Mitschrift: Neue Heimat Deutschland

Religionen im Gespräch 10, 2013

Gäste:
Bischof Norbert Trelle, Hildesheim
Alla Volodarska, Hannover
Eren Güvercin, Köln
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen zum 10. Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem Thema: „Neue Heimat Deutschland - Was tun die Religionen für die Integration?“

Ich beginne einmal mit einer direkten Frage: Wie reagieren Sie, wenn Ihr Nachbar Ihnen sagt, dass seine Tochter am Wochenende immer in die Moschee geht, weil sie da den Koran lernt und Arabisch und weil sie vielleicht noch Hausaufgabenhilfe bekommt? Finden Sie das gut? Oder stellt sich in Ihrem Kopf sofort ein Wort ein, das „Parallelgesellschaft“ heißt?

Ist es gut, wenn Jugendliche und Erwachsene am Wochenende in die Synagoge gehen, weil sie dort Hebräisch lernen, um die Bibel im Original lesen zu können? Ist es gut, wenn die Kinder aus den serbischen Familien in die orthodoxe Kirche gehen, um Serbisch zu lernen, um die Sprache ihrer Eltern sprechen zu können? Oder ist es nicht gut für die Gesellschaft, weil es Trennlinien verstärkt und die Gesellschaft spaltet?

Was passiert da eigentlich Woche für Woche in den Gebetshäusern der Religionen? Das ist das eine. Und die zweite Frage: Ist das etwas, das die Integration stärkt? Was tun die Religionsgemeinschaften für das Zusammenleben in Deutschland, also für das, was man üblicherweise „Integration“ nennt?

Das ist heute unser Thema, und ich freue mich, drei Gäste begrüßen zu dürfen, die auf die eine oder andere Weise eng mit diesem Thema verbunden sind. Ich begrüße zu meiner Linken Alla Volodarska. Sie sind geboren in der Südukraine, ursprünglich Lehrerin für Erdkunde und Biologie, seit 20 Jahren in Deutschland, Mitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover und dort als Sozialarbeiterin tätig, also mittendrin im Integrationsgeschäft. Herzlich Willkommen Frau Volodarska!

Zu meiner Rechten begrüße ich Bischof Norbert Trelle. Ich habe bei der Vorbereitung entdeckt, dass wir auf dasselbe Gymnasium gegangen sind, in Kassel, wo Sie geboren sind. Sie sind dann ins Rheinland gegangen, haben in Bonn und in Innsbruck studiert, waren dann viele Jahre Pfarrer und Stadtdechant in Wuppertal, sind Weihbischof geworden in Köln und sind schließlich seit acht Jahren Bischof von Hildesheim. In dieser Funktion sind Sie zugleich Vorsitzender der Migrationskommission der deutschen Bischofskonferenz, seit zwei Jahren darüber hinaus stellvertretender Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz. Herzlich Willkommen Herr Trelle!

Ich begrüße herzlich Eren Güvercin. Sie sind gebürtiger Leverkusener, Jurist mit erstem Staatsexamen, tätig als Journalist und freier Autor und als das, was man heute einen Blogger nennt, also: Sie schreiben im Internet Texte und kommentieren, was Sie sehen, auf ihrer eigenen Seite und in den Medien, darunter dem Deutschlandfunk. Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Neomoslems. Portrait einer deutschen Generation“, in dem Sie in die allgemeine Lage einführen und viele interessante Leute vorstellen – auch das einer der Gründe, warum Sie heute hier sind. Herzlich Willkommen Herr Güvercin!

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin der Beauftragte für das christlich-muslimische Gespräch in der evangelischen Landeskirche in Hannover und heute Abend der Moderator, wie Sie das gewohnt sind.

Herr Trelle, wenn die Rede auf Migration kommt, so ist meine Erfahrung, dann denken die meisten Leute zuerst an Muslime. Migranten, das sind doch Muslime, das ist ein verbreitetes Bild. Wenn man sich die Statistiken anschaut, etwa die große Studie aus dem Jahr 2008, dann staunt man, dass das gar nicht stimmt, sondern dass die Mehrheit der Migranten bzw. der Menschen mit „Migrationshintergrund“ (also Menschen, die entweder selbst oder deren Eltern bzw. eines der Elternteile nicht in Deutschland geboren sind). Die Mehrheit Menschen mit „Migrationshintergrund“ sind Christen, weit über die Hälfte. Wenn man noch genauer hinschaut, staunt man: Die größte Gruppe mit Migrationshintergrund in Deutschland sind die Katholiken! Jeder Dritte. Wenn ich das jetzt einmal grob rechne: 15 bis 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland, das heißt: mehr als 5 Millionen Katholiken! Wo sind die alle?

