Mitschrift: LSBTTI

Religionen im Gespräch 12, 2014

Gäste:
Dr. Bertold Höcker, Berlin
Andreas Ismail Mohr, Berlin
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen zum 12. Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem vielleicht etwas rätselhaften Titel „LSBTTI. Übertreiben wir es mit der sexuellen Vielfalt?“

Vor einigen Monaten ist in Baden-Württemberg die Landesregierung daran gegangen, ein Programm aufzustellen, das die Schulen verpflichtet, das Thema „Sexuelle Vielfalt“ zum Querschnittsthema zu machen. Es soll in allen Fächern in der Schule drankommen, nicht bloß in Biologie oder in Politik, wo Sie es vielleicht erwarten würden, sondern auch in Mathematik. Konkret heißt das: Man macht Matheaufgaben anhand einer Geschichte aus der Lebenswirklichkeit eines schwulen Pärchens mit Kind. Man lernt die deutsche Rechtschreibung anhand der Geschichte eines transsexuellen Mädchens. In jedem Fach soll das Thema vorkommen.

Als diese Pläne öffentlich wurden, gab es einen riesigen Aufschrei in Baden-Württemberg. Initiativen gegen LSBTTI in der Schule wurden gegründet, viele 10.000 Unterschriften gesammelt. Auch außerhalb Baden-Württembergs gab es starken Protest. Viele haben gesagt: „Hier werden die Grundwerte Deutschlands, wie sie im Grundgesetz festgeschrieben sind, hier wird Ehe, Familie und all das, worauf dieses Land beruht, ausverkauft. Das geht so nicht, wir müssen diese Initiative stoppen!“

„LSBTTI“ – das Kürzel steht für „Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und queere Menschen“. Der Streit um LSBTTI betrifft die Gesellschaft als ganze, und er betrifft in besonderer Weise die Religionsgemeinschaften. Viele sagen. „Sogar die Kirche, oder genauer gesagt: Die Evangelische Kirche macht bei dieser LSBTTI-Ideologie mit. Sie hat im letzten Jahr ein Familienpapier vorgelegt“ – so sagen die Kritiker –, „das in diesem Geist geschrieben ist. Das geht gar nicht! Die Kirche muss einen anderen Kurs einschlagen.“

In den letzten Wochen hat sich dieser Streit noch einmal zugespitzt. Der Schriftsteller Akif Pirincci hat ein Buch geschrieben, das inzwischen in den Bestsellerlisten steht. Das Buch hat den Titel „Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“, und es polemisiert mit voller Wucht gegen die LSBTTI-Politik.

Wir fragen heute: Was ist da los? Sind wir dabei, Ehe und Familie dranzugeben? Übertreiben wir es mit der sexuellen Vielfalt? Und wie steht es in diesem Land eigentlich um die Rechte Homosexueller? Das ist unser Thema, und ich begrüße dazu herzlich meine beiden Gäste.

Ich begrüße Dr. Bertold Höcker aus Berlin. Sie haben evangelische Theologie studiert, nebenher Kirchenmusik und Psychologie. Sie sind dann in der Kirche Nordelbiens Leiter der Einrichtung für Gottesdienst und Kirchenmusik geworden. Später sind Sie in das Landeskirchenamt gegangen und haben sich dort unter anderem dafür eingesetzt, dass schwule Paare in Pfarrhäusern zusammen leben dürfen. Danach waren Sie einige Jahre Citykirchenpastor in Köln und haben dort unter anderem Gottesdienste zum Christopher-Street-Day veranstaltet. Seit fünf Jahren sind Sie Superintendent in Berlin-Mitte. Herzlich Willkommen Herr Höcker! 

Ich begrüße Andreas Ismail Mohr. Sie sind, so steht es auf Ihrer Homepage, als Teenager zum Islam konvertiert. Sie haben dann Islamwissenschaft, Arabistik, Iranistik und Semitistik studiert, sind später Lehrer gewesen und manches andere mehr. Das Thema, das Sie vor allem bewegt und das Sie zurzeit auch im Hauptberuf beschäftigt, ist der Islam, genauer gesagt der Koran. Sie sind Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, in einem Projekt, das sich mit dem Koran als Text beschäftigt. Eines Ihrer Hauptthemen seit vielen Jahren ist das Thema, das wir uns heute Abend vorgenommen haben, nämlich die Frage, wie es eigentlich mit Ehe und Familie und insbesondere mit der Homosexualität im Islam steht. Herzlich willkommen, Herr Mohr.

