Was macht ein Imam? Abdul-Jalil Zeitun im Gespräch

Reinbold
Von dem, was ein Pastor oder eine Pastorin macht, haben die meisten Menschen eine ungefähre Vorstellung. Man trifft sie bei Taufen, im Konfirmandenunterricht, beim Gottesdienst, auf dem Friedhof. Aber was macht eigentlich ein Imam in Deutschland, sieben Tage die Woche?

Zeitun
Man hat zuerst fünf Mal am Tag die Gebete zu verrichten als Vorbeter. Dann hat man Sitzungen für Koranexegese, eine Sitzung für Hadith, für Aussagen zum Propheten, man hat Koranunterricht für die Kinder. Wir machen auch Führungen. Es besuchen uns fast jede Woche drei bis vier Schulklassen. Sie stellen uns Fragen über den Islam. Wir machen auch Kindergartenveranstaltungen. All das mache ich nicht alleine, sondern mit einem Team, mit Ausnahme des Vorbeters, das mache ich allein. Freitags predige ich immer und vieles mehr. Auch Trauungen haben wir, in der Regel zweimal die Woche.

Reinbold
Fünf Mal am Tag beten – das heißt, Sie sind im Sommer morgens um vier Uhr da, bevor die Sonne aufgeht?

Zeitun
Im Sommer beten wir nachts, bevor wir nach Hause gehen. Im Mai, Juni, Juli und August ist der Tag ja sehr lang. Im Winter um 16 Uhr haben wir das vierte Gebet. Jetzt im Frühjahr und Sommer haben wir das vierte Gebet um 22 Uhr. Das sind fast sechs Stunden Unterschied. Sie wissen ja: Wir haben einen Gebetskalender, nach dem wir uns richten, und die Gebetszeiten ändern sich mit den Jahreszeiten.

Reinbold
Heißt das, dass der Imam im Grunde den ganzen Tag in der Moschee verbringen muss?

Zeitun
Nein, muss er nicht. Nach zwei Gebeten kann man auch mal heraus.

Reinbold
Lassen Sie mich bei einem Stichwort nachfragen, weil es für unsere Ohren sehr vertraut klingt. Das Stichwort "Predigt", „Freitagspredigt“. Ist das so etwas wie das, was man als Christ hat, wenn man sonntags in die Kirche geht? Was hat man sich unter einer Freitagspredigt vorzustellen?

Zeitun
Die Freitagspredigt besteht aus zwei Teilen, einem aktuellen und einem klassischen, traditionellen Teil. Aktuelles, das heißt, man muss darüber reden, was zurzeit gerade passiert. Wenn es zum Beispiel einen Krieg gibt, dann predigt man darüber, oder es gab ein Erdbeben oder eine Flut, dann predigt man darüber, über aktuelle Probleme aller Art. Man predigt also nicht nur über islamische Grundsätze, sondern man predigt über alles, was wichtig ist. Als zum Beispiel das Erdbeben in Haiti war, haben wir gepredigt und Spenden gesammelt. Auch über die Flut in Süddeutschland haben wir gepredigt und Spenden gesammelt.

Reinbold
Neben den aktuellen Themen würde man als Christ auch eine Textauslegung erwarten. Gibt es bei Ihnen so etwas wie die Auslegung einer Koransure oder eines Teils einer Koransure?

Zeitun
Ja. In der Predigt ist das ein fester Teil. Man muss unbedingt jedes Mal den Koran rezitieren. Man kann nicht ohne Koran predigen. Koran und Hadith müssen immer dabei sein.

Reinbold
Und versuchen Sie dann, wenn Sie über aktuelle Anlässe sprechen, über Flutkatastrophen oder Erdbeben oder was immer es sei - Versuchen Sie dann, eine Brücke zu bauen vom Text zur Situation?

Zeitun
Auf jeden Fall. Man sagt immer Dank für Allah, für Gott. Wir müssen Gott danken, auch wenn er uns etwas gegeben hat und die anderen es nicht haben oder vermissen, dann müssen wir spenden, müssen wir helfen, und so weiter. Wir predigen zum Beispiel auch über Drogen. Sie sind verboten im Islam. Zigaretten sind ebenfalls verboten im Islam. Wir helfen dem Staat mit solchen Sachen. Wir predigen immer darüber. Alles, was verboten ist, soll man vermeiden.

Video

Zum vollständigen Gespräch

Zurück