Trelle
Schönen Dank für diese Frage, Herr Reinbold. Die Migranten gehen zum Teil auf in den katholischen Gemeinden, und zum Teil haben sie ihre eigenen Gemeinden gebildet, und das seit vielen Jahren.

Es gibt in unseren Diözesen, in den Bistümern in Deutschland, viele Gemeinden anderer Muttersprachen, wie wir heute sagen. Früher nannte man diese Gemeinden „Ausländermissionen“. Das ist ein Begriff, der inzwischen völlig daneben liegt, weil viele Menschen mit Migrationshintergrund eben keine Ausländer mehr sind, und das schon lange nicht, denn sie wohnen hier und wurden hier geboren. Aber sie pflegen ihre kulturelle Identität, ihre Herkunft, dadurch dass sie sich treffen in diesen Gemeinden und die Gottesdienste in ihrer Muttersprache feiern. Gleichzeitig wissen sie sich aber auch der katholischen Ortsgemeinde, der deutschen Pfarrei zugehörig.

Das ist eine ganz interessante Art und Weise, Integration für sich persönlich zu gestalten. Es gibt italienische, besser: italienischstämmige Kinder und Jugendliche, die gehen gern mit Oma und Opa und den Eltern zur italienischen Gemeinde, und sie gehen gern zur deutschen Ortsgemeinde. Da verbindet sich etwas. Unsere Seelsorge an den Gemeinden anderer Muttersprache bezieht sich übrigens auf die Sprache, weniger auf die Nationalität. In Hannover beispielsweise haben wir eine spanischsprachige Mission, wie in anderen großen Städten auch. Zu ihr gehören zu allergeringsten Teilen Spanier. Sondern hier treffen sich ganz überwiegend Menschen aus Südamerika. Es bilden sich über nationale Grenzen hinaus Gemeinschaften, die dann in der für sie zunächst fremden Umgebung heimisch werden.

Integration, um das gleich zu sagen, heißt im Blick auf die in der katholischen Kirche Beheimateten nicht Assimilation. Es geht nicht darum, aufzugehen im Einheitsgebilde einer Pfarrei, ohne die eigene Identität zu wahren oder zu pflegen. Ich möchte, dass die Migranten und ihre Kinder identitätswahrend einbezogen werden in das Gemeinschaftsgefüge einer Ortsgemeinde. Sie sollen weder ausgegrenzt werden noch so eingeschlossen, dass sie Angst haben, noch einmal ein Lied zu Ehren von Santa Lucia zu singen, auf Italienisch.

Reinbold
Frau Volodarska, wenn man auf die Themen „Religion“ und „Migration“ schaut und einmal fragt: In welcher Religionsgemeinschaft finden sich aktuell die meisten Migranten? Dann stellt man fest: In der jüdischen Gemeinschaft. 80 bis 90 Prozent der in Deutschland lebenden Juden stammen, wie Sie selbst auch, aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Das hat die Gemeinden sehr stark vergrößert, sehr stark verändert. Können Sie uns einmal skizzieren, was eigentlich in ihrer Synagoge Woche für Woche passiert?

Volodarska
Was man zuerst sagen muss: Integration, erfolgreiche Integration von Juden aus dem postsowjetischen Raum wäre ohne die jüdischen Gemeinden in Deutschland überhaupt nicht möglich gewesen.

Ich selbst bin im Jahr 1991 gekommen. Damals wusste keiner, was ein Jude ist, und schon gar nicht, was ein sowjetischer Jude ist. Als Migrant sucht man immer einen Faden, der einen mit etwas verbindet. Dieser Faden war für uns die Religion: Da waren Juden, und es gab jüdische Gemeinden. Zu ihnen gingen wir hin.

