Wir Deutsche, Ihr Muslime? Ahmad Mansour im Gespräch

Reinbold
Was kann man denn tun, um zu helfen? Was kann man tun, um solche Dinge schon im Ansatz zu verhindern?

Mansour
Das Projekt „Heroes“, bei dem ich als Gruppenleiter arbeite, ist ein Beispiel. Junge Männer mit Einwanderungsgeschichten, die meisten Muslime, engagieren sich gegen ein falsches Verständnis von „Ehre“. Sie gehen nach einer einjährigen Ausbildung in die Schulen und sagen: „Wir sind Männer, wir haben Ehre, aber wir definieren unsere Ehre anders. Wir wollen unsere Frauen, unsere Schwestern nicht einsperren und nicht unterdrücken.“ Diese Vorbilder sind enorm wichtig in der Präventionsarbeit. Dazu brauchen wir, wie Herr Dehne vorhin mit Recht gesagt hat, neue pädagogische Konzepte. Alle Lehrer, die in den Schulen arbeiten, sollten so ausgebildet sein, dass sie mit solchen Phänomenen umgehen können.

Darüber hinaus, und ganz wichtig: Wir müssen die Wir-Ihr-Debatte abschaffen. Ich kann nicht diese Jugendlichen in ihren religiösen und kulturellen Hintergründen jahrelang ablehnen und nicht anerkennen – und dann mit ihnen plötzlich über Tabu-Themen reden wollen. Sie machen dann einfach zu und sagen: „Bei uns ist das so. Was verstehen Sie denn von unserer Kultur? Sie haben das jahrelang abgelehnt. Und jetzt wollen Sie mit uns über Ehre reden?“

Reinbold
Mit „Wir-Ihr-Debatte“ meinen Sie, dass die Jugendlichen sagen: „Bei uns ist das so. Ihr Deutschen macht es nicht so“?

Mansour
Genau – und umgekehrt. Die Lehrer erkennen diese Jugendlichen nicht an, sie lehnen sie ab, mit ihrem kulturellen und religiösen Hintergrund. Da entsteht kein Wir-Gefühl. Wir brauchen Vertrauen von beiden Seiten, um dieses Wir-Gefühl in den Schulen zu schaffen, und dann können wir über Tabu-Themen reden.

Wissen Sie, in jeder Familie wird zum Beispiel das Kind irgendwann einmal zu seinen Eltern gehen und sagen: „Papa oder Mama, wieso essen wir kein Schweinefleisch?“ Die Art und Weise, wie die Eltern diese Frage beantworten, entscheidet darüber, wie das Kind sich in der Mehrheitsgesellschaft verhält. Wenn ich mit dieser Antwort die anderen, die Schweinefleisch essen, abwerte, dann brauche ich mich nicht darüber zu wundern, wenn auch das Kind die anderen abwertet.

Andererseits: Wenn ich Lehrer frage, was für Schüler sie haben, dann höre ich oft: „90 Prozent Ausländer“. Dabei sind die Kinder vierte Generation! Das sind deutsche Kinder! Sie werden aber als „Ausländer“ bezeichnet. So schaffen wir kein Wir. Und wenn wir kein Wir-Gefühl schaffen, dann können wir mit diesen Jugendlichen nicht über Tabu-Themen reden.

 

Video

Zum vollständigen Gespräch

Ich bin Syrisch-Deutscher

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