich habe das beides studiert. Das kann man auch als Nichtmuslim machen. 

Kraft 
Ich habe ja anders argumentiert. Ich habe gesagt: Sie machen es fest an dem, was Sie als die fünf Säulen des Islam bezeichnen. Letztendlich sind diese Regeln und Gebote und das Rechtsverständnis abgeleitet aus der Hadith-Tradition und aus den koranischen Texten. Wenn Sie die zentrale Frage offen lassen, wie ich überhaupt mit diesen Texten umgehen soll, wie können Sie da die Lehrer und Lehrerinnen auf eine bestimmte Praxis verpflichten? Das ist der Widerspruch. 

Abdel-Rahman 
Das sind zwei verschiedene Dinge. Die fünf Säulen stellt letztendlich kein Muslim in Frage. Das sind gottesdienstliche Handlungen, die von den meisten Muslimen, die sich als religiöse Gläubige empfinden und definieren, ohne zu diskutieren angenommen werden. Es gibt zwar Leute, die das ablehnen. Aber das sind im Koran festgelegte Inhalte, die der Glaubenspraxis dienen.

Reinbold 
Verstehe ich das recht: Ich muss als Lehrer auf jeden Fall die Haltung haben, dass die fünf Säulen gelten; ob ich mich aber zu Hause auch streng an die fünf Säulen halte, ist meine Sache. Ist das so? Und wenn ja: Darf ich das den Schülern dann auch sagen?

Abdel-Rahman
Das ist eine interessante Frage. Wie wahrhaftig wären Sie denn, wenn Sie mit den Schülern nicht darüber diskutierten? Natürlich darf ich darüber sprechen, ob ich jetzt ein Tief habe zum Beispiel. Es gibt Menschen, die sagen: Mir fällt das Gebet total schwer. Warum soll man das nicht machen? 

Reinbold 
Um noch einmal das Schulbuch „Saphir“ zu zitieren. Saphir sagt so viel wie: Wir bieten den Schülern das Modell der fünf Säulen an. Aber die Schüler müssen doch am Ende selbst sehen, wie weit sie dieses Modell übernehmen und wie sie damit zurechtkommen.

Abdel-Rahman 
Nein. Es ist nicht so beliebig. Ich denke, es geht nicht darum, dass wir sagen: „Die Inhalte sind beliebig.“ Das sind sie nicht. Es gibt Inhalte, wo wir sagen können: „Das steht Dir offen, ob du das so oder so machst.“ Aber es gibt Inhalte, wo wir sagen: „Das ist meine gottesdienstliche Pflicht. Das ist mir vorgeschrieben.“ Das ist nun mal zum Beispiel das Gebet fünf Mal am Tag. Wie ich mit dieser Pflicht umgehe, ist die andere Sache. Aber es ist keine beliebige Geschichte.

 

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