Güvercin
Zuerst kam die Gastarbeitergeneration, mein Vater, glaube ich, im Jahr 1968. Man wurde als „Gastarbeiter“ wahrgenommen. Später sagte man dann „Migranten“, der Begriff Gastarbeiter war nach ein paar Jahren politisch nicht mehr ganz korrekt. Wir, diejenigen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, müssen immer noch damit kämpfen, dass wir als „Migranten“ bezeichnet werden. De facto sind wir natürlich längst Deutsche. Die jungen Muslime sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, sie sprechen Deutsch besser als die Sprache ihrer Eltern, sei es nun Arabisch oder Türkisch.
Vom muslimischen Verständnis her richtet sich die Identität nach der Sprache, die man beherrscht. Von daher kann ich auch aus muslimischer Sicht ganz normal sagen, dass ich ein deutscher Muslim bin – auch wenn das sowohl bei der muslimischen Community als auch bei der nichtmuslimischen Community, das heißt der Mehrheitsgesellschaft, interessante Diskussionen auslöst.
Der eigenen Gemeinschaft muss ich erklären: Was heißt jetzt „deutscher Muslim“? Hat das etwas mit „Euroislam“ zu tun? Mit einem „Kuschelislam“, der die Inhalte aufgibt und nur noch die äußere Hülle aufrecht erhält? Man muss den Begriff rechtfertigen und erläutern, was man damit genau meint. Es gibt auch bei uns Muslimen das Missverständnis, dass Islam = Kultur ist. Also: Je besser ich die türkische oder die arabische Kultur lebe, ein desto besserer Muslim bin ich. Das sieht man interessanterweise auch bei den Konvertiten. Pierre Vogel kommt aus dem Rheinland. Er könnte aber ohne Probleme als jemand durchgehen, der aus Saudi-Arabien kommt …
Reinbold
… Pierre Vogel, inzwischen bekannter radikaler Prediger, Kölner von Haus aus, der sich aber so kleidet, als hätte er mit Arabien zu tun …
Güvercin
Das erzeugt natürlich in der Öffentlichkeit ein Bild, als ob die Muslime oder der Islam ein fremdes Phänomen sind. Deshalb gibt es auch in der Mehrheitsgesellschaft Irritationen, wenn man in der Öffentlichkeit sagt, man ist deutscher Muslim. Dann schauen die Leute auf den Namen und sagen: Güvercin? Ja, o.k., aber woher kommen Sie denn wirklich? Wenn ich sage, ich komme aus dem Rheinland, ich bin Kölner und fühle mich als „Kölscher Jung“ …
Trelle
.. da müssen Sie aber Kölsch sprechen …
Güvercin
… das tue ich auch. Beim Deutschlandfunk habe ich das Problem, dass ich besonders auf die Aussprache achten muss, weil ich das „ch“ nicht so gut aussprechen kann. Man hat mir sogar eine Sprechschulung gesponsert, damit ich diesen rheinländischen Dialekt loswerde. Beim WDR geht das mit dem kölschen Ton, beim Deutschlandfunk nicht. Aber zurück zum Thema: Es gibt Irritationen auf beiden Seiten, und ich finde es als junger deutscher Muslim immer sehr spannend, für Irritation zu sorgen, damit sowohl die Muslime als auch die Nichtmuslime Schwierigkeiten haben, mich in eine Schublade zu sperren.
Reinbold
Ist in den Moscheen das Deutsche viel häufiger die Umgangssprache als man meist denkt?
Güvercin
Absolut. Während meiner Studienzeit in Bonn gab es in der Innenstadt eine türkische Moschee. Da sind sehr viele Studenten zum Freitagsgebet hingegangen, weil es die nächste Moschee war. Da gab es natürlich sehr viele Kommilitonen, die kein Türkisch verstanden haben. Am Anfang haben sie uns gefragt, was der Imam eigentlich gesagt hat in seiner Predigt. Und dann haben wir das kurz bei einer Tasse Kaffee oder auf dem Rückweg zur Uni zusammengefasst. Später dann hat die Moscheeleitung registriert, dass das Publikum der Moschee ziemlich bunt war, und dann haben sie jemanden damit beauftragt, die Freitagspredigt direkt im Anschluss ins Deutsche zu übersetzen.
