Mitschrift: Wer sind und was wollen die Bahai? (Teil 2)

Zum Gespräch: Eine neue Religion für eine neue Welt - Wer sind und was wollen die Bahai?


Reinbold 
Sie müssen uns noch kurz sagen: Was heißt denn das Wort „Bahai“? 

Faridi 
Das Wort „Baha“ an sich heißt übersetzt „Licht“ oder „Helligkeit“. Baha’ullah ist ein Titel. Der ursprüngliche bzw. eigentliche Name des Stifters der Bahai-Religion war Mirza Husain Ali aus Nur. Der Titel Baha’ullah wurde in den Schriften des Vorgängerpropheten Bab erwähnt. Von seinen Freunden und Anhängern wurde Mirza Husain Ali, bevor er sich als neuer Offenbarer bekannt gab, als „Baha“ angesprochen, also als „Licht“.  

Reinbold 
Und später nennt man ihn dann Baha’ullah, also „Licht Gottes“. Sind die „Bahai“ also die „Lichtleute“? Kann man das so sagen? Die Bahai sind die Menschen des Lichts?

Faridi 
Man sagt das gelegentlich so. Wir aber sagen es eigentlich nicht. Wir sind einfach die Leute, die an Baha’ullah glauben. 

Noltenius 
Wie „Christen“ die sind, die an Christus glauben, sind die „Bahai“ die Anhänger von Baha’ullah.

Reinbold 
Liebe Frau Noltenius, ganz wichtig, so habe ich gelernt, ist im Bahaitum die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was genau bedeutet das für die Bahai? 

Noltenius 
Baha’ullah lehrt, dass jedes menschliche Wesen eine Seele hat. Diese Seele hat kein Geschlecht. Sie ist vor Gott gleichwertig. Und das bedeutet für unsere jetzige Zeit, dass Männer und Frauen gleichberechtigt leben sollen, dass sie gleiche Bildungs- und Erziehungsmöglichkeiten haben sollen, gleiche Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten, in allen Bereichen dieselben Rechte. Baha’ullah sagt: Solange die Frau noch nicht in allen Bereichen der Gesellschaft gleichwertig wirken kann, wird der Friede der Gesellschaft noch nicht umgesetzt werden können.

Erziehung ist ein ganz hohes Prinzip in der Bahai-Religion. Mädchen und Jungen sollen die gleichen Bildungschancen haben. Und wenn Eltern, die ein Mädchen und einen Jungen haben, sich nur die Erziehung eines Kindes leisten können, dann wird die Erziehung des Mädchens vorgezogen. Als zukünftige Mutter, als zukünftige erste Erzieherin der neuen Generation, hat die Erziehung und Bildung des Mädchens Vorrang. 

Reinbold 
Die Erziehung der Mädchen ist im Zweifel wichtiger als die Erziehung der Jungs?

Noltenius 
Ja, aber nur, wenn die materiellen Mittel nicht ausreichen. Die Bahaigemeinden sind angehalten, Familien, die nicht genügend materielle Mittel haben, zu unterstützen. Ich persönlich kenne keinen Fall, in dem die von mir zitierte Regel auch tatsächlich angewendet wird. Aber so ist es von Baha’ullah vorgesehen. Die Bedeutung der Erziehung der Mädchen und der Frauen wird sehr herausgestellt. 

Reinbold 
Herr Antes, ist das Bahaitum eine Buchreligion, so wie Christentum, Judentum und Islam?

Antes 
Historisch zunächst nicht. Aber später ist sie dann doch auch zu einer Art Buchreligion geworden. Man hat die Aussprüche gesammelt und zusammengestellt.

Um zunächst noch einmal auf den Punkt von vorhin zu kommen: Wir sehen hier wiederum das Äußere des 19. Jahrhunderts in der Form der Bahai-Religion. Das 19. Jahrhundert ist ja einerseits das Jahrhundert, in dem die Rechte der Frau zum ersten Mal richtig politisch in die Debatte geworfen wurden. Und andererseits spielt die Terminologie der Evolution im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle. All das kehrt nun in der Bahai-Religion wieder.

