Mitschrift: Wie islamisch ist der "Islamische Staat"?

Religionen im Gespräch 17, 2015

Gäste:
Dr. Christoph Günther, Leipzig
Hamideh Mohagheghi, Paderborn/Hannover
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers

Herzlich Willkommen im Haus der Religionen zum 17. Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem Thema: Wie islamisch ist der „Islamische Staat“?

Wenn wir die Zeitungen aufschlagen in diesen Tagen, wenn wir den Fernseher anstellen, dann hören und sehen wir fast jeden Tag von den Schrecken des Islamischen Staates. Wir hören von Vergewaltigungen, von Folter, von Morden. Und zum Teil sehen wir es sogar, denn der Islamische Staat hat eine hochprofessionelle moderne Medienabteilung. Er filmt, was er tut, und verbreitet es über Fernsehen und Internet.

Das erklärte Ziel des Islamischen Staates, so hören wir es immer wieder, ist, zunächst in Syrien und Irak Fuß zu fassen und sich dann von dort aufzumachen in Richtung Europa, zur Hauptstadt des Alten Europa – so wird es wahrgenommen –, nach Rom. Rom soll erobert werden und dann von Rom aus der Rest des Westens und so auch Deutschland.

„Terror und Gewalt haben mit dem Islam nichts zu tun.“ Das ist ein Satz, den ich noch bis vor einigen Monaten von vielen und immer wieder gehört habe. Inzwischen ist es ruhig geworden um diesen Satz, und in den Köpfen vieler Europäer ist eher der gegenteilige Eindruck entstanden. Jeder Jugendliche, der aus Deutschland, England, Belgien oder Frankreich nach Syrien in den Dschihad zieht, verstärkt diesen Eindruck, gerade jetzt – Sie werden es mitbekommen haben: am letzten Wochenende wieder eine Festnahme in Frankreich. Jemand wollte vermutlich ein Attentat in einer Kirche verüben.

Also: Der Islamische Staat, was ist das? Wie islamisch ist der Islamische Staat? Was können wir hier in Deutschland womöglich gegen diese Bedrohung tun? Das ist unser Thema heute Abend, und ich begrüße dazu sehr herzlich zwei Gäste.

Ich begrüße zu meiner Rechten Hamideh Mohagheghi. Frau Mohagheghi ist vor vielen Jahren, nachdem sie in Teheran geboren wurde, nach Deutschland gekommen und lebt jetzt fast vier Jahrzehnte in Hannover. Sie engagiert sich seit Jahren im interreligiösen Dialog. Sie ist von Haus aus Juristin, seit einigen Jahren auch islamische Theologin. Diesem Haus, dem Haus der Religionen, ist sie eng verbunden, denn sie gehört zum Rat der Religionen, der dieses Haus leitet. Sie ist zurzeit eine der Sprecherinnen des Rates der Religionen. Ehrenämter hat sie so viele, dass ich noch Minuten brauchen würde, um sie alle aufzuzählen. Deshalb mache ich es ganz kurz und sage nur noch zwei, die mir besonders herauszuragen scheinen: Sie war Mitglied in der zweiten vom Bundesinnenminister einberufenen deutschen Islamkonferenz, und sie ist im Vorstand der Dr. Buhmann-Stiftung zur Förderung interreligiöser Verständigung, mit Sitz hier in Hannover. Das alles ist aber nicht der wesentliche Grund, warum wir sie eingeladen haben. Der wesentliche Grund ist der, das sie zur Zeit an einer Doktorarbeit sitzt an der Universität Paderborn, wo sie wissenschaftliche Mitarbeiterin ist, und die Doktorarbeit dreht sich um das Thema „Islam und Gewalt“. Herzlich Willkommen, Hamideh Mohagheghi. 

Zu meiner Linken begrüße ich herzlich Christoph Günther. Sie sind in Dresden geboren, haben Arabistik, Geschichte und Islamwissenschaft studiert in Bamberg und an einer Universität in Kairo und haben dann in Leipzig im Rahmen eines Forschungsprojektes der Deutschen Forschungsgesellschaft über den Islamischen Staat promoviert – ich glaube zu einer Zeit, als vermutlich außer Ihnen und einigen wenigen Leuten niemand wusste, dass es so etwas überhaupt gibt. Die Arbeit ist erschienen vor zwei Jahren, sie trägt den Titel: „Ein zweiter Staat im Zweistromland? Genese und Ideologie des Islamischen Staates Irak“. Ich glaube, man kann sagen, Sie sind einer der besten Kenner des IS in Deutschland, und deshalb freuen wir uns, dass Sie heute Abend hier sind. Herzlich Willkommen Herr Günther.  