Das sind typische erste Schritte, mit denen die Moscheen auf multiethnische Gemeinden reagieren und ein passendes Angebot machen. Das müsste viel mehr ausgebaut werden, und die Imame müssten eigentlich alle Deutsch können. Sicher, es gibt jetzt die ersten Imame, die der deutschen Sprache mächtig sind. Aber wir haben immer noch das Phänomen, dass die Imame aus den Heimatländern kommen für einige Jahre, und nach 2 bis 3 Jahren gehen sie wieder zurück …
Reinbold
… das wird mehr und mehr ein Problem, dass die Imame die Sprache nicht sprechen, die in den Moscheen längst üblich ist ...
Güvercin
Das ist ein Problem für die Moscheegemeinden. Es führt dazu, dass die jungen Muslime sich andere Orte suchen, dass sie eventuell sogar an Pierre Vogel geraten, weil sie seine Youtube-Videos sehen. Oder sie gehen einfach nicht mehr in die Moschee.
Trelle
Herr Güvercin, ich war lange in Wuppertal Pfarrer und hatte sehr viele türkische Nachbarn, ungemein freundliche Menschen. Ich weiß von den Kindern, dass sie untereinander meistens Deutsch sprachen, manchmal auch Türkisch. In den Moscheegemeinden mussten sie dann, so sagten sie mir, Arabisch lernen. Meine Frage ist: Welche Bedeutung hat für Sie als Muslim die arabische Sprache? Mir wurde oft gesagt: „Wenn ihr Katholiken doch das Lateinische hättet in der Liturgie, dann müsstet ihr nicht so viele Liturgien feilen auf Spanisch, auf Italienisch, und so weiter. Da könntet ihr zu Beginn einfach sagen ‚dominus vobiscum’“. Wenn ich das heute sage in einer Gemeinde: weites Schweigen, es kommt keine Antwort. Das Latein war früher für uns das Verbindende in der Liturgie. Wie ist das bei Ihnen mit dem Arabischen? Spielt es eine Rolle für die Integration?
Güvercin
Das Arabische spielt eine zentrale Rolle, weil es die Sprache der Offenbarung des Korans ist und weil man den Koran im Original rezitiert. Allerdings lernen die Kinder in der Moschee nicht die arabische Sprache, sondern sie lernen nur das Rezitieren des Korans. Man lernt einige Suren auswendig, damit man das Gebet verrichten kann. Die Kinder müssen also ein wenig Arabisch lesen können – verstehen tun sie es nicht.
Reinbold
Wir haben heute zum ersten Mal einen kleinen Einspieler vorbereitet, den Sie gleich auf der großen Leinwand sehen werden. Um einmal sichtbar zu machen, dass das Thema „Migration“ nicht primär Muslime betrifft, sondern dass es vor allem mit Christen zu tun hat, hat die Evangelische Landeskirche in Gemeinschaft mit der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Niedersachsen eine Ausstellung erstellt, die „Gesichter des Christentums“ heißt. Sie ist vor einigen Wochen in Osnabrück eröffnet worden, und wir haben ein kleines Kamerateam dorthin geschickt, die Kollegen, die hier im Haus auch filmen, vom Evangelischen Kirchenfunk in Niedersachsen. Wir hören jetzt einige O-Töne von der Eröffnung der Ausstellung „Gesichter des Christentums“.
[Einspieler]
Reinbold
Herr Trelle, wenn Sie diese Bilder sehen: Ein Jugendlicher kommt aus Swaziland, sieht auch so aus – er ist jetzt ein niedersächsischer Lutheraner. Ein anderer kommt aus der Türkei – er ist ein syrisch-orthodoxer Christ und feiert seinen Gottesdienst in einer katholischen Gemeinde. Das wirkt ungeheuer lebendig, dynamisch, bunt. Tut Migration den Kirchen, tut sie der katholischen Kirche gut?