Man kann sich vorstellen, dass derartige Aussagen, dass man im Notfall eher dem Mädchen als dem Jungen die Ausbildung zu Teil werden lassen soll, in einem islamischen Milieu besonders provokativ auffallen. Allerdings muss man zugleich festhalten, dass es unter den Ismailiten später auch Positionen dieser Art gab. Sie sind nicht auf die Bahai-Religion beschränkt.

Reinbold 
… die Ismailiten, also muslimische Gruppierungen … 

Antes 
Ja, innerhalb des schiitischen Islams gab es auch solche Entwicklungen. Aber die ersten waren zweifellos die Bahai. Sie stellten von daher natürlich eine gewisse Bedrohung für das klassische Establishment in der islamisch-schiitischen Gesellschaft dar. 

Reinbold 
Das war ein Grund dafür, dass sie verfolgt wurden?

Antes 
Nicht der einzige. Der primäre Grund war die Tatsache, dass nach Muhammad im 19. Jahrhundert ein Offenbarungsanspruch artikuliert wurde. Aber es kommen sicherlich auch soziale Dinge dazu. Die massive Verfolgung blieb ja nicht auf das Leben von Baha’ullah beschränkt, auch nicht auf die Anhänger des Bab, die ja ursprünglich eine eigene Gruppe bildeten. Sondern diese Verfolgung hat erneut eingesetzt nach dem Sturz des Schahs im Iran unter dem Regime von Chomeini seit 1979.

Reinbold 
Herr Faridi, auch an Sie noch einmal die Frage: Gibt es so etwas wie ein heiliges Buch bei den Bahai? Oder muss man da umdenken, wenn man von Judentum, Islam und Christentum herkommt? 

Faridi 
Im Islam ist es üblich, dass man Christen und Juden als „Völker des Buches“ bezeichnet. Ich wurde einmal auf einem Nürnberger Forum von einem Vertreter des Islams gefragt, ob wir auch ein „Volk des Buches“ sind. Ich habe damals geantwortet: „Wir sind ein Volk einer Bücherei“ …

Reinbold 
… also wie die Christen auch …

Faridi 
„Bücherei“ in dem Sinne, dass wir nicht nur ein Buch haben, sondern die Schriften Baha’ullahs, die übrigens zu seiner Zeit zusammengesetzt wurden, diktiert und niedergeschrieben. 

Reinbold 
Sind das viele Bücher? 

Faridi 
Zusammen um die hundert Bände. Hinzu kommen autoritative Interpretationen. 

Antes
Aber es gibt doch das Kitab-i-aqdas, das ist praktisch das wichtigste Buch. 

Faridi 
Ja, wir haben das Kitab-i-aqdas …

Reinbold
… das müssen Sie uns übersetzen …

Faridi
Das heißt übersetzt: das heiligste Buch. Das Kitab-i-aqdas ist das wichtigste Buch. Aber es gibt auch sehr viele Bereiche des Lebens, der Ethik, der Gesetze, die nicht im Kitab-i-aqdas behandelt werden. Wir haben noch viele andere Bücher. Dass die Bahai-Religion eine Religion des Buches ist, kann ich also sehr betont bejahen. Die Bahai-Religion versteht sich dezidiert als Buchreligion.

Das macht auch den großen Unterschied zum Islam aus. In der Bahai-Religion zählen nur das offenbarte Wort Baha’ullahs und die autoritativen Interpretationen von nur zwei Personen, nämlich seines Sohnes Abdul Baha (1844–1921) und sein Großenkels Shoghi Effendi (1897–1957). 

Reinbold 
Es gilt nur, was zwischen zwei Buchdeckeln geschrieben wurde und nicht irgendeine mündliche Tradition?

Faridi 
Es gibt zwar mündliche Traditionen, Erzählungen und Berichte, aber sie haben keine Autorität, keine Gültigkeit. Es zählt nur das, was geschrieben ist. Die Gefahr besteht insofern nicht, dass man die Schrift missbraucht.