Eingeladen hatten wir als dritten für die sunnitischen Stimmen in diesem Lande den Direktor des Instituts für islamische Theologie an der Universität Osnabrück, Bülent Ucar, der heute leider aus Krankheitsgründen absagen musste. Von dieser Stelle aus alles Gute nach Osnabrück! 

Mein Name ist Wolfgang Reinbold. Ich bin der Beauftragte für den christlich-muslimischen Dialog in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. 

Herr Günther, ich habe es eben schon gesagt: Sie wussten längst, dass es so etwas wie einen „Islamischen Staat“ gibt. Der großen Öffentlichkeit ist er bekannt geworden im Juni 2014. Seither ist er wirklich überall in den Medien. Was genau ist da passiert im Juni 2014?

Günther 
Im Juni des letzten Jahres hat die Bewegung, die sich vorher „Islamischer Staat in Irak und Großsyrien“ genannt hat, einen unwahrscheinlichen militärischen Geländegewinn verbuchen können. Dieser große Geländegewinn auf dem Territorium Iraks und Syriens und die damit verbundene Niederreißung der nationalstaatlichen Grenzen zwischen diesen beiden Staaten durch die Bewegung hat vor allem dazu beigetragen, dass der Islamische Staat ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt wurde. Im Juni hat der IS dann auch noch ein Kalifat ausgerufen, hat sich also noch mal mit einem höheren Titel selbst geschmückt und versucht, sich aufzuwerten.

Reinbold 
War das ein Fernsehauftritt, oder wie muss man sich das vorstellen? Wie hat man das inszeniert? 

Günther 
Es wurde sehr, sehr geschickt inszeniert. Der selbsternannte Kalif ist in Mossul in den ersten Tagen des Fastenmonats Ramadan auf eine Kanzel gestiegen und hat sich dort selbst als Kalif ausgerufen, bzw. er hat die Entstehung dieses Kalifates öffentlich gemacht. Dann hat er von den anwesenden Muslimen einen Treueeid gefordert gegenüber ihm als Kalifen, stellvertretend für alle Muslime, und er hat der Welt kundgetan, dass ab jetzt auf dem Territorium dort ein Islamischer Staat entsteht. 

Reinbold 
„Kalif“, was genau heißt das für die muslimische Community? Welcher Anspruch steckt dahinter? Könnten Sie uns das noch ein bisschen erläutern? 

Günther 
Nominell wurde das Kalifat im Jahr 1924 abgeschafft. Mit dem Fall des Osmanischen Reiches und der jungtürkischen Revolution in der Türkei starb das Kalifat nominell aus. Der Titel besagt, aus dem Arabischen übersetzt, einfach „Nachfolger“, Nachfolger des Propheten in diesem Fall. Es bezeichnet eine sowohl weltliche als auch geistliche Leitungsinstanz für alle Muslime. Dementsprechend ist sowohl eine religiöse als auch eine politische Ebene damit angesprochen. Wenn jemand heute auf dem Territorium eines souveränen Nationalstaates oder zweier souveräner Nationalstaaten ein Kalifat ausruft, dann bedeutet das: man stellt die Existenzberechtigung dieser Staaten grundsätzlich in Frage. 

Reinbold 
Wenn ich unterbrechen darf: Die politische und geistliche Leitung aller Muslime weltweit durch diesen Mann, das ist der Anspruch? Also: „Ich leite euch jetzt geistlich, das heißt, ich gebe die religiöse Lehre vor. Ich gebe zugleich auch die Politik vor. Und der eine Staat für alle Muslime weltweit ist dieser und sonst keiner“. Grenzen sind also im Grunde gegenstandslos geworden?