Die jüdischen Gemeinden standen damals vor einem großen Problem. Es gab keine Sozialarbeiter, die Gemeinden waren klein und überaltert. Also hat man erst einmal auf ehrenamtlicher Basis Integrationsberatung geleistet, später dann auch auf hauptamtlicher Basis. Gute Integration, eine erfolgreiche Integration der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ist dadurch gelungen, davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt, dass die jüdischen Gemeinden eine große Rolle gespielt haben.

Wie sieht es in unseren Gemeinden heute aus? Es haben sich Strukturen gebildet, die zum Teil an kirchliche Gemeinden erinnern. An erster Stelle ist eine Synagoge natürlich ein Gotteshaus. Aber unsere Gemeinde hat auch eine Migrationsberatungsstelle. Da arbeite ich. Wir haben einen Deutschkurs, genauso selbstverständlich wie einen Hebräischkurs. Wir haben einen Computerkurs, genauso selbstverständlich wie einen Chor. Wir haben verschiedene Kindergruppen für alle Generationen, vom Kindergarten bis zu den jungen Erwachsenen. Unsere jüngsten Kinder in der Krippe sind 12 Monate alt. Unsere ältesten Kinder sind bei „Jung und Jüdisch“ mit 35 Jahren immer noch Kinder.

Vor kurzem war ich in Berlin bei einer Veranstaltung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dort habe ich einen Begriff gehört, der mir sehr gut gefallen hat. Ein Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion hat gesagt: Die Gemeinden müssen eine Integrationsblase bilden. Zu dieser Integrationsblase gehört Gemeinde und Kita und Sprachkurse und Chor und Tanzgruppe und Yoga und vieles, vieles mehr. Alles dient eigentlich der Integration in die Gesellschaft.

Das ist die eine Seite der Integration. Wir integrieren uns in die Gemeinden und in die deutsche Gesellschaft. Aber Integration ist keine Einbahnstraße, schon gar nicht in einer Gemeinde, die zu 80 bis 90 Prozent aus Einwanderern besteht. Wir postsowjetischen Migranten integrieren uns in die Gemeinden – aber unsere nichtrussischsprachigen Gemeindemitglieder integrieren sich auch, weil Integration kein Weg nur in eine Richtung ist. Wenn man sagt, Integration heißt, man muss sich annähern [hält die flachen Hände im Abstand von einigen Zentimetern], das ist für mich keine Integration, keine wirkliche Integration. Integration ist für mich eher so [verschränkt und faltet die Hände]. Es ist schon interessant, wie viel eine religiöse Gemeinschaft wirklich helfen kann, wenn es um Integration von Menschen aus anderen Ländern geht.

Reinbold
Herr Güvercin, ich hatte begonnen mit dem üblichen Bild: Migranten sind Muslime. Im Jahr 1961 schloss die Bundesrepublik das Anwerbeabkommen mit der Türkei. Auch Ihr Vater ist damals nach Deutschland gekommen. Aber heute stimmt diese Gleichung, Muslime = Migranten, gar nicht mehr. Ist der Islam, über dessen Zugehörigkeit zu Deutschland wir gelegentlich diskutieren, längst viel deutscher, als es in der öffentlichen Meinung bemerkt wird?

Güvercin
Zuerst kam die Gastarbeitergeneration, mein Vater, glaube ich, im Jahr 1968. Man wurde als „Gastarbeiter“ wahrgenommen. Später sagte man dann „Migranten“, der Begriff Gastarbeiter war nach ein paar Jahren politisch nicht mehr ganz korrekt. Wir, diejenigen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, müssen immer noch damit kämpfen, dass wir als „Migranten“ bezeichnet werden. De facto sind wir natürlich längst Deutsche. Die jungen Muslime sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, sie sprechen Deutsch besser als die Sprache ihrer Eltern, sei es nun Arabisch oder Türkisch.

Vom muslimischen Verständnis her richtet sich die Identität nach der Sprache, die man beherrscht. Von daher kann ich auch aus muslimischer Sicht ganz normal sagen, dass ich ein deutscher Muslim bin – auch wenn das sowohl bei der muslimischen Community als auch bei der nichtmuslimischen Community, das heißt der Mehrheitsgesellschaft, interessante Diskussionen auslöst.

