Was sollen die Schüler im Fach „Islamische Religion“ lernen? Annett Abdel-Rahman, Friedhelm Kraft im Gespräch

Reinbold
Lassen Sie uns zu den Inhalten kommen. Frau Abdel-Rahman, alle sagen, Islamischer Religionsunterricht ist etwas anderes als die Koranschule. Die Koranschule ist im Islam ganz üblich. Religionsunterricht, so wie wir ihn haben, ist in islamisch geprägten Ländern nicht üblich. Was sollen die Kinder lernen im Islamischen Religionsunterricht?  

Abdel-Rahman 
Ich möchte mich gern beschränken auf die Koranschulen, wie wir sie hier in Deutschland kennen. Die Koranschule ist tatsächlich anders als wir das in der Schule vorsehen. Ich persönlich bin der Ansicht, dass nicht das eine das andere ersetzt, sondern dass beide sich gegenseitig ergänzen können und sollten. Das wird auch, denke ich, in der Zukunft so sein.

In der Schule haben wir einen Bildungsauftrag, wie in allen anderen Fächern auch. Es geht nicht nur darum, einen Inhalt zu lernen, sondern auch, mich zu diesem Inhalt in Beziehung zu setzen, zu reflektieren, danach zu fragen, vielleicht jemandem zu helfen, eine Antwort zu finden, ohne ihm die Antwort vorzugeben. Das ist auch im Religionsunterricht so.

Das Kernkurrikulum für den Religionsunterricht ist gekennzeichnet von einer Didaktik des Fragens und nicht von einer Didaktik der vorgegebenen Antworten. Das heißt, man fragt danach: Welche Rolle spiele ich als Mensch in dieser Welt? Welche Rolle spielt Gott in dieser Welt für mich und wie beeinflusst das mein Handeln, meinen Glauben? Welche Rolle spielen andere Religionen in meiner Gesellschaft? Was bedeuten Inhalte aus Koran und Sunna für mich? Welche Verantwortung habe ich als Mensch? Wie wichtig sind die Propheten in meiner Religion für mich? Was bedeuten sie in meinem Leben? Was kann ich aus deren Vorbildwirkung für mich ableiten?

Im Unterricht in den Moscheen lernen die Schüler beispielsweise die arabische Sprache. Das ist eigentlich eine sehr wichtige Voraussetzung, um als Muslim zu leben, und ich bedauere auch ein bisschen, dass wir die Grundregeln des Arabischen nicht ins Kernkurrikulum aufgenommen haben, weil ja auch für das Gebet ein wenig Arabisch notwendig ist. Aber wie dem auch sei: Sie lernen Arabisch, sie lernen den Koran zu rezitieren und auch Stücke aus dem Koran auswendig, um das Gebet vollziehen zu können. In der Schule dagegen sieht man sich zum Beispiel einen Vers aus dem Koran an, lernt ihn vielleicht, fragt aber vor allem nach: Was bedeutet das für mich? Die Schüler sollen angeleitet werden, Fragen zu stellen und den Inhalt zu ihrem Leben in Beziehung zu setzen.

Kraft
Es gab damals in Berlin und gibt immer noch die islamische Förderation, die als einziger islamischer Verband nach dem Berliner Gesetz islamischen Religionsunterricht geben darf. In der Zeit, in der die konzeptionellen Vorbereitungen für diesen Unterricht erfolgt sind, hat mir die islamische Föderation seinerzeit ihre Vorarbeiten gezeigt, und ich durfte einen kritischen Blick darauf werfen. Wir haben den Entwurf dann mit alten Plänen aus dem deutschen Religionsunterricht verglichen und dabei entdeckt, dass der Plan der Föderation sehr stark den Plänen des Evangelischen Religionsunterrichtes der 50er Jahre ähnelte. Es war ein reiner Stoffplan ohne pädagogische Grundlegungen. Danach hat sich die Föderation Hilfe von außen geholt, vom internationalen Institut für Pädagogik und Didaktik in Köln, wenn ich mich recht erinnere.

Lassen Sie mich noch etwas Grundsätzliches zu den Plänen sagen. Es gibt eine hervorragende Studie von Irka-Christin Mohr, die die ersten Pläne der Muslime für islamischen Religionsunterricht in Europa untersucht hat. Der Grundtenor Ihrer Überblicksdarstellung ist, dass die erste Generation der Lehrpläne für islamischen Religionsunterricht die Hauptfunktion einer Selbstverständigung hatte: Wie definieren wir Muslime uns unter den Bedingungen europäischer Gesellschaften? Was ist für uns eigentlich das Zentrale und Wichtige? Wie führen wir uns selber zusammen? Die Frage, wie man eigentlich das, was einem wichtig ist, im schulischen Kontext vermitteln kann, stand in zweiter Hinsicht.