Günther 
Grenzen sind irrelevant. Der Islamische Staat sagt von sich, dass er keine Grenzen hat, sondern nur Fronten. Solange diese Fronten existieren, wird das Verhältnis dieses Islamischen Staates zur Außenwelt immer ein Kampfverhältnis bleiben. Aber Sie haben damit Recht: Es ist sowohl eine dogmatische Ebene als auch eine politische Ebene. Der Islamische Staat sagt von sich selbst auf einer religiösen Ebene: „Muslime können nur ins Paradies einziehen, also ihre persönlichen Heilserwartungen erfüllt bekommen, wenn sie in diesem Islamischen Staat leben.“ Überall anders ist es für Muslime nach der Auffassung des Islamischen Staates nicht möglich, ins Paradies einzuziehen, denn sie leben unter einer häretischen Herrschaft, die nicht von Gott gewollt ist. 

Reinbold 
Frau Mohagheghi, das heißt im Grunde für Muslime: Man müsste sich jetzt aufmachen und in diesen Islamischen Staat ziehen, wenn man ein rechter Muslim ist …

Mohagheghi 
Um Gottes Willen! Wir sind überhaupt nicht der Auffassung, dass das eine berechtigte Form eines Islamischen Staates ist, dem wir uns alle anschließen könnten. Soweit ich informiert bin, kann die Mehrheit der Muslime damit überhaupt nichts anfangen. Wir sind vielmehr sehr schockiert. Dieser sogenannte „Islamische Staat“ ist barbarisch, und das hat einen Schock ausgelöst bei den Muslimen.

Am Anfang hat man immer gesagt: „Das hat alles mit Islam nichts zu tun“. Damit habe ich ein Problem. So einfach kann man es sich nicht machen. Aber ich denke, anschließen tut sich wirklich eine ganz, ganz kleine Minderheit.

Reinbold 
Für die Mehrheit der Muslime im Land ist es ein Schock, dass jemand mit solchen Taten sich ausdrücklich muslimisch versteht und auftritt als weltweiter Führer aller Muslime …

Mohagheghi 
Ich kann mir auch nicht vorstellen, wofür dieses Adjektiv „islamisch“ steht. Das, was wir erleben, ist reine barbarische Herrschaft. Das hat nichts mit einem Islam zu tun, wie ich ihn verstehe. Man lässt keine andere Möglichkeit für Menschen. Man meint, dass nur die eigene Ideologie, das eigene Verständnis des Islams richtig ist und dass alle anderen die Feinde des Islamischen Staates sind – nicht nur Nichtmuslime, sondern auch die Muslime selbst. Ich als Schiitin bin für diese Leute der Feind Nummer 1! Es hat sich da eine Ideologie entwickelt, die innerhalb des Islams sehr problematisch ist. 

Reinbold 
Man differenziert zwischen den Guten und den Bösen auch innerhalb der Muslime … 

Mohagheghi 
Noch stärker innerhalb der Muslime! Denn das sind ja diejenigen, die sich von dem wahren Islam, wie der IS ihn versteht, abgewandt haben und für sich einen Islam zurecht gemacht haben, der nicht richtig ist in ihren Augen. 

Reinbold 
Die Schiiten sind eigentlich die Allerschlimmsten …

Mohagheghi 
Die Allerschlimmsten, ja. 

Reinbold 
Herr Günther, nun hat das alles ja eine lange Vorgeschichte. Wo kommt diese Bewegung her? Wer steckt dahinter, welche Bewegung innerhalb dieser sehr unübersichtlichen Lage in Syrien und im Irak? 

Günther 
Begonnen hat das ganze Mitte 2003, als eine Gruppe, die von Abu Musab as-Zarqawi gegründet wurde, auf den Plan trat. „Monotheismus und Dschihad“ nannte sich diese Gruppe.

Der Name as-Zarqawi wird vielleicht manchen etwas sagen. Denn er war es, den der damalige US-Außenminister Colin Powell vor dem Einmarsch in den Irak als Verbindungsmann zwischen Saddam Hussein und Osama bin Laden nannte, in der inzwischen berühmten UN-Sicherheitsratssitzung, in der es um mögliche Massenvernichtungswaffen des Iraks ging. Powell sagte damals, das Baath-Regime im Irak unter Saddam Hussein habe Verbindung zu Osama bin Laden, und Abu Musab as-Zarqawi sei der Verbindungsmann. Diese Verbindung bestand zu dieser Zeit offensichtlich nicht. Sie taugte lediglich als Grund für die multinationale Militärkoalition, Saddam Hussein zu stürzen. All das hat im Ergebnis aber dazu geführt, dass as-Zarqawi immer wichtiger wurde. Man hat sich quasi den eigenen Feind selbst aufgebaut. Aus einem jordanischen Kleinkriminellen wurde der Terrorist Nummer 1 nach Osama bin Laden, und auf seinen Kopf waren zwischenzeitlich mehrere Millionen Dollar ausgesetzt.