Der eigenen Gemeinschaft muss ich erklären: Was heißt jetzt „deutscher Muslim“? Hat das etwas mit „Euroislam“ zu tun? Mit einem „Kuschelislam“, der die Inhalte aufgibt und nur noch die äußere Hülle aufrecht erhält? Man muss den Begriff rechtfertigen und erläutern, was man damit genau meint. Es gibt auch bei uns Muslimen das Missverständnis, dass Islam = Kultur ist. Also: Je besser ich die türkische oder die arabische Kultur lebe, ein desto besserer Muslim bin ich. Das sieht man interessanterweise auch bei den Konvertiten. Pierre Vogel kommt aus dem Rheinland. Er könnte aber ohne Probleme als jemand durchgehen, der aus Saudi-Arabien kommt …

Reinbold
… Pierre Vogel, inzwischen bekannter radikaler Prediger, Kölner von Haus aus, der sich aber so kleidet, als hätte er mit Arabien zu tun …

Güvercin
Das erzeugt natürlich in der Öffentlichkeit ein Bild, als ob die Muslime oder der Islam ein fremdes Phänomen sind. Deshalb gibt es auch in der Mehrheitsgesellschaft Irritationen, wenn man in der Öffentlichkeit sagt, man ist deutscher Muslim. Dann schauen die Leute auf den Namen und sagen: Güvercin? Ja, o.k., aber woher kommen Sie denn wirklich? Wenn ich sage, ich komme aus dem Rheinland, ich bin Kölner und fühle mich als „Kölscher Jung“ …

Trelle
.. da müssen Sie aber Kölsch sprechen …

Güvercin
… das tue ich auch. Beim Deutschlandfunk habe ich das Problem, dass ich besonders auf die Aussprache achten muss, weil ich das „ch“ nicht so gut aussprechen kann. Man hat mir sogar eine Sprechschulung gesponsert, damit ich diesen rheinländischen Dialekt loswerde. Beim WDR geht das mit dem kölschen Ton, beim Deutschlandfunk nicht. Aber zurück zum Thema: Es gibt Irritationen auf beiden Seiten, und ich finde es als junger deutscher Muslim immer sehr spannend, für Irritation zu sorgen, damit sowohl die Muslime als auch die Nichtmuslime Schwierigkeiten haben, mich in eine Schublade zu sperren.

Reinbold
Ist in den Moscheen das Deutsche viel häufiger die Umgangssprache als man meist denkt?

Güvercin
Absolut. Während meiner Studienzeit in Bonn gab es in der Innenstadt eine türkische Moschee. Da sind sehr viele Studenten zum Freitagsgebet hingegangen, weil es die nächste Moschee war. Da gab es natürlich sehr viele Kommilitonen, die kein Türkisch verstanden haben. Am Anfang haben sie uns gefragt, was der Imam eigentlich gesagt hat in seiner Predigt. Und dann haben wir das kurz bei einer Tasse Kaffee oder auf dem Rückweg zur Uni zusammengefasst. Später dann hat die Moscheeleitung registriert, dass das Publikum der Moschee ziemlich bunt war, und dann haben sie jemanden damit beauftragt, die Freitagspredigt direkt im Anschluss ins Deutsche zu übersetzen.

Das sind typische erste Schritte, mit denen die Moscheen auf multiethnische Gemeinden reagieren und ein passendes Angebot machen. Das müsste viel mehr ausgebaut werden, und die Imame müssten eigentlich alle Deutsch können. Sicher, es gibt jetzt die ersten Imame, die der deutschen Sprache mächtig sind. Aber wir haben immer noch das Phänomen, dass die Imame aus den Heimatländern kommen für einige Jahre, und nach 2 bis 3 Jahren gehen sie wieder zurück …

Reinbold
… das wird mehr und mehr ein Problem, dass die Imame die Sprache nicht sprechen, die in den Moscheen längst üblich ist ...

Güvercin
Das ist ein Problem für die Moscheegemeinden. Es führt dazu, dass die jungen Muslime sich andere Orte suchen, dass sie eventuell sogar an Pierre Vogel geraten, weil sie seine Youtube-Videos sehen. Oder sie gehen einfach nicht mehr in die Moschee.