Dem ist schon dadurch ein Riegel vorgeschoben, dass ich zwar die Schriften auslegen darf und soll – als Bahai werden wir alle dazu ermutigt, uns in die Schriften zu vertiefen und daraus eigene Erkenntnisse zu gewinnen. Aber das, was ich daraus entnehme, das ist nur für mich. Ich kann mich darüber unterhalten, ich kann es erzählen, ich kann darüber schreiben. Aber es gilt nur für mich, nicht für andere. Ich darf nicht aufgrund meiner Erkenntnisse irgendeine neue Richtung des Bahaitums eröffnen oder eine Gruppe um mich bilden. Diese Regel ist immer auch ein Schutz der Bahai-Religion gewesen. Es gibt nur eine Bahai-Religion und nicht verschiedene Richtungen. Zwar hat es Versuche gegeben, die Religionsgemeinschaft aufzuteilen. Aber das ist bislang immer misslungen. 

Reinbold 
Ich stelle mir das ziemlich kompliziert vor, wenn jeder die Texte für sich deutet. Gibt es nicht irgendwo eine zentrale Instanz, die die Dinge vorgibt? Wie viele Bahais gibt es auf der Welt? 

Noltenius 
Etwa 7 – 8 Millionen. 

Reinbold 
Wenn jeder dieser 7 – 8 Millionen die Bücher auslegt und diese Auslegung nur für ihn gilt, wird es dann nicht unübersichtlich?

Noltenius 
Zuerst einmal muss man sagen: Die Bahai-Religion ist die einzige bzw. die erste Religion, die die Schriften des Offenbarers im Original hat.

Reinbold 
Von ihm selbst geschrieben? 

Noltenius 
Von ihm selbst geschrieben oder von Sekretären. Die Schriften sind von Baha’ullah autorisiert. Es gibt auch Schriften des Bab, ebenfalls im Original. Das ist schon etwas sehr Besonderes. 

Antes 
Religionsgeschichtlich ist es nicht einmalig. Das gab es schon bei Mani (ca. 216–276), der allerdings das Pech hatte, dass die von ihm gegründete Weltreligion unterging. 

Noltenius 
Zu Ihrer Frage der Auslegung: Herr Faridi hat das gerade erwähnt. Baha’ullah hat seinen Sohn Abdul Baha dazu autorisiert, seine Schriften zu erklären und auszulegen. Danach wurde der Urenkel zur Interpretation ermächtigt. Aber nach dem Tod dieses Urenkels Shoghi Effendi ist es niemandem erlaubt, die Schriften auszulegen.

Wir haben sehr, sehr viele Bücher, dazu Auslegungen. Wir haben all das im Originaltext, der in Hunderte von Sprachen übersetzt wurde. Es ist sehr wichtig, dass jeder Bahai bzw. jeder Mensch es in seiner eigenen Sprache lesen kann. Es geht nicht darum, dass am Ende sieben Millionen verschiedene Interpretationen da sind. Sondern darum, dass jeder Mensch auf seinem Stand und mit seinem Verständnis den Weg zur Wahrheit gehen kann. Es sind ja auch viele mystische Texte dabei. Baha’ullah sagt selbst, dass wir uns für die Meditation sehr viel Zeit nehmen sollen. 

Reinbold 
Es gibt keine Instanz, die darüber wacht, dass die Auslegung in der Bahaigemeinde auch in die richtige Richtung geht?

Noltenius 
Es gibt eine Instanz, die darüber wacht, dass keine Gruppierungen entstehen. Aber ansonsten steht es jedem frei zu sagen: „Ich verstehe das so und so, und für mich bedeutet das dies und das“.

Zum Beispiel: Es gibt Gebote. Zum Beispiel das Verbot, Alkohol und berauschende Mittel zu sich zu nehmen. Ich finde, das ist sehr einfach. Entweder man trinkt Alkohol, oder man trinkt Alkohol nicht. Sehr viel schwieriger auszulegen ist zum Beispiel das Verbot der üblen Nachrede. Manchmal muss man ja auch mit einem Anderem etwas besprechen, bei dem auch negative Dinge über einen Dritten zur Sprache kommen. Dabei kann es sein, dass die negativen Dinge in diesem Zweiergespräch bleiben. Es kann aber auch sein, dass das schon üble Nachrede ist. Verstehen Sie, was ich meine? Das ist etwas, was jedem selbst überlassen ist, das für sich zu leben und zu lernen. 