Abu Musab as-Zarqawi also trat Mitte 2003 auf den Plan mit seiner Gruppe „Monotheismus und Dschihad“. Er veröffentlichte kleinere Publikationen und einige Videos von sehr schlechter Qualität. Dann trat die Gruppe offiziell der Al Qaida bei und firmierte seit 2004 unter dem Namen „Al Qaida im Zweistromland“. Obwohl sie zahlenmäßig sehr klein war, verglichen mit dem übrigen sunnitischen Widerstand gegen die Besatzung im Irak, führte sie die schwerwiegendsten Bombenattentate im Irak durch. Sie waren also, wenn man so will, auf der militärischen Ebene sehr erfolgreich.

Im Jahr 2006 kam as-Zarqawi ums Leben. Im Irak war zu dieser bereits ein Bürgerkrieg im Gange zwischen den Schiiten und den Sunniten, die unter dem Druck der irakischen zentralen Regierung standen. An diesem Bürgerkrieg hatte „Al Qaida im Zweistromland“ großes Interesse, denn er bot ihnen die Leerstellen, die sie selbst zu füllen versuchten. Und er bot ihnen immer wieder Nährstoff für ihre eigene Erzählung, nämlich zu sagen: „Wir sind die einzige Schutzmacht für die Sunniten im Irak! Wir wurden von der Macht verdrängt von den Amerikanern, von der Besatzung. Schiiten, die vorher im Exil gelebt haben in London und in Washington, versuchen nun, unsere Plätze einzunehmen und uns unserer Lebensgrundlage streitig zu machen.“ So kam es, dass sie dann im Oktober 2006 den „Islamischen Staat im Irak“ ausriefen und sich von da an mit der großen, wunderbaren Formel eines „Islamischen Staates“ schmückten. 

Reinbold 
Wer steckt heute hinter der Gruppe? Wissen wir etwas über diesen Mann, der sich den Künstlernamen bzw. Kriegsnamen Abu Bakr al-Baghdadi gegeben hat?

Günther 
Es ist ein Pseudonym, das eine wichtige symbolische Funktion hat. Der Name verweist eben auf eine angebliche Abstammung vom Propheten Mohammed. Er nennt sich „Abu Bakr“, in Anlehnung an den ersten rechtgeleiteten Kalifen, also an den ersten Nachfolger Mohammeds (den die Schiiten übrigens auch ablehnen). Dann nennt er sich Al-Quraishi, was auf den Stamm Quraish verweist, von dem der Prophet abstammt. Es gibt einen Ausspruch des Propheten, in den so genannten Hadithen, der sinngemäß besagt: „Es kann niemand Herrscher über die Muslime werden, außer er stammt aus diesem Stamm“.

Reinbold 
Das heißt, er legitimiert sich mit einem unmittelbaren Rückgriff auf die Familie des Propheten. 

Günther 
Genau. Wer letztlich hinter der Bewegung insgesamt steckt, bleibt für viele auch in den Sicherheitsbehörden relativ rätselhaft. Wir wissen mit Sicherheit, dass es sich nicht um eine homogene Gruppierung handelt, sondern tatsächlich um eine Bewegung, die ganz unterschiedliche Individuen und Gruppen zusammenbringt, die ganz offensichtlich ein Ziel vereint, nämlich: die Zentralregierung in Bagdad so sehr unter Druck zu setzen, dass sie den Sunniten wieder eine Möglichkeit gibt, am politischen Prozess teilzuhaben, was sie seit 2003 faktisch nicht mehr tun.

Reinbold 
Nun gibt es Leute, die sagen – ich lese das gelegentlich in den sozialen Medien –: eigentlich steckt die CIA hinter diesem Mann. Frau Mohagheghi rollt mit den Augen. Also: ist da irgendetwas dran an dieser Geschichte? Haben die amerikanischen Geheimdienste damit zu tun gehabt? Er hat ja wohl einige Zeit im Gefängnis gesessen, in einem US-Militärgefängnis. 