Leider abgesagt hat kurzfristig Prof. Eberhard Schockenhoff. Er ist katholischer Theologe und Priester und seit 20 Jahren Professor für Moraltheologie an der Universität Freiburg. Wir wünschen auf diesem Wege gute Besserung nach Freiburg!

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers der Beauftragte für das christlich-muslimische Gespräch.

Herr Höcker, lassen Sie uns mit dem Schlagwort beginnen: „LSBTTI“ in Baden-Württemberg und darüber hinaus. Begrüßen Sie die Initiative der Landesregierung? Halten Sie es für richtig, dieses Thema in die Schulbücher überall einzuspielen und zu einem Querschnittsthema zu machen? 

Höcker 
Ja, ich halte das sogar für überfällig. Ich glaube, das ist die Fortentwicklung einer modernen Familie, und es ist wirklich Zeit, dass es in die Schulbücher kommt. In welcher Form das in die Schulbücher kommt, das müssen die Pädagogen sehen. Aber es ist wirklich überfällig, dass dies geschieht. 

Reinbold 
Verstehen Sie den Protest, der dagegen laut geworden ist? 

Höcker 
Den Protest verstehe ich gut. Ich fürchte aber, dass er angstgeleitet ist, und die Angst ist kein guter Ratgeber. Wir haben ja ähnliche Proteste auch in Frankreich und in anderen europäischen Ländern, die sich der Liberalisierung der Lebensformen zuwenden. Da gibt es immer in der sogenannten „Mitte“ der Gesellschaft Ängste, dass das klassische Familienbild nicht mehr tragfähig sein könnte. Am Beispiel der ganzen LSBTTIQ-Personen wird das dann immer instrumentalisiert. Das ist nur eine Stellvertretungsdiskussion für die Angst, dass das traditionelle Bild der Kleinfamilie nicht mehr tragfähig ist. 

Reinbold 
Herr Mohr, wie sehen Sie das? Sie sind von Haus aus, so sagten Sie mir, Baden-Württemberger, also auch landsmannschaftlich verbunden … 

Mohr 
Wenn ich auf meine Jugend zurückblicke, ich bin auf eine Realschule gegangen, dann erinnere ich mich, dass das Thema „Sexualität“ in der Schule nicht vorkam. Es kam zuhause nicht vor. Und es kam in der Schule nicht vor. Wie Kinder entstehen, hat man mir auf der Straße erklärt, mit Fingergesten und so weiter. Von einem Erwachsenen habe ich keine Art Aufklärung erfahren.

Als vor etwa zehn Jahren in Baden-Württemberg ein Einbürgerungstest eingeführt wurde, da wurde er auch mit Fragen versehen wie. „Wie stehen Sie zur Homosexualität? Oder: „Was wäre, wenn ihr Sohn sagt, dass er homosexuell ist?“ Solche Fragen wurden speziell im Blick auf Muslime formuliert. Das fand ich ziemlich heuchlerisch. Baden-Württemberg ist bisher immer ein Ort des Spießbürgertums gewesen, das kann ich nicht anders sagen, ich habe es so erlebt. Dass jetzt ausgerechnet Baden-Württemberg so vorprescht und das alles hier tun will, das finde ich überraschend und für mich erst einmal ein bisschen viel.

Wenn ich mir die Frage stelle, ob das Thema in jedem Fach vorkommen soll, dann frage ich mich, wie das gehen soll. Auch in Sport? Bei Rechenaufgaben kann ich mir das vorstellen: „Werner und Peter teilen eine Wohnung“ und so weiter, kein Problem. Aber das so zu forcieren, dass es in jedem Fach vorkommen muss? Das ist utopisch. Ohnehin können Lehrer nie alles umsetzen, sie müssen auswählen, können nicht alles behandeln. Ich finde es gut, wenn man sagt: In allen möglichen Fächern können solche Themen angesprochen werden. Es ist gut, wenn die Schüler merken, dass die Zeiten nicht mehr so sind wie früher. Es ist gut, wenn in den Schulbüchern nicht immer nur heterosexuelle Ehen vorkommen.