Reinbold 
Es gibt aber doch das sogenannte „Universale Haus der Gerechtigkeit“ in Haifa. Hat dieses Haus keine steuernde, keine irgendwie kontrollierende Funktion?

Noltenius 
Das Universale Haus der Gerechtigkeit ist die Führungsinstitution der Bahai seit dem Jahr 1963. Es nimmt zu seinen Entschlüssen und seinen Entscheidungsfindungen immer Bezug auf die Originalschriften bzw. auf die Interpretationen von Shoghi Effendi und Abdul Baha. Viele Menschen stellen auch Fragen ans Universale Haus. Es gibt seine Antworten auch zusammengefasst, und sie werden verbreitet. Das Universale Haus sagt nie: „Das und das ist das Richtige“, wenn es nicht völlig eindeutig ist. Aber dann würde man ja wahrscheinlich gar nicht fragen. Das Universale Haus gibt einem Hinweise, wo man die richtige Führung findet. 

Reinbold 
Herr Faridi, ich frage einmal frech: Und was passiert, wenn ich das doof finde, was die mir schreiben? Gibt es Probleme, wenn ich eine Lehrmeinung des Universalen Hauses ignoriere oder mich gar dagegen stelle? 

Faridi
Das Universale Haus ist eigentlich für zwei Bereiche zuständig: Für die Führung der Gemeinde und für die Gesetzgebung, und zwar bei Sachverhalten, die entweder nicht direkt im Buch erwähnt sind oder bei Gesetzen, die es bereits gibt, deren genaue Ausrichtung aber unklar ist. Manche Gesetze sind ja wie ein Skelett, das man erst mit Fleisch füllen muss. Und es gibt Bereiche, die vielleicht erst in 100 Jahren aktuell werden. Für diese Bereiche ist das Universale Haus zuständig.

Reinbold 
Ich habe mir das heiligste Buch einmal angesehen. In ihm stehen unter anderem auch Regeln, die mit dem, was in unseren deutschen Gesetzen steht, nicht übereinstimmen. Es gibt zum Beispiel die Todesstrafe, und sie gilt, wenn ich das recht gelesen habe, auch für Brandstifter. So steht es im Kitab-i-aqdas. Da stellt sich mir natürlich die Frage: Muss man das als Bahai dann machen? Wie gehen Sie mit solchen Geboten um?

Faridi 
Wenn man das heute als Buch gedruckte Kitab-i-aqdas in die Hand nimmt, dann stellt man fest, dass das eigentlich Kitab-i-aqdas nur einen kleinen Teil des Buchs ausmacht, der Rest sind Erläuterungen. Die Strafgesetze des Kitab-i-aqdas muss man im Kontext der fortschreitenden Gottesoffenbarung sehen. Wir wissen, dass die Gesetzgebung in den fünf Büchern Mose sehr, sehr streng war. Es gibt etliche Fälle, auf die die Todesstrafe steht. In diesem Kontext der Gesetzgebung in der Bibel und auch des Korans ist die Gesetzgebung der Bahai-Religion zu sehen.  

Reinbold 
Wird diese Gesetzgebung weiterentwickelt? Muss man tun, was dort steht? Oder kann man sagen: „Das ist ein 150 Jahre alter Text, und wir entwickeln ihn heute als Bahai weiter und machen etwas anderes damit“? 

Faridi 
In diesem Fall steht es selbst im Buch. Sie haben vollkommen Recht. In der Bahaigesetzgebung steht auf heimtückischen Mord und schwere Brandstiftung die Todesstrafe. Allerdings geht es hier um eine Normgebung. Denn gleich an derselben Stelle steht, dass eine lebenslängliche oder eine andere Strafe auch in Gottes Sinne wäre. Es ist nicht so streng, dass praktisch jeder, der mordet oder Brand stiftet, gleich zu Tode kommt. Es ist in erster Linie eine Normgebung.

Damit macht Baha’ullah deutlich, wie wichtig ein menschliches Leben ist. Derjenige, der vollkommen bewusst einem anderen das Menschenrecht auf Leben nimmt, muss wissen, was er tut, was er getan hat. Die Wichtigkeit des menschlichen Lebens wird hervorgehoben. Und die harte Regel wird durch den Zusatz, dass auch eine lebenslängliche oder eine andere Strafe angenehm wäre, relativiert. Wir müssen das nicht irgendwie ändern.