Trelle
Herr Güvercin, ich war lange in Wuppertal Pfarrer und hatte sehr viele türkische Nachbarn, ungemein freundliche Menschen. Ich weiß von den Kindern, dass sie untereinander meistens Deutsch sprachen, manchmal auch Türkisch. In den Moscheegemeinden mussten sie dann, so sagten sie mir, Arabisch lernen. Meine Frage ist: Welche Bedeutung hat für Sie als Muslim die arabische Sprache? Mir wurde oft gesagt: „Wenn ihr Katholiken doch das Lateinische hättet in der Liturgie, dann müsstet ihr nicht so viele Liturgien feilen auf Spanisch, auf Italienisch, und so weiter. Da könntet ihr zu Beginn einfach sagen ‚dominus vobiscum’“. Wenn ich das heute sage in einer Gemeinde: weites Schweigen, es kommt keine Antwort. Das Latein war früher für uns das Verbindende in der Liturgie. Wie ist das bei Ihnen mit dem Arabischen? Spielt es eine Rolle für die Integration?

Güvercin
Das Arabische spielt eine zentrale Rolle, weil es die Sprache der Offenbarung des Korans ist und weil man den Koran im Original rezitiert. Allerdings lernen die Kinder in der Moschee nicht die arabische Sprache, sondern sie lernen nur das Rezitieren des Korans. Man lernt einige Suren auswendig, damit man das Gebet verrichten kann. Die Kinder müssen also ein wenig Arabisch lesen können – verstehen tun sie es nicht.

Reinbold
Wir haben heute zum ersten Mal einen kleinen Einspieler vorbereitet, den Sie gleich auf der großen Leinwand sehen werden. Um einmal sichtbar zu machen, dass das Thema „Migration“ nicht primär Muslime betrifft, sondern dass es vor allem mit Christen zu tun hat, hat die Evangelische Landeskirche in Gemeinschaft mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Niedersachsen eine Ausstellung erstellt, die „Gesichter des Christentums“ heißt. Sie ist vor einigen Wochen in Osnabrück eröffnet worden, und wir haben ein kleines Kamerateam dorthin geschickt, die Kollegen, die hier im Haus auch filmen, vom Evangelischen Kirchenfunk in Niedersachsen. Wir hören jetzt einige O-Töne von der Eröffnung der Ausstellung „Gesichter des Christentums“.

[Einspieler]

Reinbold
Herr Trelle, wenn Sie diese Bilder sehen: Ein Jugendlicher kommt aus Swaziland, sieht auch so aus – er ist jetzt ein niedersächsischer Lutheraner. Ein anderer kommt aus der Türkei – er ist ein syrisch-orthodoxer Christ und feiert seinen Gottesdienst in einer katholischen Gemeinde. Das wirkt ungeheuer lebendig, dynamisch, bunt. Tut Migration den Kirchen, tut sie der katholischen Kirche gut?

Trelle
Das, was ich eben gesehen habe, es tut mir gut. Ich bin richtig froh, dass Sie das eingespielt haben, weil uns jetzt wirklich noch einmal vor unsere Augen gestellt ist, wie die Wirklichkeit in den Gemeinden ist. Wir haben so viele Bereicherungen. Wir sagen das immer wieder: Wir werden bereichert durch die Menschen, die zu uns kommen. Andere sagen immer: Das ist eine Belastung. Und: Schaffen wir das? Und, eine blöde Formulierung: das Boot, das angeblich voll ist. Wenn man aber diese Menschen sieht und ihre Stellungnahmen hört, dann spürt man, wie das eine Gemeinschaft und ein Zusammenleben stark und reich macht, farbig, bunt.

Ich bin so froh darüber, dass es das gibt, und ich sehe darin wirklich eine Entwicklung immer mehr hin zu einem besseren Miteinander. Als Christ würde ich jetzt sagen: Da erkenne ich das Wirken des Heiligen Geistes! Eine Animation, eine Bereicherung, ein Lebendigwerden im Geist von Pfingsten. Die Menschen gehören zusammen, weil sie Brüder und Schwestern sind, weil sie eine Menschheitsfamilie bilden.

Um Ihnen zwei konkrete Beispiele zu geben: Ich habe in meinem Bistum in der Stadt Hildesheim in einer der renommiertesten Pfarreien einen Priester aus dem Kongo, Dr. Manzanza, ein hoch angesehener Mann. Als er 3 Wochen dort war, kamen die Leute zu mir ins Bischofshaus und sagten: „Herr Bischof, haben Sie nicht noch so einen? Der macht das so großartig“. Ich nenne einen anderen, einen indischen Priester in Braunschweig, Pfarrer Dr. Francis, in Lehndorf. Auch da sind die Leute ganz angetan von der besonderen Art, wie er seinen Glauben zum Zeugnis macht für die Braunschweiger. Das ist eine andere Sorte Mensch als er sie aus Indien kannte. Aber das genau macht unsere Spiritualität aus. Ich kann mir nur wünschen, dass das noch kräftiger spürbar wird als ohnehin schon.