Reinbold 
Herr Höcker, die Kritiker haben den Eindruck, dass die Landesregierung es massiv übertreibt mit dem Thema LSBTTI. Sie finden es unerhört, dass dieses Thema, das nur eine Minderheit betrifft, jetzt überall hineinkommen soll und dass alle darüber reden müssen.

Höcker 
Das ist ja mit anderen Aufgaben auch so – da gibt es keine Proteste. Es gibt ja verschiedenste Querschnittsaufgaben: Ökologie ist eine, Gender ist eine, und vieles andere mehr. Aber an dieser Stelle kocht es nun hoch. Im Griechischunterricht und im Biologieunterricht kam das Thema schon immer vor. Na, nun kommt es eben auch noch in den anderen Fächern vor, die bisher ein überkommenes Rollenmodell bedient haben. Übrigens: Die Frauen haben auch darunter gelitten, dass in den Schulbüchern die Frau meistens als Hausfrau vorkam und der Mann als Haushaltsvorstand, der das Geld verdiente. Wenn die Schulbücher nun entmistet werden, finde ich das wunderbar.

Reinbold 
Ich will noch einen anderen Punkt ansprechen, nämlich den Christopher-Street-Day-Gottesdienst, für den Sie stehen, in Berlin und zuvor bereits in Köln. Wenn ich das recht gelesen habe, dann tritt dort Bürgermeister Wowereit als Gastredner auf und die politische Aufmerksamkeit ist groß. Auch gegen diese Gottesdienste gibt es starken Gegenwind. Die Leute sagen: „Jetzt dreht die evangelische Kirche durch!“  

Höcker 
Großen Gegenwind nehmen wir nicht wahr. Es gibt natürlich immer gewisse Kreise, denen das nicht passt. Aber denen passen auch andere Sachen nicht. Wir machen ja diese Gottesdienste konsequent interreligiös. Sie sind immer christlich-jüdisch, die jüdische Gemeinde zu Berlin und das Abraham-Geiger-Kolleg, das Rabbiner für die liberalen und konservativen Jüdischen Gemeinden in aller Welt ausbildet, beteiligen sich.

Reinbold 
Wie begründen Sie, dass es sinnvoll ist oder gar nötig, solche Gottesdienste zu feiern?

Höcker 
Es gibt ja das sogenannte „zweite Kirchenjahr“ neben dem klassischen Kirchenjahr als Entfaltung der Heilsgeschichte Christi. Es gibt einen Gottesdienst anlässlich des Berlinmarathons, es gibt einen Gottesdienst anlässlich des Stadtjubiläums, und so gibt es auch einen Gottesdienst zum Christopher-Street-Day. Das ist alles im Rahmen des zweiten Kirchenjahres. Das ist ganz normal. 

Reinbold 
Ein Gottesdienst zu jedem Event? 

Höcker 
Nein, das ist nicht die Begründung. Es ist unser Auftrag, dass wir den Deutehorizont, den wir als Protestanten vertreten, in gesellschaftliche Anlässe hineintragen. Der Gottesdienst macht nur deshalb Sinn, weil wir damit unseren Beitrag zur Lebenswirklichkeit von LSBTTIQ-Menschen leisten. 

Reinbold 
Herr Mohr, wie wird das in der muslimischen Community diskutiert? Nehmen Muslime überhaupt daran teil? 

Mohr 
Das weiß ich nicht. Es kann sein, dass einzelne Muslime daran teilnehmen, als Gäste. Die Frage berührt das große Thema: „Was ist Gottesdienst?“ Im Islam ist Gottesdienst meistens ein gemeinschaftliches Gebet, mit dem bekannten, festgelegten Ablauf, mit Koranrezitation und so weiter. Am Freitag ist es mit einer Predigt verbunden, ist also ein bisschen ausführlicher. Im Grunde genommen ist das islamische Gebet ein Ritus, in dem Menschen Gott verehren durch Niederwerfung, Rezitation, Bittgebete und ähnliches mehr. All das wird meistens auf Arabisch gesprochen. Einen „Gottesdienst“ im Sinne einer Feier, bei der eine Gemeinschaft stattfindet und etwas zelebriert wird, so etwas gibt es eher nicht. Man könnte es auch kaum in das traditionelle Freitagsgebet einbauen, das wäre schon technisch und formal schwierig.

