Wie wird man Imam?

Imame in Deutschland sind keine einheitliche Gruppe. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, vertreten unterschiedliche religiöse Positionen, haben unterschiedliche Einstellungen zur Moderne und ein unterschiedliches Bildungsniveau. Imam ist nicht gleich Imam.

Wie wird man Imam? Grob lassen sich fünf Ausbildungsmodelle unterscheiden:

– Studium der Theologie
Imame, die ein theologisches Studium absolviert haben, haben die höchste formale Qualifikation. Da ein Studium islamischer Theologie in Deutschland erst von diesem Jahr an möglich ist (mehr), haben zur Zeit alle studierten Imame ihre Ausbildung an einer ausländischen Universität genossen. Eine wichtige Rolle spielt, in welchem islamischen Land und an welcher Universität das Studium absolviert wurde. Ein Studium an der Universität Sarajevo in Bosnien ist etwas anderes als ein Studium an der Universität in Medina, Saudi-Arabien, wo eine sehr rückwärtsgewandte Form des Islam gelehrt wird. Abschlüsse aus Bosnien sind in der Regel hochwertiger und die Imame weltoffener.

– Ausbildung in einem privaten Bildungszentrum
Imame, die in einem privaten Bildungszentrum einer islamischen Organisation ausgebildet worden sind (z.B. an einer der Schulen des Verbandes der Islamischen Kulturzentren), weisen eine solide Grundbildung auf und sind in der Regel in Deutschland sozialisiert. Die Zulassungsvoraussetzungen zum Studium sind allerdings sehr niedrig gehalten, die Reflexion komplexer religiöser und sozialer Sachverhalte kommt in der Ausbildung kaum vor. Akademiker sind diese Imame nicht.

– Ausbildung in einer Madrasa
Die Madrasa genannte höhere Bildungsstätte hat in der islamischen Geschichte eine herausragende Rolle gespielt. In den Anfängen des Islam fand die Ausbildung der religiösen Gelehrten in den Räumen der Moscheen statt. Später entwickelten sich selbstständige Institutionen mit einem eigenen Gebäudekomplex, etwa Betsäle, Lehrräume, eine Bibliothek und ein Internat. Seit dem 16. Jahrhundert hat die Madrasa an Bedeutung verloren, vor allem deshalb, weil sie sich ganz auf die klassische Ausbildung konzentrierte und auf aktuelle Probleme keine Antworten mehr zu geben wusste.  Wesentliche Grundelemente ihrer Pädagogik waren das Auswendiglernen und das Nachahmen. In der Türkei wurden die Madrasas im Zuge der Atatürk'schen Reform im Jahr 1924 geschlossen,  an ihrer Stelle wurden staatliche Berufsfachgymnasien errichtet, die sogenannten Imam-Hatip-Schulen. Mystische Gruppen versuchen gegenwärtig, die alte Institution der Madrasa neu zu beleben.

– Ausbildung in einer Imam-Hatip-Schule
Imame, die eine Berufsfachschule bzw. ein Gymnasium für Vorbeter und Prediger besucht haben, sind in der Türkei nach den staatlichen Lehrplänen unterrichtet worden. Im Mittelpunkt der Erziehung steht vor allem das Auswendiglernen des gesamten Korans. Ein Theologiestudium wird von den meisten Imam-Hatip-Imamen nicht aufgenommen, was viele ein Leben lang bedauern. Gegenüber studierten Imamen entwickelt sich oft das Gefühl, nur in der zweiten Liga zu spielen.

– Autodidakten
Imame, die sich durch Selbststudium Kenntnisse über den Islam angeeignet haben, kennen sich oft gut aus. Allerdings ist diese Art von "Studium" mit Risiken verbunden, weil in einem solchen Studium oft stark ausgewählt wird. Das ganze Spektrum islamischer Theologie kennt ein „Selfmade-Imam“ in der Regel nicht.

(Nach: Rauf Ceylan, Prediger des Islam, 2010, 39-41)

 

Wie wird man Imam? Rauf Ceylan, Abdul-Jalil Zeitun im Gespräch.

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