Reinbold 
Frau Noltenius, es gibt in Büchern und auch im Internet einige harte Stimmen von Aussteigern, die sagen: „Die Bahai wollen die Welt steuern! Seht euch diese Gesetze an – das können wir so nicht machen! Das führt uns in eine merkwürdige Welt hinein.“ 

Noltenius 
Erst einmal ist zu sagen, dass diese Gesetze aus dem Kitab-i-aqdas für die Bahai noch gar nicht verbindlich sind. Die weltweite Bahaigemeinde wird niemals Gesetze erlassen können, weil sie sich immer dem Gesetz der Länder, in denen die Gemeinde lebt, unterwirft. Sie wird nicht gegen eine Regierung irgendwelche Gesetze durchsetzen können. Das geht gar nicht, und das wollen wir auch nicht.

Solche Gesetze wie das angesprochene gelten für eine zukünftige Gesellschaft, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Für eine Gesellschaft, in der die Menschen sich freiwillig entschlossen haben, nach den Grundsätzen Baha’ullahs zu leben. Die Grundsätze Baha’ullahs sind: die Einheit aller Menschen, die Gleichberechtigung aller Menschen, der Abbau von Vorurteilen jeder Art, Erziehung und Bildung für alle, Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist das zentrale Prinzip. Und Gerechtigkeit bedeutet eben nicht nur Barmherzigkeit, sondern dass Institutionen auch bestrafen müssen. Ich selber kann mir das heute auch noch gar nicht vorstellen. 

Reinbold 
Ist es für Sie eine Art Utopie? Ein Gesetz für eine zukünftige Welt, wie sie einmal werden könnte? 

Noltenius 
„Utopie“ hat so ein bisschen den Beigeschmack, dass das ein Traum ist, der sowieso nie wahr werden wird. Als Bahai bin ich sicher, dass es zu einer gerechten Gesellschaft kommen wird, zu einer friedlichen Gesellschaft, zu einer Gesellschaft, in der diese Prinzipien einmal Fuß fassen und die Menschen sich danach richten werden. Aber, wie gesagt: Das wird noch sehr lange dauern. Ich kann es mir heute noch gar nicht vorstellen. Da sind noch so viele Schritte zu tun, und sicher wird es nicht das Erste sein, die Strafgesetze des Kitab-i-aqdas durchzusetzen. 

Reinbold 
Herr Antes, es gibt Leute, die den Bahai vorwerfen, sie seien „fundamentalistisch“. Ist da aus Ihrer religionswissenschaftlichen Sicht etwas dran?  

Antes 
Ich glaube nicht. Es sei denn, man bezeichnet als „Fundamentalisten“ alle die, die sich an den Grundtexten und an den Aussagen der Religionen orientieren. Wenn „Fundamentalismus“ aber eine Art von eingeschränkter Wahrnehmung mit einem rechthaberischen Gehabe bezeichnet, dann trifft das für die Bahai nicht zu. Sie sind offen für Dialog. Sie haben natürlich eine Überzeugung, die davon geprägt ist, dass sie von der Einheit aller Religionen ausgeht und von der Einheit der Menschheit. Aber sie sind weder gefährlich noch fundamentalistisch. Das kann man, glaube ich, so sagen.

Reinbold 
Frau Noltenius, ein Punkt, der bei den Kritikern ein große Rolle spielt, ist die Frage, wie es bei den Bahai um die Gleichberechtigung von Mann und Frau steht. Sie haben vorhin gesagt: die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist sehr wichtig. Das klang so, als wäre Baha’ullah im Grunde ein Freund der 50-Prozent-Frauenquote. Nun liest man aber, dass im Universalen Haus der Gerechtigkeit nur Männer sitzen. Da fragt sich natürlich der distanzierte Betrachter: Wie geht denn das zusammen?

Noltenius 
Das kann ich Ihnen auch nicht erklären. Ich kann das auch nicht verstehen. Es gibt auch keine mir bekannte schlüssige Erklärung.