Wenn Sie mich also fragen: „Ist so etwas muslimisch überhaupt denkbar?“ Dann würde ich erst einmal sagen: Nein. Ich kann es mir de facto nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwo in einer Moschee in Berlin der Imam sagt: „Heute hängen wir hier Regenbogenfahnen auf. Wir machen alle ein Bittgebet für die Schwulen und Lesben in der Welt. Wir beten für die Abschaffung der Todesstrafe im Iran und in Brunei.“ Ich muss ganz ehrlich sagen: Das kann ich mir nicht vorstellen. Nicht, weil es nicht sein dürfte, sondern weil es gegenwärtig keine Option ist.

Allerdings gibt es kleine Gruppen wie etwa den Liberal-islamischen Bund, in dem sich religiöse Muslime zusammengeschlossen haben und in dem zu solchen Fragen Meinungen geäußert werden, die nicht mit der traditionellen oder orthodoxen Meinung übereinstimmen. Der Liberal-islamische Bund hat auf seiner Homepage ein Statement zum Thema Homosexualität und Transsexualität, das ist schon erstaunlich. 

Reinbold 
Weil es in die Richtung geht, die Sie sich nicht recht vorstellen können?

Mohr 
Ja, so ein bisschen. Der Liberal-islamische Bund ist ein Verein, keine Gemeinde. Aber es gibt eine Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, die mit dem Verein verbunden ist, und diese Gemeinde sagt: „Wenn wir unser Gebet machen“, also das islamische Gebet, „dann finden wir nicht, dass es eine strenge Geschlechtertrennung geben sollte, wie es normalerweise der Fall ist. Wir sind auch der Meinung, dass das Gebet von einer Frau geleitet werden kann, von einer Imamin“. Das sind kleine Schritte in die Richtung, von der ich gesprochen habe. Wenn Sie sich allerdings auf Youtube oder Facebook umsehen, dann hören Sie oft ganz andere, schlimme Dinge. Menschen, die ihr Gebet in dieser Form abhalten, werden verflucht oder bedroht. Daher meine Einschätzung: Es ist utopisch. 

Reinbold 
Herr Höcker, ich will noch einmal auf das Familienpapier zu sprechen kommen, das die Evangelische Kirche in Deutschland im letzten Jahr vorgelegt hat. Da steht etwa drin: „Früher hat die Kirche gelehrt, die Ehe zwischen Mann und Frau sei eine Schöpfungsordnung.“ Also eine gute Grundordnung für die Welt, Mann und Frau geschaffen zum Ebenbild Gottes, ein Ehepaar, das Kinder bekommt und so weiter. Und dann sagt das Papier: „Heute sehen wir, dass das mit der Ehe als Schöpfungsordnung eigentlich nicht stimmt, sondern hineingelesen worden ist. Tatsächlich findet man in der Bibel viele andere Modelle, und deshalb können wir nicht länger von einer Schöpfungsordnung reden.“ Ich sehe an Ihrer Reaktion, dass Sie das für ein gutes Papier halten. 

Höcker 
Ich halte es für ein hervorragendes Papier. Denn das war noch nie wahr, was da gesagt wurde. Man hat vielmehr die kulturelle Überlieferung und das Prinzip des „allein durch die Schrift“ nicht sauber auseinandergehalten. Die Heilige Schrift sagt zu der gleichberechtigten Ehe zwischen Mann und Frau gar nichts. Sie sagt etwas zu einer ungleichberechtigten Ehe. Aber zu einer gleichberechtigten Beziehung zwischen Mann und Frau, die sich Ehe nennt, sagt sie gar nichts. Dafür gibt es keine biblische Begründung. Deshalb hat man immer wieder die kulturelle Überlieferung als Begründung herangezogen.

In den Trauagenden zum Beispiel war es so: Man las einen Text aus dem Alten Testament, und dann kam die Formel. „Mit diesen Worten bezeugt die Heilige Schrift die Ehe als gute Gabe Gottes“. Das hat die Heilige Schrift aber gar nicht getan. Es stand nur in der Agende, die man vorlesen musste.