In Niedersachsen haben wir jetzt die zweite Generation eines islamischen Lehrplanes, bei der sich genau diese Entwicklung feststellen lässt. Das erste Kurrikulum war viel stärker inhalts- und stofforientiert als das zweite. Wenn ich mir das neue Kernkurrikulum für den Islamischen Religionsunterricht ansehe, entdecke ich viele Parallelen zu den Kurrikula des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts, obwohl ich durchaus einige kritische Fragen an das islamische Kurrikulum habe. 

Reinbold
Frau Abdel-Rahman, es gibt in der neueren Debatte einige kritische Stimmen, die sagen: Trotz aller Fortschritte in den Kurrikula hat sich im Grunde an dieser 50er-Jahre-Mentalität des Islamischen Religionsunterrichts nichts geändert. Immer noch geht es um Stoffvermittlung, immer noch sprechen die Lehrer von „Wir Muslime“ und bringen den Schülern bei, was sie tun sollen. Also: Wir Muslime machen das so und so. Wir stellen uns beim Beten so und so hin. Wir Muslime beten fünf Mal am Tag. Wir fasten dann und dann. Reflexion, so diese Kritiker, findet kaum je statt. Was sagen Sie zu dieser Kritik? 

Abdel-Rahman
Das ist eine sehr interessante Frage. Ich denke, wenn man sich den Islamischen Religionsunterricht in der Praxis ansieht, merkt man, dass das so gar nicht geht. Die Schülerschaft ist sehr heterogen. Die Schüler und Schülerinnen haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe, unterschiedliche sprachliche Fähigkeiten, unterschiedliches religiöses Vorwissen, unter Umständen auch unterschiedliche Konfessionen, einige sind Sunniten, andere Schiiten, zum Beispiel. Da kann man gar nicht so unterrichten.

Letzte Woche zum Beispiel gab es in meiner Klasse einen Disput zwischen einer arabisch geprägten Schülerin und einem türkisch geprägten Schüler, beide 7 Jahre alt. Sie haben darüber diskutiert, ob es nun „Salam aleikum“ heißt oder „Selam aleikum“, wie es die Türken sagen. Das war für die Kinder ein wirklich ernsthaftes Problem. An diesem kleinen Beispiel sieht man schon, dass es nicht so einseitig geht, dass man sagt: „Wir Muslime“. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Elemente, die alle Muslime betreffen. Das Gebet fünfmal am Tag z.B., das ist ein verbindendes Element.

Reinbold 
Herr Kraft, wie ist das heute eigentlich im Evangelischen Religionsunterricht? Gibt es da so etwas, dass die Lehrer in die Klassen gehen und sagen: Das christliche Glaubensbekenntnis geht so und so. Wenn wir beten, stellen wir uns so und so hin. Spielen solche Elemente eine Rolle oder ist das alles 50er Jahre und lange vorbei?

Kraft 
Wenn man zehn Jahre Religionsunterricht hatte und hinterher auch das Glaubenbekenntnis kennt, dann ist das sicherlich keine falsche Sache. Es gibt zwei didaktische Ansätze in der aktuellen Diskussion, die versuchen, das aufzunehmen. Das eine ist die Kinder- und Jugendtheologie, und das andere ist die performative Didaktik.

Bei der Kinder- und Jugendtheologie geht es darum, welche Theologie für Kinder und Jugendliche wir brauchen. Aber wir sagen: Kinder und Jugendliche sind Theologen, und in diesem Zwischenspiel von Theologisieren mit Kindern, Theologie für Kinder und Theologie der Kinder, da spielt sich das ab, was ich Vermittlung und Aneignung theologischen Wissens nennen würde.

Das andere ist die performative Didaktik. Sie setzt einen anderen Akzent und stellt die Frage, ob man eigentlich Religion angemessen verstehen kann, wenn man selbst keine Praxiserfahrung mit Religion hat. Inwieweit muss, wenn ich Religion als ein ganzes sehe, auch die Praxis der Religion ansatzweise im Religionsunterricht vorkommen, unter den besonderen schulischen Bedingungen? Da hat die performative Didaktik durchaus Elemente ins Spiel gebracht wie etwa Gespräche über das Gebet. Es geht dabei aber nicht darum, Gebetübungen abzuhalten, damit ich ein guter Christ wäre. Sondern es geht darum zu verstehen, was das Gebet für Christen bedeutet. Es geht darum, Praxiserfahrungen zu machen, die hinterher sofort wieder reflektiert werden. In diesem Zwischenspiel von Annehmen und Distanz, von Praxis und Reflektion, spielt sich Religionsunterricht ab.

 

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