Ich habe selber einmal ein ehemaliges Mitglied des Universalen Hauses (also einen Mann) darüber sprechen hören vor einigen Jahren. In seiner Rede hat er alle möglichen Argumente gebracht und dann gesagt: „All das kann es auch nicht sein“. Er hat gesagt, er verstehe es auch nicht.

Es gibt diese Regel, weil Baha’ullah sie festgeschrieben hat. Es ist offenbartes Wort Gottes für uns als Bahai. Deswegen können wir daran nicht rütteln. Ich jedenfalls sehe das so. 

Reinbold 
Das klingt nach einer harten Nuss …

Noltenius 
Das ist sicher auch für viele eine harte Nuss. Auch für mich war es so.

Ein Punkt, der für mich entscheidend ist, ist der folgende: Das Universale Haus ist zwar die höchste Körperschaft, die auch Gesetze erlassen kann, wie wir gehört haben. Aber es geht hier um einen Begriff von „Macht“ oder „höchster Körperschaft“, den wir bisher gar nicht kennen oder noch nicht erlebt haben. Macht ist hier wirklich denjenigen Menschen übertragen, die die größten Diener der Gemeinde sind. Das ist zwar etwas, was im Grunde auch in jedem Staat bzw. in jeder Herrschaftsart so sein sollte, das schöne Wort „Staatsdiener“ bringt es auf den Punkt. Aber wir erleben es ganz anders. Macht wird immer mehr missbraucht.

Zur Verhinderung des Missbrauchs von Macht hat die Bahai-Religion einige Bremsen eingebaut. Zum Beispiel kann eine Entscheidung niemals von einem einzigen Menschen getroffen werden, sondern immer nur von einem Gremium. Ein solches Gremium besteht bei den Bahai immer aus neun Personen, seien es nun die „Geistigen Räte“ vor Ort oder eben das Universale Haus. Im Übrigen kenne ich einige Gremien in der Bahaigemeinde, in denen die Frauenquote 70 – 80 Prozent beträgt.  

Reinbold 
Sie sagen also: Es hat Gründe. Aber eigentlich verstehe ich es nicht. Fragen wir noch Herrn Faridi. Wie sehen Sie das?

Faridi 
Ich habe auch darüber nachgedacht und bin auf Folgendes gestoßen: Wenn wir uns die heiligen Bücher der Religionen ansehen, die Tora, die Evangelien und den Koran, dann lesen wir unzählige Namen von Offenbarern – aber kein einziger von ihnen ist eine Frau. Alle Propheten sind Männer. Insofern könnte man auch Gott die Frage stellen, wo denn da die Frauenquote bleibt.

Reinbold 
Ich fürchte, mit diesem Argument würden Sie in gewissen Kreisen auf heftigen Widerspruch stoßen …

Faridi 
Mag sein. In Wirklichkeit gibt es Sachverhalte, die im Bereich des Rechts anzusiedeln sind und andere im Bereich der Pflichten.

Das Recht an einer Beteiligung in bestimmten Gremien hat auch der Mann nicht. Ich habe nicht das Recht, Mitglied im Universalhaus zu sein. Es gibt bei uns nicht dieses Modell des Karrieremachens, dass wir klein anfangen und dann immer weiter bis hin zum Universalen Haus. Die Mitgliedschaft im Universalen Haus ist für uns die höchste Pflicht, die man erfüllen kann. Es ist auch die drückendste Last. Im Grunde genommen gilt für alle Bereiche und Institutionen: Niemand hat das Recht darauf. Ich kann nicht darauf bestehen und mich wehren, wenn es mir verweigert wird.

Reinbold 
Das heißt, man wird gewählt, weil man Ansehen hat in den Gemeinden?

Faridi 
Ja, ohne Propaganda und ohne Kandidatur. Es wird derjenige gewählt, von dem man glaubt, dass er derjenige ist, der am besten dienen kann.

Ein Recht ist demgegenüber das Recht auf Bildung. Es ist die Aufgabe der Gemeinschaft und der Eltern, für die Bildung der Kinder zu sorgen. Hier geht es wirklich um Recht. Und da werden die Frauen bevorzugt, wie wir vorhin gehört haben.

