Mitschrift: Ahmadiyya (Teil 2)

Zum Gespräch: Sind das Islamisten? Wer ist die Ahmadiyya Muslim Jama’at?


Reinbold 
Jetzt entsteht ein Bild der Ahmadiyya, das mit dem, was in deutschen Zeitungen normalerweise zu lesen ist, wenig zu tun hat. Sie, Herr Antes, haben gesagt, es geht von der Ahmadiyya wahrscheinlich keine Gefahr aus. Wir haben gehört, dass Ahmadis verfolgt werden, und wir haben gehört, dass sie eine moderne Gruppe sind, die die Wissenschaft und den Islam in Einklang bringen will.

Insofern kann ich Ihnen, Herr Majoka und Frau Daud, jetzt die schwierigen Themen nicht ersparen, die üblicherweise in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Ich will einmal mit dem Frauenthema anfangen, das oft obenauf liegt. Auf Ihrer Homepage steht der schöne Satz, die Ahmadiyya sei so etwas wie die „erste islamische Frauenbewegung“. Sie Ahmadis Feministen, eine Bewegung zur Befreiung der Frau? Ihre Kritiker sind umgekehrt der Meinung, dass Sie eine harte Geschlechtertrennung haben und dass die Frauen im Geist des Gehorsams erzogen werden und dass da alles ist, nur nicht Freiheit.

Daud 
Wir glauben daran, dass es keinen Zwang im Glauben gibt. So steht es auch im Koran [Sure 2,256]. Die Frauenrechte hat der Islam mit sich gebracht. Zweck der Gründung dieser „Frauenbewegung“ war die Bildung und Erziehung der Frauen.

Wir sind hier in Deutschland eine sehr junge Gemeinde. Unsere Frauen sind in jedem Lebensbereich, auch im Bildungsbereich, sehr erfolgreich geworden. Es gibt Ärztinnen, Anwältinnen, Lehrerinnen, die berufstätig sind und arbeiten gehen. Man kann nicht sagen, dass wir, wie Sie das eben gesagt haben, im „Geist des Gehorsams“ erzogen wurden, es sei denn, Sie meinen damit die „Gehorsamkeit“ dessen, der gläubig ist, der überzeugt ist von seiner Religion. In dieser Hinsicht aber müssen die Männer genauso gehorsam sein wie die Frauen.

Reinbold 
Aber steht das nicht im Koran, dass die Frauen dem Mann gehorsam sein sollen? Und wir haben ja eben gehört, dass der Koran Gottes unveränderliches Gesetz ist ... 

Daud 
Die Frauen sind den Männern gegenüber in der Hinsicht gehorsam, dass der Mann die führende Person zu Hause ist. Frau und Mann sind gegeneinander ein Gewand. Der eine ist nicht dem anderen untergeordnet. Mann und Frau sind gegeneinander ein Gewand, so steht es auch im Koran [Sure 2,187].

Reinbold 
Der Mann ist „die führende Person zu Hause“, da ist die Frau gehorsam. Das ist für Sie kein Widerspruch zu dem, was Sie vorhin über die „Frauenbewegung“ gesagt haben? 

Daud 
Einerseits bin ich gehorsam, andererseits habe ich aber auch meine Rechte. Genauso ist der Mann, obwohl er die führende Person ist, verpflichtet gegenüber meiner Person. Ich habe natürlich meine Pflichten, aber auch meine Rechte. Genauso hat der Mann seine Rechte, aber auch seine Verpflichtungen mir gegenüber. 

Reinbold 
Um es einmal ganz praktisch zu machen: Wenn der Mann etwas will, und Sie finden das ganz doof. Können Sie dann sagen: „Nein, das mache ich aber nicht“? Oder geht das nicht? 