Mohagheghi 
Ich möchte jetzt nicht spekulieren, wer dahinter steht. Die Entwicklung, die Sie aufgezeichnet haben, ist eine Entwicklung, die durch bestimmte weltpolitische Interessen entstanden ist. Da fragt man sich, warum junge Menschen, die vorher wirklich Kleinkriminelle waren, auf einmal so viele Waffen und Macht in der Hand haben? Das können sie nicht aus eigener Kraft geschafft haben. Es müssen irgendwelche helfenden Hände dahinter sein. Wer das ist, weiß ich nicht. Ich möchte auch nicht spekulieren, wer das ist.

Wir schauen bei solchen Entwicklungen immer zuerst nach innerreligiösen Ursachen. Wonach wir auch schauen sollten, sind andere, politische Ursachen, die dazu geführt haben, dass sich Menschen so radikalisieren. Diese Frage muss man sich stellen. Was geschah nach 2001, nach dem 11. September 2001? Warum entstanden danach so schreckliche Gruppierungen? Warum konnten sie auf diese Art und Weise agieren? 

Reinbold 
Es hat mit großer Politik zu tun, wir kommen sicher noch darauf zurück. Zuvor noch ein biographisches Detail, das mich irritiert hat. Man liest, al-Baghdadi sei ein promovierter, also ein akademisch gebildeter Religionswissenschaftler mit einem Doktortitel der Universität Bagdad. Stimmt das? 

Günther 
Die Wochenzeitung „Die ZEIT“ hat versucht, das zu recherchieren, und ist nach Bagdad geflogen und hat dort mit Journalistenkollegen aus dem Irak gesprochen. Sie war auch selbst in den Universitätsarchiven. Anscheinend gibt es eine Promotion. Die dient aber auch wiederum der Bewegung dazu, diese Kalifengestalt zu legitimieren.

Es gibt bestimmte Voraussetzungen innerhalb der sunnitischen Staatstheorie, wer wann warum Kalif werden darf. Eine der Voraussetzungen ist, dass er über ein bestimmtes religiöses Wissen verfügen muss, dass er in der Lage sein muss, die grundlegenden Quellen des Islams selbstständig auszulegen und sich mit Menschen zu konsultieren, die ihn beraten, die wiederum auch Religionsgelehrte sein müssen. Sein Pseudonym „al-Bagdadi“ verweist darauf, dass er dort seine religiöse Ausbildung erhalten hat: in Bagdad.

Reinbold 
Das heißt, so schwer es vielleicht auch fällt, das zu sagen: Er ist in bestimmter Hinsicht ein islamischer Gelehrter. Kann man das so sagen? 

Mohagheghi 
Es fällt mir schwer, so einen Menschen als Gelehrten zu bezeichnen. Ein Doktortitel schützt nun einmal leider nicht davor, dass man ein Krimineller wird. Es kann sein, dass er sich auch als Gelehrten bezeichnet, weil er ein paar Bücher gelesen und geschrieben hat, ich weiß das nicht. Für mich heißt „ein Gelehrter sein“, dass jemand zeigt, was für ein Wissen er über den Islam hat und wie er den Islam auslegt und danach lebt. Darüber kann man durchaus abweichende Meinungen haben, das ist klar. Aber das, was jetzt geschieht unter diesem Namen, das ist für mich wirklich sehr problematisch und sehr kriminell. Es fällt mir daher schwer, diesen Menschen als Gelehrten zu bezeichnen. Er hat eine Vorstellung vom Islam, die nicht „konservativ“ ist, sondern extremistisch und unmenschlich. Ich kann ihn nicht einen muslimischen Gelehrten nennen. 

Reinbold 
Herr Günther, lassen Sie mich noch eine Sache aus Ihrem Buch ansprechen. Sie schreiben, dass der IS hierzulande meist als Terrorgruppe wahrgenommen wird, dass er selbst aber ganz entschieden sagt: „wir sind ein Staat“. Sie haben das eben schon kurz ausgeführt. In Ihrem Schlusswort schreiben Sie, das sei auch genauso gemeint, und dieser „Staat“ werde uns womöglich noch viele Jahre erhalten bleiben in der einen oder anderen Weise. Wie kommen Sie zu diesem Urteil? 

