Was passiert in einer Synagoge? Alla Volodarska im Gespräch

Reinbold
Frau Volodarska, wenn man auf die Themen „Religion“ und „Migration“ schaut und einmal fragt: In welcher Religionsgemeinschaft finden sich aktuell die meisten Migranten? Dann stellt man fest: In der jüdischen Gemeinschaft. 80 bis 90 Prozent der in Deutschland lebenden Juden stammen, wie Sie selbst auch, aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Das hat die Gemeinden sehr stark vergrößert, sehr stark verändert. Können Sie uns einmal skizzieren, was eigentlich in ihrer Synagoge Woche für Woche passiert?

Volodarska
Was man zuerst sagen muss: Integration, erfolgreiche Integration von Juden aus dem postsowjetischen Raum wäre ohne die jüdischen Gemeinden in Deutschland überhaupt nicht möglich gewesen.

Ich selbst bin im Jahr 1991 gekommen. Damals wusste keiner, was ein Jude ist, und schon gar nicht, was ein sowjetischer Jude ist. Als Migrant sucht man immer einen Faden, der einen mit etwas verbindet. Dieser Faden war für uns die Religion: Da waren Juden, und es gab jüdische Gemeinden. Zu ihnen gingen wir hin.

Die jüdischen Gemeinden standen damals vor einem großen Problem. Es gab keine Sozialarbeiter, die Gemeinden waren klein und überaltert. Also hat man erst einmal auf ehrenamtlicher Basis Integrationsberatung geleistet, später dann auch auf hauptamtlicher Basis. Gute Integration, eine erfolgreiche Integration der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ist dadurch gelungen, davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt, dass die jüdischen Gemeinden eine große Rolle gespielt haben.

Wie sieht es in unseren Gemeinden heute aus? Es haben sich Strukturen gebildet, die zum Teil an kirchliche Gemeinden erinnern. An erster Stelle ist eine Synagoge natürlich ein Gotteshaus. Aber unsere Gemeinde hat auch eine Migrationsberatungsstelle. Da arbeite ich. Wir haben einen Deutschkurs, genauso selbstverständlich wie einen Hebräischkurs. Wir haben einen Computerkurs, genauso selbstverständlich wie einen Chor. Wir haben verschiedene Kindergruppen für alle Generationen, vom Kindergarten bis zu den jungen Erwachsenen. Unsere jüngsten Kinder in der Krippe sind 12 Monate alt. Unsere ältesten Kinder sind bei „Jung und Jüdisch“ mit 35 Jahren immer noch Kinder.

Vor kurzem war ich in Berlin bei einer Veranstaltung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dort habe ich einen Begriff gehört, der mir sehr gut gefallen hat. Ein Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion hat gesagt: Die Gemeinden müssen eine Integrationsblase bilden. Zu dieser Integrationsblase gehört Gemeinde und Kita und Sprachkurse und Chor und Tanzgruppe und Yoga und vieles, vieles mehr. Alles dient eigentlich der Integration in die Gesellschaft.

Das ist die eine Seite der Integration. Wir integrieren uns in die Gemeinden und in die deutsche Gesellschaft. Aber Integration ist keine Einbahnstraße, schon gar nicht in einer Gemeinde, die zu 80 bis 90 Prozent aus Einwanderern besteht. Wir postsowjetischen Migranten integrieren uns in die Gemeinden – aber unsere nichtrussischsprachigen Gemeindemitglieder integrieren sich auch, weil Integration kein Weg nur in eine Richtung ist. Wenn man sagt, Integration heißt, man muss sich annähern [hält die flachen Hände im Abstand von einigen Zentimetern], das ist für mich keine Integration, keine wirkliche Integration. Integration ist für mich eher so [verschränkt und faltet die Hände]. Es ist schon interessant, wie viel eine religiöse Gemeinschaft wirklich helfen kann, wenn es um Integration von Menschen aus anderen Ländern geht.

[...]

Reinbold
Frau Volodarska, Bischof Trelle hat gesagt, es gibt Leute, die sagen, das Boot ist voll, sie haben Angst, es kommen immer mehr. Mit Blick auf die Gesamtgesellschaft ist das keine realistische Perspektive (und keine, die uns schrecken müsste, so oder so). Mit Blick auf die jüdischen Gemeinden allerdings ist es tatsächlich so gewesen, Sie haben es eben schon im Scherz angedeutet. Die Alteingesessenen sind tatsächlich von einer Gruppe von Migranten regelrecht überrollt worden. Man kann sich ausmalen, dass das nicht wenige Konflikte mit sich bringt. Wie gehen Sie damit um?

Volodarska
Der Prozess betrifft nicht nur zwei, sondern mehrere Seiten. In den Gemeinden gibt es Alteingesessene. Aber was heißt „Alteingesessene“? Meist sind es Nachfahren von KZ-Überlebenden aus Polen, aus Rumänien. Wir haben Glück: Wir haben 2 oder 3 deutsche Jüdinnen in der Gemeinde … 

Reinbold
.. drei von achthundert?

Volodarska
Ja, wenn ich recht sehe, drei von achthundert, jedenfalls: sehr wenige. Wir haben auch Juden aus Argentinien, aus Brasilien, viele Israelis, Amerikaner, Engländer. Die Synagogen sind, wenn man so will, ein Schmelztiegel. Ohne die Migration, ohne die Menschen, die aus verschiedenen Ländern, insbesondere aus der ehemaligen Sowjetunion, gekommen sind, würden die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht mehr existieren.

Selbstverständlich gibt es auch Konflikte. Man muss miteinander reden, man muss versuchen, andere zu verstehen. Man muss einfach fragen: Warum denkst du so? Warum machst du bestimmte Dinge anders als wir? Das ist der einzige Weg. Wenn wir uns verschließen, wenn wir nicht miteinander reden, dann haben wir keine Chance. In unserer Gemeinde haben wir wirklich Glück, dass wir sehr friedlich miteinander umgehen, dass wir uns inzwischen gut verstehen. Manchmal, wenn ich höre, was in anderen Gemeinden so passiert, dann sage ich meinem Vorstand: Jetzt aber alle in die Synagoge beten! Beten, dass wir weiter so friedlich miteinander leben können.

Reinbold
Ist es so, dass man bei Ihnen inzwischen das Russische auch als Bereicherung wahrnimmt, so wie Bischof Trelle es gesagt hat?

Volodarska
Man schätzt das sehr. Es kommt mit der Zeit, dass man das schätzen lernt. Man muss sich nicht schämen, dass man das am Anfang nicht verstanden hat. Für die Gemeinde waren das Fremde – und wir waren sehr viele. Wir haben die Gemeinden wirklich überrollt. Das muss man so sagen, das ist so. Aber dadurch, dass deutsche Juden, israelische Juden, amerikanische Juden, argentinische Juden, sowjetische Juden versucht haben, einander zu verstehen, ist überhaupt ein Gemeinschaftsleben möglich geworden. Inzwischen versteht eigentlich jeder, dass das eine Bereicherung ist.

Man sieht es insbesondere daran, wie unsere Kinder miteinander umgehen. Unsere Kinder – wir haben jetzt auch schon die zweite und die dritte Generation –, sie sprechen miteinander Deutsch. Manche lernen Russisch, weil in der Kita sehr viele russischsprachige Kinder sind, und man spricht mal Deutsch, mal Russisch, mal Hebräisch, weil die Kinder auch schon in der Kita Hebräisch lernen. Das ist gut, das ist einfach gut. Man sucht Wege und findet Wege, wenn man will, miteinander zu leben.

 

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