Muss eine islamische Religionslehrerin Kopftuch tragen? Annett Abdel-Rahman, Friedhelm Kraft im Gespräch

Reinbold 
Wir müssen noch ein ganz heikles Thema ansprechen: Wie ist es eigentlich mit dem Kopftuch? Zurzeit haben ja alle Lehrerinnen kein Kopftuch, weil es in der Schule in Niedersachsen verboten ist. Wird das in Zukunft noch möglich sein? Oder muss die muslimische Religionslehrerin in Zukunft mit Kopftuch unterrichten?

Abdel-Rahman 
Nein, das muss sie natürlich nicht. Wir haben im Zuge der Kopftuchdiskussion, die wir seit über zehn Jahren in Deutschland führen, immer schon die Haltung vertreten, dass eine Frau frei entscheiden muss, ob sie Kopftuch tragen darf oder nicht. Auch im Zuge des Kopftuchverbots an öffentlichen Schulen haben wir immer so argumentiert, dass eine muslimische Frau das Recht haben muss, für sich zu entscheiden, ob sie diesem Gebot – wenn sie es für sich als Gebot sieht – folgt oder nicht. Genau die gleiche Freiheit muss ich ihr zugestehen für den Islamischen Religionsunterricht.

Es wäre natürlich schön, wenn wir auch hier eine Pluralität hätten: Frauen mit Kopftuch und Frauen ohne Kopftuch. Das würde ich mir wünschen, weil es ja auch die Pluralität der Schüler und ihrer Eltern widerspiegelt. Aber wir können nicht vorschreiben, dass eine Frau Kopftuch trägt. Stellen Sie sich vor: Eine allein erziehende Mutter mit zwei Kindern muss diesen Job machen und setzt sich ein Kopftuch auf, damit sie unterrichten kann. Das wäre nicht im Sinne des Islams. Aber es wäre schön, wenn wir Bedingungen hätten, dass jede diese Frage für sich frei entscheiden kann.

Kraft
Die Kopftuchfrage ist eine schwierige Frage. Mir wurde gesagt, dass im Islamischen Religionsunterricht durchaus das Kopftuch getragen werden kann. Aber wenn die Lehrerin den Flur betritt, muss sie das Kopftuch wieder abnehmen. Im Unterricht darf es aufgesetzt werden, außerhalb des Klassenraums nicht. Das ist schwer vermittelbar, und der erzieherische Wert ist problematisch.

Gleichzeitig werden wir die Situation haben, dass muslimische Lehrkräfte über Gestellungsverträge an die Schule kommen. Diese Lehrkräfte müssen nicht nach niedersächsischem Beamtenrecht behandelt werden, so dass wir sagen könnten: Eine Frau im Gestellungsvertrag hat andere Freiheiten als eine Lehrerin, die verbeamtet ist und die noch ein anderes Fach unterrichtet. Solche Fragen werden uns noch beschäftigen.

Mir ist ganz wichtig, und deshalb kann ich Ihre Aussage nur unterstützen, dass die Verbände, die den Religionsunterricht jetzt tragen, wirklich für Pluralität einstehen. Aus Berlin höre ich sehr kritische Stimmen. Danach hat der Druck, das Kopftuch zu tragen, für die Schülerinnen zugenommen. Manche sagen mir: Die Islamische Föderation hat eine Deutungshoheit, die Pluralität ist in Gefahr. Ich hoffe, dass es dazu in Niedersachsen nicht kommt. 

Abdel-Rahman 
Nein, das denke ich nicht. Das Kopftuch war auch von Anfang an für uns gar nicht so ein zentraler Punkt. Wichtig war für uns, ob es überhaupt möglich ist, ein Kopftuch zu tragen. Die Studentinnen der Islamischen Religionspädagogik sind kompetente Frauen, ob mit oder ohne Tuch. Ich würde mir wünschen, dass beide den Weg in die Schule finden. Das würde die Pluralität, die wir im Elternhaus und in der Gesellschaft finden, widerspiegeln, denn manche Schüler haben zu Hause nun einmal Mütter, die Kopftuch tragen. Ich finde, wir sollten diese Mischung auch in der Schule haben und mit viel mehr Gelassenheit und Ruhe mit dem Thema umgehen. Je mehr wir das Thema symbolisch aufladen, umso problematischer wird es für die einzelne Frau, sich für oder gegen das Kopftuch zu entscheiden.

 

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