Günther 
Aus wissenschaftlicher Sicht hat sich mir schon sehr, sehr lange die Frage gestellt: Wenn sich diese Bewegung mit dem großen Titel „Staat“ umgibt – welche Faktoren müssen eigentlich aus der Sicht einer Staatslehre, wie wir sie in Europa kennen, erfüllt sein, damit wir von einer politischen Bewegung als von einem „Staat“ oder einem Quasistaat sprechen können? Da geht es zum Beispiel um die Anwendung von Gewalt, die, als Sozialwissenschaftler gesprochen, mit Max Weber eine der Komponenten von Herrschaftserlangung und Herrschaftserhaltung jedes Staates ist. Da geht es um die Grundversorgung der Bevölkerung. Da geht es um die Sicherheit und den Schutz der Bevölkerung, um Infrastruktur. Und all das, mit welch rudimentären Mitteln auch immer, all das stellt der Islamische Staat dar.

In Rakka, einem seiner Zentren in Syrien, gibt es Abfallentsorgung, gibt es Kanalisationspflege, gibt es eine Verkehrspolizei, gibt es auch sogenannte Sittenwächter, die sich um die öffentliche Sicherheit bemühen. Es gibt Steuereintreiber, es wird ein Schulwesen aufrechterhalten. Alles Faktoren, die wir nicht nur aus Sicht der islamischen Staatstheorie als in Übereinstimmung mit dem Kalifat betrachten würden, sondern auch aus Sicht der europäischen Staatsvorstellungen. Insofern muss ich als Wissenschaftler zu der Erkenntnis gelangen, dass es sich hier tatsächlich um ein Staatsbildungsprojekt handelt. 

Reinbold 
Mit Müllabfuhr und Bürokratie, Verwaltung und all solchen Dingen … 

Günther 
Genauso ist es. Wenn eine Bewegung es schafft, tatsächlich eine Administration am Laufen zu halten, dann handelt es sich tatsächlich um mehr als eine bloße „Terrormiliz“. Dieser Begriff hat vor allem eine politische Funktion, insbesondere in den westlichen Medien und in der Politik. Er soll dazu dienen, die Fronten klar zu machen: hier gibt es schwarz, hier gibt es weiß. Allerdings unterscheidet sich diese Argumentation nicht sonderlich von der, die der Islamische Staat selbst vollführt, nämlich zu sagen: es gibt schwarz, und es gibt weiß. Diese Homogenisierung des als Feindes erachteten Gegenübers – hier die Terrormiliz, da die gute Militärkoalition –, wird von Seiten des Islamischen Staates genauso vollführt, nur eben umgedreht. Da muss man, finde ich, den Blickwinkel weiten und noch einmal hinter die Kulissen schauen nach den Motiven, die dazu führen, dass dieser „Staat“ Anerkennung findet. Und die findet er ganz offensichtlich auch vor Ort. 

Reinbold 
Wir kommen am Schluss noch einmal darauf zurück. Ich will zum Abschluss unserer ersten Runde noch in die Runde fragen: Wissen Sie irgendetwas darüber, wie sich der Islamische Staat finanziert und ob womöglich Geld von auswärtigen Staaten kommt? Es wird immer wieder gesagt, es gebe womöglich Geld aus Saudi-Arabien. Kann man irgendetwas darüber sagen? 

Günther 
Wir wissen erschreckend wenig. Wir wissen erschreckend wenig darüber, selbst wenn man sich mit Menschen aus Geheimdienstkreisen unterhält. Auch die wissen erschreckend wenig. Es ist klar, dass es ganz unterschiedliche Finanzierungsquellen gibt. Kriminelle Geschäfte spielen sicherlich eine Rolle, die Ausbeutung von erbeuteten Ölquellen, die Zentralbank in Mossul, die geplündert wurde, mit mehreren Millionen Dollar Inhalt. Das alles führt dazu, dass der Islamische Staat sich ganz unterschiedliche Finanzierungsquellen erschlossen hat, die er nach wie vor nutzt. Natürlich fallen mit dem Wegbruch von tatsächlich beherrschtem Territorium auch Finanzierungsquellen weg.

Weiter.