Daud 
Doch, das geht. Ich bin offen zu meinem Mann, er ist hier im Saal. Ich bin offen zu ihm. Wir diskutieren solche Fragen natürlich auch. Wenn es Themen gibt oder Situationen, wo man miteinander diskutieren muss, dann sage ich natürlich auch meine Meinung. Und ich sage hier auch, dass ich dabei oft gewinne! Ich muss ihn überzeugen. 

Majoka 
Um das vielleicht zu bündeln: Es gibt eine Offenbarung des Gründers der Gemeinde, in der Gott ihm mitgeteilt hat: „Eure Frauen sind nicht eure Dienerinnen, sie sind eure Gefährtinnen“. Das ist, was wir darunter verstehen. Im Jahr 1924 wurde die Frauengruppe der Ahmadiyya gegründet. Deshalb sagen wir, dass die Ahmadiyya die erste Frauenbewegung überhaupt ist. Sie betont insbesondere die Bildung und die Selbstverwirklichung und die Rechte 

Reinbold 
Frau Daud, die Verhältnisse zwischen den Männern und den Frauen in den Gemeinden sind aber trotzdem sehr getrennt, oder nicht? Die Frauen sind hier, und die Männer sind da, und man redet nicht miteinander. 

Daud 
Damit wird ja kein Geschlecht benachteiligt, weder Männer noch Frauen. 

Reinbold 
Ich will Sie nicht ärgern, aber bei der Eröffnung der Ahmadiyya-Moschee in Hannover war es so: Alle waren in einem Saal, dann wurde zum Essen gerufen, und dann gingen die Frauen raus. Und ich weiß noch genau, wie der Oberbürgermeister sagte: „Warum gehen denn die Frauen raus?“ Und dann wurde gesagt: „Das ist bei uns so“. Das wirkte schon sehr nach Katzentisch. 

Daud 
Nein. Die Geschlechtertrennung ist nicht etwas, das der Islam als Neues mitgebracht hat. 

Reinbold 
Das heißt, Sie finden das nicht diskriminierend?  

Daud 
Nein, überhaupt nicht. Geschlechtertrennung gab es ja auch im Christentum und im Judentum, und sie wurde bis vor einiger Zeit praktiziert. Dass man jetzt aufgehört hat, die Geschlechtertrennung zu praktizieren, das ist eine andere Sache. Aber man kann jetzt nicht sagen, dass der Koran oder die Lehre des Korans etwas Neues mit sich gebracht hat bei der Geschlechtertrennung. 

Reinbold 
Herr Majoka, lassen Sie uns das zweite heiße Eisen aufgreifen, das Thema „Scharia“. Die Internetseite der Ahmadiyya sagt auf der einen Seite, man müsse die Scharia „modern interpretieren“. Gleichzeitig heißt es, und Sie haben es eben auch gesagt, das Gesetz des Koran sei „unveränderlich“. Nun stehen natürlich im Koran viele Dinge, das weiß heute in Deutschland beinahe jeder, die mit dem Geist der Freiheit beziehungsweise der Deutschen Verfassung nicht in Einklang zu bringen sind. Wie gehen Sie damit um, etwa im Erbrecht? Oder in der berühmt-berüchtigten Sure, in der dem Mann erlaubt wird, in der größten Not – und auch nur dann, aber dann doch immerhin – die Frau zu schlagen? 

Majoka 
Scharia bedeutet zunächst einfach den „Weg“. Das enthält nicht nur den Koran, sondern die gesamte islamische Lehre ist Teil der Scharia. Es gründet sich auch auf die Praxis, die Sunna des Propheten und so weiter. Was die Übereinstimmung mit dem Grundgesetz anbetrifft, so haben wir des Öfteren diskutiert und gesagt: Es gibt keinen Widerspruch zwischen Scharia und Grundgesetz. Alle Sachen, die im Grundgesetz stehen, bekennen wir, und die stehen genauso auch im heiligen Koran.

