Stehen Salafisten auf dem Boden des Islams? Thomas Bauer im Gespräch

Reinbold
Herr Bauer, nun gibt es mit der Vielgestalt der Überlieferung allerdings ein Problem, das ich zum Schluss wenigstens noch kurz ansprechen möchte. Die sogenannten Salafisten, die im letzten Jahr durch die Verteilung von Koranen in Fußgängerzonen großen Aufruhr erzeugt haben, behaupten ja, dass sie zurückgehen zu der einen, ursprünglichen Tradition. Nach all dem, was wir bisher diskutiert haben, ist das grundfalsch.

Bauer
Zunächst: Religiöse Reformen geschehen sehr oft in der Form, dass man versucht, zurück zu den Ursprüngen zu gehen. Das hat auch Luther nicht anders gesehen.

Reinbold
Gewiss, aber die Frage ist: Ist der Anspruch berechtigt oder nicht?

Bauer
Was wir bei den Salafisten haben, ist, dass eine moderne Ideologie konstruiert wird, die die gesamte eigene Geschichte negiert. Der Salafismus kommt ja nicht aus der traditionellen Gelehrsamkeit. Die wird im Gegenteil als Irrtum betrachtet. Man will die eigene Geschichte sozusagen durchstreichen.

Die Salafisten wollen auch nicht zurück ins 7. Jahrhundert. Aber sie glauben, dass man da unmittelbar anknüpfen kann. Das aber hätte schon ein Gelehrter des 8. Jahrhunderts nicht geglaubt, weil er wusste, dass man den Korantext interpretieren muss, dass man vieles nicht mehr weiß, dass es Hadithe – also Überlieferungen vom Propheten – gibt, die unterschiedlich zuverlässig sind, die teilweise echt sind, teilweise gefälscht, so dass man nur durch wissenschaftliche Tätigkeit weiterkommen kann und nicht durch einen Kurzschluss bzw. einen eingebildeten Kurzschluss zum Propheten oder zu seiner Zeit.

Reinbold
Sie sprechen in ihrem Buch davon, der Salafismus sei eine oder gar die gefährlichste Ketzerei des Islam.

Bauer
Ich habe das nicht gesagt. Das ist ein Zitat eines syrischen Gelehrten.

Reinbold
Aber Sie stimmen mit ihm überein?

Bauer
Ich bin nicht befugt zu sagen, was eine Ketzerei ist und was nicht. Es ist eine Ideologie entstanden, die etwas macht, das es im Islam eigentlich nicht gibt, nämlich zu sagen: „Wer anderer Meinung ist als wir, der ist kein Muslim mehr!“ Üblicherweise hat man das Verketzern von Muslimen, die in bestimmten Bereichen anderer Meinung waren, als unislamisch betrachtet. Man hat immer versucht, möglichst viele unter einen Hut zu bringen. Man hat gesagt: „Die haben zwar nicht wirklich recht, aber gut, es sind auch Muslime.“

Das Verketzern der anderen Muslime fängt mit den Wahhabiten an. Das war die erste auch politisch mächtige Bewegung, die sagte: „Alle, die anders sind als wir, sind gar keine Muslime“. Das war auch der Grund dafür, dass die Wahhabiten sehr gewalttätig waren. Von Anfang an gab es zahllose Rechtsgutachten von Muslimen aller Richtungen und aus allen Teilen der Welt, die sagten, dass der Wahhabismus nicht auf den Boden des Islams steht. Wenn also heute viele Leute glauben, dass das, was in Saudi-Arabien ist, der „richtige Islam“ ist, dann ist das gegen die Mehrheit der Muslime.

 

Zum vollständigen Gespräch

Video

Zurück