Reinbold
Frau Volodarska, das ist ein starkes, sehr persönliches Plädoyer dafür, dass Migration uns gut tut. In der Gesellschaft wird das Thema allerdings oft anders diskutiert. Bischof Trelle hat gesagt, es gibt Leute, die sagen, das Boot ist voll, sie haben Angst, es kommen immer mehr. Mit Blick auf die Gesamtgesellschaft ist das keine realistische Perspektive (und keine, die uns schrecken müsste, so oder so). Mit Blick auf die jüdischen Gemeinden allerdings ist es tatsächlich so gewesen, Sie haben es vorhin schon im Scherz angedeutet. Die Alteingesessenen sind tatsächlich von einer Gruppe von Migranten regelrecht überrollt worden. Man kann sich ausmalen, dass das nicht wenige Konflikte mit sich bringt. Wie gehen Sie damit um?

Volodarska
Der Prozess betrifft nicht nur zwei, sondern mehrere Seiten. In den Gemeinden gibt es Alteingesessene. Aber was heißt „Alteingesessene“? Meist sind es Nachfahren von KZ-Überlebenden aus Polen, aus Rumänien. Wir haben Glück: Wir haben 2 oder 3 deutsche Jüdinnen in der Gemeinde … 

Reinbold
.. drei von achthundert?

Volodarska
Ja, wenn ich recht sehe, drei von achthundert, jedenfalls: sehr wenige. Wir haben auch Juden aus Argentinien, aus Brasilien, viele Israelis, Amerikaner, Engländer. Die Synagogen sind, wenn man so will, ein Schmelztiegel. Ohne die Migration, ohne die Menschen, die aus verschiedenen Ländern, insbesondere aus der ehemaligen Sowjetunion, gekommen sind, würden die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht mehr existieren.

Selbstverständlich gibt es auch Konflikte. Man muss miteinander reden, man muss versuchen, andere zu verstehen. Man muss einfach fragen: Warum denkst du so? Warum machst du bestimmte Dinge anders als wir? Das ist der einzige Weg. Wenn wir uns verschließen, wenn wir nicht miteinander reden, dann haben wir keine Chance. In unserer Gemeinde haben wir wirklich Glück, dass wir sehr friedlich miteinander umgehen, dass wir uns inzwischen gut verstehen. Manchmal, wenn ich höre, was in anderen Gemeinden so passiert, dann sage ich meinem Vorstand: Jetzt aber alle in die Synagoge beten! Beten, dass wir weiter so friedlich miteinander leben können.

Reinbold
Ist es so, dass man bei Ihnen inzwischen das Russische auch als Bereicherung wahrnimmt, so wie Bischof Trelle es gesagt hat?

Volodarska
Man schätzt das sehr. Es kommt mit der Zeit, dass man das schätzen lernt. Man muss sich nicht schämen, dass man das am Anfang nicht verstanden hat. Für die Gemeinde waren das Fremde – und wir waren sehr viele. Wir haben die Gemeinden wirklich überrollt. Das muss man so sagen, das ist so. Aber dadurch, dass deutsche Juden, israelische Juden, amerikanische Juden, argentinische Juden, sowjetische Juden versucht haben, einander zu verstehen, ist überhaupt ein Gemeinschaftsleben möglich geworden. Inzwischen versteht eigentlich jeder, dass das eine Bereicherung ist.

Man sieht es insbesondere daran, wie unsere Kinder miteinander umgehen. Unsere Kinder – wir haben jetzt auch schon die zweite und die dritte Generation –, sie sprechen miteinander Deutsch. Manche lernen Russisch, weil in der Kita sehr viele russischsprachige Kinder sind, und man spricht mal Deutsch, mal Russisch, mal Hebräisch, weil die Kinder auch schon in der Kita Hebräisch lernen. Das ist gut, das ist einfach gut. Man sucht Wege und findet Wege, wenn man will, miteinander zu leben.

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