Das, was Sie als Widerspruch bezeichnet haben, will ich gern erläutern. Zum Beispiel: den Frauen wird beim Erbrecht die Hälfte dessen zugesprochen, was dem Mann zusteht. Erstens widerspricht das keinem deutschen Gesetz. Der Vater oder die Mutter oder wer auch immer, wer vererbt, kann entscheiden, kann zum Beispiel sagen: „Ich gebe alles meinem Neffen und nicht meinen Kindern“. Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt ist: bei den Frauen ist es so, dass sie die Hälfte vom Vater bekommen und dazu die Hälfte von ihrem Mann. Der Sohn hingegen bekommt das nicht. Wenn eine Frau einen Mann heiratet, bekommt sie von ihrem zukünftigen Mann einen Teil des Erbes. Wenn der Mann eine Frau heiratet, bekommt er von der Frau kein Geld zugewiesen. Die Weisheit dahinter ist: Es kann ja sein, dass der Vater einer Tochter ein armer Mensch ist und nicht viel besitzt, sie heiratet aber einen reichen Mann. Dann bekommt sie viel mehr als der Sohn, weil sie von ihrem Mann dann entsprechend viel bekommt. Es ist also keine Benachteiligung.

Reinbold 
Dennoch kommen Sie in einen Widerspruch, weil im deutschen Recht, wenn es um das Pflichterbe geht, der Mann und die Frau exakt gleich behandelt werden …

Majoka 
… derjenige, der erbt, kann selber entscheiden …

Reinbold 
Nicht beim Pflichtanteil, da können Sie nichts mehr entscheiden. Da entscheiden die Gerichte. Wenn die Erben sich streiten, bekommen die Mädchen und die Jungen gleich viel. 

Majoka 
Es gibt auch die Möglichkeit, dass man Schenkungen macht. Muslime machen es meistens so, dass sie vor dem Tod bestimmen und ein Testament schreiben, in dem festgelegt ist, wer wie viel bekommt, und das nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Neffen und so weiter. Deshalb sehen wir da keinen Widerspruch. Es ist im Rahmen des Gesetzes möglich, das Erbe durch Schenkung oder andere Mittel so zu verteilen, dass es zu keinem Widerspruch führt.

Reinbold 
Ich verstehe. Frau Daud, in Deutschland macht es vielen Sorge, wenn Muslime einerseits sagen, dass der Koran vollends mit unserem Grundgesetz übereinstimmt und andererseits daran festzuhalten, dass der Mann zur größten Not die Frau schlagen darf. Es ist für die meisten offenkundig, dass hier ein Widerspruch vorliegt. Wie gehen Sie damit um? Ich verstehe Sie, wenn Sie sagen: „Das machen wir eh nicht, mein Mann ist ganz lieb“. Das glaube ich alles sofort. Nur wenn Sie es hart auf hart nehmen und auf die juristische Frage hin zuspitzen, dann bleibt da doch ein Widerspruch, oder nicht? 

Daud 
Es ist unter Umständen natürlich erlaubt. Welche Umstände es sind, da bin ich jetzt auch gefragt, ich denke, Herr Majoka …

Reinbold 
… entschuldigen Sie: Damit machen Sie den Leuten in diesem Land Angst. Wenn Sie sagen: „Unter Umständen ist es erlaubt“. Das darf nicht sein!

Majoka 
Es gibt mehrere Interpretationen, wie bei den Versen über den Dschihad und so weiter. Wir als Reformgemeinde sagen: Die Verse des heiligen Korans sind im Einklang mit der Vernunft zu interpretieren, genauso wie diese Verse über den Krieg und so weiter. Die Ahmadiyya Jamaat sagt – und das sagen auch alle anderen Muslime, aber sie handeln leider nicht danach –, dass das Beispiel eines Muslims der heilige Prophet selbst ist. Für uns als Ahmadis kommt noch der Gründer unserer Gemeinde hinzu. Wenn man das Leben der beiden betrachtet, so sieht man, dass sie beide niemals eine Frau geschlagen haben. Sie haben niemals zugelassen, dass jemand seine Frau schlägt, und so weiter.

