Studium der islamischen Theologie: Rauf Ceylan, Abdul-Jalil Zeitun im Gespräch

Reinbold
Herr Ceylan, in Osnabrück sind zurzeit viele Professuren ausgeschrieben. Dazu wird auch eine Professur für Koranauslegung gehören. Worauf achten Sie bei den Besetzungsverfahren in besonderer Weise? Wie werden diese schwierigen Fragen des rechten Umgangs mit dem Koran in Zukunft an der deutschen Universität im Studium der Islamischen Theologie diskutiert werden?

Ceylan
Zu den ausgeschriebenen Professuren: Das Problem in Deutschland besteht darin, gut qualifizierte Theologen zu bekommen. Dabei geht es nicht nur um deren Orientierung. In der Türkei gibt es nach der Grundschule die religiöse Mittelschule und danach das religiöse Gymnasium. Das heißt, dort werden schon in der Schule die Grundlagen vermittelt, Arabischkenntnisse, Islamkenntnisse. Danach kommt das Studium, dann die Promotion, danach die zweite große Schrift, hier würde man sagen: die Habilitationsschrift, und so weiter. Man erhält eine langjährige Ausbildung in der ganzen Komplexität der Theologie. Deutschsprachige gut ausgebildete islamische Theologen zu finden, das ist unsere Herausforderung. Ich kann Ihnen versichern, dass wir jemanden einstellen werden, der genau unseren Vorstellungen entsprechen wird. Aber es wird immer eine Herausforderung bleiben…

Reinbold
Herr Zeitun, die in Deutschland ausgebildeten Imame werden von den Professoren in Osnabrück und an den drei anderen Zentren so etwas lernen wie eine historische Auslegung des Korans. Was sagen Sie dazu? Würden Sie so einen Imam einstellen bei sich in der Moschee?

Zeitun
Früher haben wir davon geträumt, dass es so etwas hier gibt. Das ist für uns alle eine große Freude.

Reinbold
… dass in Deutschland jetzt Imame ordentlich ausgebildet werden.

Zeitun
Genau, aber am Anfang ist es nicht so einfach. Sie haben nicht so viele Professoren, die die Studenten unterrichten. Es dauert bestimmt zehn Jahre, bis an der Universität eine Normalität herrscht. Alles befindet sich am Anfang, und nicht alles läuft optimal. Dass man die Leute später einstellt, das ist schwierig, solange es keine Regeln gibt für Steuern, für Gelder.

Reinbold
Das sind die praktischen Fragen. Aber wenn wir auf das Inhaltliche sehen: Sind die Moscheegemeinden nach ihrer Einschätzung bereit, solche Leute aufzunehmen, die an einer deutschen Universität nach den deutschen wissenschaftlichen Standards studiert haben? Sind das die Imame, die Sie wollen?

Zeitun
Als Notlösung. Man weiß nicht, wie sie sind.

Reinbold
Wie müssten sie denn sein?

Zeitun
Sie brauchen Praxis. Ohne Praxis …

Reinbold
Dann brauchen Sie so eine Art zweiten Ausbildungsgang, wie das bei uns evangelischen Theologen der Fall ist: Man macht erst die Universität, geht danach in die Gemeinde und legt danach ein zweites Examen ab. 

Zeitun
Genau. Man kann nicht im Voraus sagen, was optimal ist.

Reinbold
Was ist denn für die Gemeinde das Entscheidende? Was muss der Imam besonders gut können?

Zeitun
Entscheidend ist, dass er menschlich gesehen sozial ist, dass er mit den Menschen umgehen kann.

Ceylan
Das bieten wir auch an.

Zeitun
Er sollte einen breiten Konsens haben. Sie haben meistens nur viel Theorie. Das kann man nicht gebrauchen.

Ceylan
Es wird verschiedene Stufen geben und verschiedene Ziele der Universitätsausbildung. Die Frage wird sein: Will ein Theologe als Imam arbeiten? Oder will er sich wissenschaftlich weiterqualifizieren? Das sind zwei verschiedene Dinge.

An der Universität wollen wir auch Nachwuchs qualifizieren. Der Wissenschaftsrat hat ja empfohlen, Postdocstellen auszuschreiben [d.i. Stellen zur Weiterqualifizierung für Promovierte], damit wir in fünf bis zehn Jahren genügend Nachwuchswissenschaftler in Deutschland haben. Wir brauchen gut ausgebildete Wissenschaftler, Theologen, die promoviert und habilitiert sind, die über solche Themen, wie wir sie eben diskutiert haben, qualifiziert reden können.

In der Moschee ist vor allem die Orthopraxie wichtig [d.i. die rechte Praxis des Imams]. Darüber hinaus die Koranrezitation. Die Moscheegemeinden haben gewisse Erwartungen, die wir verstehen, die wir nachvollziehen können. Diejenigen, die in die Praxis gehen wollen, müssen wissen, was dort erwartet, was dort vorausgesetzt wird. Es sollte so etwas wie ein Praktikum geben. Das heißt aber nicht, dass ein Imam, der in die Praxis geht, nicht qualifiziert sein muss in Fragen wie Islamische Philosophie, historische Koranexegese und so weiter.

Zur Zeit sind noch viele Fragen offen. Die Rolle der Religionsgemeinschaft ist für die Muslime neu. In der katholischen Kirche zum Beispiel gibt es das Prinzip „Lehre und Lebenswandel“. Wie wird das bei den Muslimen sein? Auch die Frage der Bezahlung der Imame ist noch offen. Man kann die DITIB kritisieren, aber die Imame werden dort sehr gut bezahlt. Meistens ist es allerdings nur ein Nebenverdienst, den ein Imam hat. Und so stellt sich für einen jungen Abiturienten, der die Möglichkeit hat, Medizin, Maschinenbau oder Theologie zu studieren, natürlich die Frage: Wie viel werde ich denn verdienen? Minister Schünemann hat einmal vorgeschlagen, dass die Imame ja vielleicht halbtags an Schulen unterrichten und halbtags in den Moscheen arbeiten könnten. Das ist ein smarter Vorschlag, aber wie gesagt: Es sind noch viele Fragen offen.

 

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