Reinbold 
Das heißt, aus Ihrer Sicht ist „die Ehe als gute Gabe Gottes“ eingelesen aus dem Familienbild einer ganz anderen Zeit …

Höcker 
Ja, und die Exegeten, also die professionellen Schriftausleger, haben das auch nie so vertreten. Wenn man ganz sauber das Prinzip des „allein durch die Schrift“ durchhält, dann kann man nicht aufrechterhalten, dass die gleichberechtigte Beziehung zwischen Mann und Frau eine biblische Begründung hat.  

Reinbold 
Wohl aber die Ehe an sich. Oder würden Sie auch das bestreiten – Mann und Frau als Grundordnung der Schöpfung?

Höcker 
Die Grundordnung der Schöpfung ist, dass Menschen aufeinander bezogen sind. Das Familienpapier nennt das einen „Grundton“ der Heiligen Schrift. Luther hat das die „Mitte der Schrift“ genannt, dass Menschen aufeinander bezogen sind. Und wenn sie sich in Liebe, Treue und Verlässlichkeit miteinander zusammentun und die Treue Gottes damit widerspiegeln, dann ist das ein christliches Bündnis. Ob das aber „Ehe“ genannt wird, ist exegetisch nicht sicher.  

Reinbold 
Da würden die Kritiker jetzt sagen: Der Punkt, gut, geschenkt. Aber es geht doch stets um Mann und Frau und nicht um Mann und Mann. Wenn Sie die Texte über Mann und Mann lesen in der Schrift, dann sind die sehr kritisch, um das Mindeste zu sagen. Sie sind oft sehr hart. 

Höcker 
Ja, sie sind sehr hart. Aber – das haben ja nun die Schriftausleger schon vor Jahrhunderten erwiesen – sie treffen überhaupt nicht die Lebenswirklichkeit von heutigen LSBTTIQ-Menschen. Vielmehr richten sie sich gegen kultische Tempelprostitution. Und sie setzen voraus, dass die Frau das Gefäß des Mannes ist und dass jede andere Form der Sexualität eine Verdrehung ist.

Deswegen ist es auch völlig sinnwidrig, Stellen zum Beispiel mit Jonathan und David für homosexuelle Beziehungen in Anspruch zu nehmen. Das Wort „Homosexualität“ kommt aus dem 19. Jahrhundert! Vorher hatte man gar keinen Begriff dafür. Es ist unseriös, Begriffe, die im 19. Jahrhundert überhaupt erst erfunden worden sind, auf die Wirklichkeit der Heiligen Schrift anzuwenden. Da kann man nur sagen: Ja, die Heilige Schrift richtet sich gegen bestimmte Formen der Sexualität, die es heute nicht mehr gibt. Tempelprostitution haben wir ja gar nicht mehr …  

Reinbold 
… ja, aber Sexualität zwischen Mann und Mann, da beißt die Maus keinen Faden ab, oder?

Höcker 
Nein, das stimmt so auch nicht. Sie müssen eben schauen: Was steht da? Im Protestantismus gilt nur der Literalsinn, der Wortsinn der Bibel, das, was wirklich dasteht. Wenn Sie dann die Stellen lesen, die immer ins Feld geführt werden, richtet sich das nur gegen eine unnatürliche Sexualität – im Sinne dessen, was damals unter „Natur“ verstanden wurde.

Aber das Natürliche war: Die Frau ist das Gefäß des Mannes, sie ist ihm untergeordnet, er gibt seinen Samen in sie, und sie muss sich deshalb unterordnen. Wenn Sie so etwas als legitimes Vorbild haben wollen, dann finden Sie das natürlich in der Schrift! Aber wenn wir von einem Eheverständnis ausgehen, dass sich auf die Mitte der Heiligen Schrift bezieht – nämlich, das was Christus gesagt hat –, dann müssen Sie tatsächlich solche Stellen verwerfen. Wir wenden ja auch nicht mehr die Kriegsgesetze des Fünften Buches Mose an, und wir ordinieren Frauen, obwohl ganz eindeutig dasteht, das Weib solle „in der Gemeinde schweigen“ (1. Korintherbrief, Kap. 14). Warum tun wir das? Weil wir alles von der Mitte der Schrift her, nämlich von Jesus Christus her, lesen!