Die Frage ist, wie interpretiert man diese Verse aus Sure 4,34, und da gibt es verschiedene Interpretationen. Man hat zum Beispiel gesagt: „Hier ist im Plural die Rede, und deshalb ist eine Gesellschaft gemeint und nicht der Mann, der Ehemann oder der Vater oder sonst wer. Gemeint ist die Gesellschaft, das heißt die Regierung darf dann bestimmte Maßnahmen ergreifen“ und so weiter. Welche Umstände das sind und ob überhaupt das „Schlagen“ wirklich als schlagen zu verstehen ist – es gibt zum Beispiel einen Vers, wo es heißt, dass man einem Dieb „die Hand abhacken“ darf oder sollte [Sure 5,38]. Genauso gibt es aber einen Vers im Koran, in dem es heißt: „als Jusuf“, also Josef, „zu den Frauen kam, haben die Frauen ihre Hände abgehackt“ [Sure 12,31]. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass sie ihre Hände wirklich abgehackt haben! Sondern es bedeutet: etwas verhindern, verhindern, dass etwas gemacht wird.  

Reinbold 
Sie verstehen das als Metapher, als Bild für „man soll es nicht tun“ …

Majoka 
Genau. Man kann das mit verschiedenen Maßnahmen verwirklichen, mit Gefängnisstrafen zum Beispiel für die Diebe oder für die Frau, die bestimmte Sachen getan hat. Es gibt eine Reihe von Interpretationen. Grundsatz ist stets, dass das Leben des Propheten und für uns Ahmadis darüber hinaus das Leben des Gründers unserer Gemeinde maßgeblich sind, und beide habe weder selbst jemals eine Frau geschlagen, noch haben sie zugelassen, dass andere das tun, noch haben sie es jemals erlaubt. Von daher interpretieren wir diese Verse metaphorisch.

Daud 
Sie haben eben gesagt, dass wir der Gesellschaft Angst machen, wenn wir so etwas sagen. Auf der anderen Seite gewährt der Islam den Frauen auch sehr viele Rechte. Wenn man die Zeit der Geburt des heiligen Propheten betrachtet, wie die Rechte der Frauen damals waren und die Rechte der Menschen insgesamt, dann sieht man deutlich, welche Rechte der Islam mit sich gebracht hat, auch viele Frauenrechte.

Reinbold 
Könnten Sie einmal ein Beispiel geben? Woran denken Sie, wenn Sie sagen, dass der Islam Frauenrechte mit sich gebracht hat? Denn Frauenrechte gab es ja auch im Christentum und im Judentum schon. 

Daud 
Wenn eine Tochter geboren wurde, hat man sie oft lebendig begraben. Da sieht man, wie das weibliche Geschlecht benachteiligt wurde. Es gibt viele solche Beispiele in der arabischen Gesellschaft.

Reinbold 
Da sind Sie mit Christen und Juden völlig auf einer Linie, denn sowohl Christentum als auch Judentum haben immer gegen diesen Brauch protestiert, die Mädchen einfach in der Wüste zu vergraben …

Antes 
… zu häufig ist es sicher nicht passiert. Denn die Männer waren ja mit ziemlich vielen Frauen verheiratet. Wo haben sie die denn hergenommen?

Majoka 
Die Betonung liegt auf der Bildung der Frau, auf Freiheit, auf Selbstverwirklichung, die teilweise in der damaligen Gesellschaft – ich sage jetzt nicht, dass Christentum und Judentum das so gewollt haben, aber die damalige christliche Gesellschaft im Mittelalter, wir wissen, was da alles mit Hexen passiert ist – ein sehr großer Fortschritt waren.

Reinbold 
… wobei Sie mit den Hexen natürlich in einer ganz anderen Zeit sind. Die gab es damals nicht …

Majoka 
Der Islam ist im Jahr 622/610 gekommen. Die Verhältnisse und Rechte der Frauen waren um 610 in Europa wahrscheinlich nicht so, wie sie heute sind. 