Reinbold 
Letzte Frage: Sind all das Ehrenämter? Oder bekommt man, wenn man im Universalen Haus der Gerechtigkeit sitzt, ein großes Honorar?

Noltenius 
Ganz sicher kein großes Honorar. Für die mehreren hundert Angestellten am Bahai-Weltzentrum in Haifa gibt es Kost und Logis und ein kleines Taschengeld. Das wird alles durch Spenden bezahlt. Und es weiß auch niemand, ob der ein oder andere das Geld womöglich gar nicht annimmt und alles aus eigener Tasche bezahlt. So oder so: Viel Geld verdienen kann man damit nicht.

Reinbold 
Damit sind wir schon am Ende unserer Diskussion. Wir sind gar nicht zu den praktischen Dingen gekommen, die ich Sie gern noch gefragt hätte. Da müssen wir irgendwann noch einmal eine zweite Runde machen. Für heute erst einmal Ihnen allen vielen Dank für das Gespräch! 

(Redaktion: Wolfgang Reinbold)

Faridi 
Die Bahai zählen zu den abrahamitischen Religionen …

Reinbold 
… das heißt, sie berufen sich auf Abraham, wie Judentum, Christentum und Islam auch …

Faridi 
Wir glauben, dass alle offenbarten Religionen von dem einen und selben Gott stammen, auch die nicht-abrahamitischen Religionen wie Buddhismus, Hinduismus und eigentlich auch die vielen Naturreligionen, die es gegeben hat. Sie alle sind zum großen Teil göttlich inspirierte Lehren gewesen. Es wäre eigentlich auch der Menschheit gegenüber nicht gerecht, wenn Gott sich nur auf bestimmte Völker konzentriert und alle anderen außer Acht gelassen hätte. 

Die Bahai sind der Auffassung, dass all diese Religionen einen gemeinsamen Kern haben. Es gibt nur einen Gott, und dann kann es auch nur eine Religion geben. Gott, der auch als Erzieher der Menschheit fungiert, kann nicht verschiedene, sich widersprechende Erziehungsmethoden anwenden, so dass die Menschen sich gegeneinander wenden. 

Reinbold 
Nun sind diese Religionen aber doch oft unterschiedlicher Meinung? Sie sind sehr unterschiedlich und sich oft auch gar nicht grün. 

Faridi 
Sicherlich. Aber die Kernbereiche der Religionen verändern sich nie. Die Ethik, die Moral, mit Attributen wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Nächstenliebe, all das bleibt immer erhalten. So gesehen, sind die Religionen alle eins.

Aber es gibt auch Bereiche, in denen die Normen zeitlich bedingt sind und sich ändern. Etwa im Bereich der Liturgie, des Gottesdienstes, bestimmter Gesetzgebungen, z.B. hinsichtlich der Heirat, da geht es sehr auseinander. Das sind die zeitbedingten Bereiche. Das Wesentliche ist aber dieser gemeinsame Kern. Dieser gemeinsame Kern ist in allen Religionen gleich oder annähernd gleich. 

Reinbold 
Und das ist das, was Baha’ullah den Menschen offenbart? Diesen Kern der Religion, der für alle Religionen gleich ist? 

Faridi 
Diesen Kern, den alle gleich haben, hebt Baha’ullah hervor, mit bestimmten zeitbezogenen Akzentuierungen. In der kommenden, globalen Welt, von der seinerzeit noch nicht viel sichtbar war, sollen die Menschen mit Empathie zueinander agieren. Sie sollen ohne Vorurteile hinsichtlich der Rasse, des Geschlechts oder auch der Religion miteinander verkehren. Sie sollen in liebevoller Verbundenheit miteinander umgehen und gemeinsam, aufgrund ihrer gemeinsamen Werte, die Grundlagen legen, auf denen die Menschheit ihrer Bestimmung entgegen gehen kann. Die Bestimmung des Menschen ist vor allem seine geistige Entwicklung. Damit sich der Mensch geistig entwickeln kann, braucht er natürlich auch materielle Sicherheit, daher werden die materiellen Bereiche auch von den Religionen erfasst. Das Ziel ist der einzelne Mensch, aber auch die Gesellschaft.