Reinbold 
Sie würden also sagen, dass der katholische Weltkatechismus, für den Homosexualität eine Sünde ist …  

Höcker 
… der Weltkatechismus argumentiert vom Naturrecht her. Danach, so das katholische Verständnis, dient Sexualität nur zur Fortpflanzung. Allerdings hat die Biologie erwiesen, dass das in Bezug auf „die Natur“ Quatsch ist! Es gibt Homosexualität auch „in der Natur“. Wenn man das Naturrecht der Antike aufrechterhält, in dem das noch unbekannt war, dann kommt man natürlich zur katholischen Position: Sexualität dient nur der Fortpflanzung, und was nicht der Fortpflanzung dient, ist dann Sünde oder schlimm oder darf nicht sein.

Reinbold 
Ich mache noch einen letzten Versuch. Wenn jemand sagt: „In der Bibel steht aber doch: die normale Beziehung ist die Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Ehe wird sehr hoch geschätzt. Natürlich nach dem damaligen kulturellen Verständnis – aber sie wird sehr hoch geschätzt. Und diese Beziehung ist es, die in besonderer Weise hervorgehoben wird, nicht zuletzt deshalb, weil aus ihr und nur aus ihr Kinder hervorgehen. Also müssen wir sie anders bewerten als gleichgeschlechtliche Partnerschaften.“ Was sagen Sie zu diesem Argument?

Höcker 
Der Punkt ist: Die Beziehung zwischen Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen, wird besonders hervorgehoben. Es ist aber nicht damit die Ehe in unserem Sinn gemeint. In der Antike war zum Beispiel die Onkelehe ganz geläufig. Wenn eine Frau keine Kinder bekommen konnte, musste der Onkel dafür sorgen, dass sie in irgendeiner Form doch noch zu einem Kind kommt. Das war ganz selbstverständlich. Man kann aus den Texten nicht einfach das herausnehmen, was uns irgendwie passt, und den Rest als zeitbedingt außer Acht lassen.

Man muss ganz klar sagen: Mit welchem Wahrnehmungszugriff gehe ich auf die Schriftstellen zu? Wir müssen erklären, was wir als zeitbedingt ablehnen und was nicht. Und da finde ich, dass die Evangelische Kirche in Deutschland in ihrem Familienpapier klug argumentiert, indem sie alle Phänomene von der Mitte der Schrift her bewertet. Das ist die grundevangelische Position. Deswegen ist die Reformation gemacht worden, dass man von der Mitte der Schrift her nur den Wortsinn heranzieht.  

Reinbold 
Nur eine Frage noch, bevor ich Herrn Mohr wieder ins Gespräch bringe: Die starke Kritik, die es gegeben hat, die auch immer noch andauert. Wie bewerten Sie die? Haben die Kritiker das alles nicht richtig verstanden?

Höcker 
Wenn ich recht sehe, ist gegen die theologische Argumentation der Orientierungshilfe bisher nicht vorgegangen worden. Wir haben in Berlin im Nachgang zu der Orientierungshilfe gerade ein großes theologisches Symposium gehabt. Da hat der Vorsitzende der theologischen Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prof. Markschies, noch einmal gefragt: „Wie gehen wir damit um, dass die gleichberechtigte Ehe zwischen Mann und Frau keine biblische Begründung hat?“ Das ist für viele existentiell erschütternd. Sie fühlen sich dadurch irgendwie angegriffen. Dabei kann man mit anderen Schriftstellen die gleichberechtigte Ehe zwischen Mann und Frau wunderbar begründen! Aber eine „klassische“ biblische Begründung hat sie nicht, und das verunsichert viele.

Ich hatte vorhin schon darauf verwiesen, dass es in Frankreich auch große Proteste gegen die Gleichstellung gab, und in anderen Ländern ist das ähnlich. In der Mittelschicht – glaube ich, und das sagen uns jedenfalls die Soziologen – gibt es eine große Angst vor sozialem Abstieg und vor der Auflösung der klassischen Beziehungsformen. Wir merken es ja auch an den politischen Parteien, die sich neu bilden. Die Piraten in Berlin fragen uns: Was sagt ihr denn zu „polyamanten“ Beziehungen? Das Wort musste ich mir erst einmal übersetzen [polyamant = viele lieben]. Das sind dann völlig andere Fragestellungen. Wenn Sie da mit der Heiligen Schrift argumentieren wollen, müssen Sie gute Begründungen haben! Da können Sie nicht sagen: Ja, das war eben in der Antike so. Das ist ja absurd.

Weiter.