Antes 
Das wirft eine interessante Frage auf. Ich gebe zu und glaube, dass es gut nachweisbar ist, dass ein Impuls zur Modernisierung und zur besseren Stellung der rechtlichen Bedingungen einer Frau durch das Verkünden des Korans gegeben war. Jetzt wäre ja die logische Konsequenz, dass man heute sagt: „Das geht in diese Richtung, aber nicht alle Formen, die in der patriarchalischen Gesellschaft praktiziert wurden, müssen deshalb weiterhin so behalten werden“. Man kann ja die Richtung, wenn die Entwicklung voranschreitet, auch neu interpretieren.

Sie sprechen ja von „Neuinterpretation“. Das Merkwürdige, das immer wieder auffällt in der Diskussion, ist, dass man letztlich doch an den Wörtern hängen bleibt und die neuen Aufbrüche nicht zu Ende denkt. Ich muss sagen, dass zum Beispiel bei den Kolleginnen und Kollegen von der islamisch-theologischen Fakultät in Ankara eine sehr viele größere Offenheit da war. Sie haben gesagt: „Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was wirklich Offenbarung ist, und dem, was kulturell üblich war. Die soziologische und die kulturelle Seite sind wandelbar. Das Theologische ist es nicht“. Das bedeutet aber, dass man Unterschiede in die Texte hineintragen kann, die es ermöglichen, durch Neuinterpretation das Theologische zu fassen und von bestimmten konkreten Formen des Sozialen und des Kulturellen abzusehen. 

Majoka 
Es ist bei allen Religionen ein Problem, dass Vieles, was kulturell bedingt ist, als Religion dargestellt wird, obwohl es gar nicht zur Religion gehört. Das ist auch bei den Muslimen so. Es gibt bestimmte Üblichkeiten, die im indischen Subkontinent oder in Indonesien als Teil des Islams verstanden werden, aber in der arabischen Welt nicht, und umgekehrt. Es gibt bestimmte Üblichkeiten in Afghanistan, die als Islam betrachtet werden, aber die Araber lehnen sie ab. Die eigene Kultur wird als Religion dargestellt. Deshalb muss man ganz genau unterscheiden, und das ist etwas, was unter Muslimen einfach ist, wenn sie es denn wollen, denn der Islam ist nicht zurückzuführen auf irgendwelche Gelehrte, nicht auf irgendwelche Ajatollahs, nicht auf irgendwelche Mullahs, sondern auf den Koran, und der Koran ist von Marokko bis Indonesien und von Afghanistan bis Kenia derselbe. 

Antes 
… als Text, aber nicht als Interpretation …

Majoka 
Als Text ist er gleich. Und wenn man jetzt die Interpretation der Gelehrten nicht als etwas Festes betrachten würde, wie das die Salafisten oder die Saudis tun, dann könnte man einen großen Schritt gehen in Richtung Erneuerung, Verbesserung, Reform. 

Reinbold 
Herr Majoka, ich will noch einen Punkt ansprechen, der in der Diskussion eine wichtige Rolle spielt, nämlich die Trennung von Religion und Staat. Die Internetseite der Ahmadiyya und die Publikationen sagen, dass Sie für eine strenge Trennung von Religion und Staat eintreten. Dann aber ist doch immer wieder die Rede von einem „islamischen Staat“. Wie geht das zusammen? 

Majoka 
Wenn man von einem „islamischen Staat“ spricht, muss man unterscheiden. Zum einen, das ist heute Allgemeingebrauch, meint man damit Staaten mit muslimischer Mehrheit wie Pakistan, Saudi-Arabien, Libyen, Indonesien. Zum anderen kann damit aber auch der ideale „islamische Staat“ gemeint sein. Und da, das haben die Gründer und die Kalifen ganz deutlich und klar gesagt, gibt es eine klare Trennung zwischen Religion und Staat.

Wenn wir als Ahmadis vom „islamischen Staat“ reden, dann reden wir davon, dass der Islam einige grundsätzliche Regeln gegeben hat, was und wie ein Staat zu funktionieren hat. Es gibt zum Beispiel eine Gründungsregel, die besagt, dass man nicht aufgrund der Religion diskriminieren soll und nicht aufgrund der Volkszugehörigkeit. Sondern es heißt: „Wenn ihr herrscht unter den Menschen, so herrscht mit absoluter Gerechtigkeit, und selbst die Feindschaft eines Volkes soll euch nicht dazu verleiten, dass ihr die Gerechtigkeit aus der Hand gebt. Seid gerecht, das ist vor Gott der Gottesfurcht am nächsten“. Das ist der Vers aus dem heiligen Koran [Sure 5,8]. Jeder Staat, der nach dieser Maxime handelt, ist quasi ein „islamischer Staat“. Jeder Staat, der nicht nach Religionszughörigkeit, nach Volkszugehörigkeit, nach Hautfarbe und so weiter diskriminiert. 

Reinbold 
… also ist Deutschland ein islamischer Staat? 

Majoka 
In gewissem Sinne. 

Antes
… es ist weniger irreführend, wenn man sagt: es ist ein Staat im Sinne der Botschaft des Islams … 

Reinbold 
… Scharia und Grundgesetz sind im Grunde eins, in diesem Sinne ist Deutschland ein Staat im Sinne der Botschaft des Islams, ein islamischer Staat …

Daud 
Wenn wir jetzt über unser Land Pakistan reden würden: da sind wir nicht anerkannt, da dürfen wir nicht so praktizieren wie hier. 

Majoka 
Wir dürfen uns in Pakistan nicht als Muslime bezeichnen, in Deutschland schon. Wir dürfen dort keine Moscheen haben, hier schon. Wir dürfen dort nicht beten, hier schon. 

Daud 
… das ist hier für uns schon eine Freiheit … 

Reinbold 
Ist es auch Ihre Heimat? Betrachten Sie Deutschland als Ihre Heimat? Oder sind Sie im Grunde genommen hier im Exil und würden eigentlich lieber wieder zurück nach Pakistan?

Daud 
Für mich persönlich ist es so, dass ich mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen bin. Natürlich habe ich Erinnerungen an das Alte. Ich bin dort aufgewachsen. Auf der anderen Seite ist Deutschland natürlich meine Heimat. Wenn ich nach Pakistan fliegen würde, dann würden die mich wie eine Ausländerin behandeln.

Wenn man in Deutschland lebt, dann integriert man sich natürlich auch. Integration ist ein sehr großes Thema, egal in welchem Land man lebt. Bei der Ahmadiyya Jamaat wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir, egal in welchem Land wir leben, die dortige Sprache lernen und uns mit der Sprache, mit diesem Kommunikationsmittel, integrieren. Es ist wichtig, gewisse Dinge in dieser Gesellschaft tun, um das Miteinander zu pflegen, damit die Menschen sich wohlfühlen in unserer Anwesenheit. Für mich ist Deutschland natürlich meine Heimat. Vor allem für meine Kinder, die hier geboren sind. Die sind nur einmal in Pakistan gewesen. Für sie ist das natürlich Ausland und Deutschland ihre Heimat. 

Majoka 
Es ist immer so: In der ersten Generation gibt es noch eine Verbindung zum Herkunftsland der Eltern. Die nächste und die übernächste Generation haben dann überhaupt keine Beziehung mehr zu diesem Land. Wenn sie sich integriert haben und nicht in geschlossenen Gesellschaften leben, dann werden sie Teil dieses neuen Landes. 

Antes 
Wobei man in diesem Fall noch dazu sagen muss: Es ist nicht erstrebenswert, als Ahmadi-Muslim nach Pakistan zurückzukehren. Frau Daud, Sie haben ja noch Glück, wenn Sie als Ausländerin behandelt werden. Dann werden Sie weniger diskriminiert, als wenn Sie pakistanische Bürgerin wären. 

Reinbold
Ich erlebe immer wieder, dass manche Migranten sehr verfassungspatriotisch deutsch sind, weil sie hier, zum Beispiel, ihre Religion frei leben können, während das in dem Land, aus sie kommen, nicht geht. Herr Majoka, Sie haben auch eine deutsche Fahne am Revers. Ist das in der Ahmadiyya eine verbreitete Haltung, dass man dankbar ist, hier leben zu können, in diesem schönen Land? 

Majoka 
Das sowieso. Man ist dankbar, dass man die Freiheit hat, seine Religion zu leben, in Moscheen zu gehen, zu bauen, als Moslem aufzutreten, Islam zu praktizieren. Diese Möglichkeit haben wir in Pakistan nicht.

Daud 
Ich möchte gern hinzufügen: In Pakistan kann man die jährlichen Versammlungen der Ahmadiyya nicht so machen wie in Deutschland oder in England. In den großen Moscheen versammeln sich die Ahmadis nicht mehr, weil sie Angst haben. Wir sind natürlich dankbar, in Deutschland Land zu leben.

Reinbold 
Dieses Land hat Sie jetzt auch in einer besonderen Weise anerkannt. Es hat den Ahmadis etwas zugesprochen, was viele andere muslimische Gruppen gern erreichen würden, nämlich die höchste juristische Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts im Bundesland Hessen. Wie sieht es aus in der innermuslimischen Debatte? Ändert diese Anerkennung Ihre Stellung in der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland?

Daud 
Auf jeden Fall. Es ist nicht nur unter den Muslimen so, sondern wir bekommen Anerkennung von Akademikern, von Politikern und so weiter. Egal, wo man ist, egal, in welchem Gespräch man ist, man wird ja darauf angesprochen, dass es die erste muslimische Gemeinschaft ist, die den Körperschaftsstatus bekommen hat. Das bringt ganz viel Anerkennung. Auf der anderen Seite schaut man in der muslimischen Gemeinschaft darauf, dass die muslimische Gemeinde, die viele gar nicht als „muslimisch“ anerkennen, dass ausgerechnet die als muslimische Gemeinde anerkannt worden ist. 

Reinbold 
Herr Majoka, ändert das etwas in den Köpfen von normalen Sunniten und Schiiten? 

Majoka 
Auf theologischer Basis nicht. Praktisch ja, und zwar insoweit, dass sie wissen, dass sie ohne den Dialog, ohne Gespräche mit der Ahmadiyya Jamaat nicht weiterkommen werden. Auf der Bundesebene haben wir mittlerweile zum Beispiel gute Kontakte zu DITIB und zu einigen anderen Verbänden, ebenso in Hessen und in einigen anderen Ländern, in Rheinland-Pfalz zum Beispiel. Aber in theologischer Hinsicht gibt es natürlich nach wie vor diese Fatwas, diese Rechtsgutachten, die besagen, dass die Ahmadis keine Muslime sind. Wir haben eine gewisse Zeit gebraucht, bis wir das überwunden und die Anerkennung bekommen haben. Andere streben sie an, bekommen sie aber nicht, entweder aus theologischen Gründen oder weil der Verfassungsschutz Einwände hat. Sie wissen, dass sie die Voraussetzungen nicht erfüllen, die die Ahmadiyya Jamaat erfüllt hat. Wir haben sogar Hilfe angeboten für andere muslimische Gemeinschaften, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz. Wir sind in jedem Fall bereit, unserem Verständnis des Islams entsprechend, allen anderen Muslimen zu helfen. Wir sehen die anderen Muslime auch als Muslime. Von uns aus soll nur Frieden, Hilfe und Unterstützung ausgehen. 

Reinbold 
Herzlichen Dank Ihnen allen für das Gespräch.

(Redaktion: Wolfgang Reinbold)