Mitschrift: Aleviten. Wer ist das denn? (Teil 1)

Zum Gespräch: Aleviten. Wer ist das denn?


Religionen im Gespräch 3, 2012

Gäste:
Melek Yildiz, Religionslehrerin, Vorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Unna
Yilmaz Kahraman, Islamwissenschaftler, Projekt „Zeichen setzen!“, Köln
Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Reinbold, Evangelisch-luth. Landeskirche Hannovers.

Herzlich Willkommen zum dritten Gespräch unserer Reihe „Religionen im Gespräch“, heute Abend mit dem Thema: „Aleviten. Wer ist das denn?“


Ich erinnere mich noch sehr genau, wann das war, dass ich zum ersten Mal von Aleviten groß in der Zeitung las. Ein Tatort war gelaufen, im Jahr 2007, „Wem Ehre gebührt“ hieß die Folge, mit Maria Furtwängler. Am nächsten Tag waren die Zeitungen voll mit Protest der Alevitischen Gemeinde Deutschlands und der Aleviten.

2007 war das, und damals hatten die wenigsten Deutschen dieses Wort je gehört: „Aleviten“. Fünf Jahre ist das her, und seither hat sich viel geändert. Wenn Sie heute die neu aufgemachte Internetseite der Alevitischen Gemeinde Deutschlands anschauen, dann finden Sie eine hoch professionell aufgemachte Seite, und auf der Titelseite steht der Satz: „Mit ca. 500.000 bis 800.000 Gläubigen bilden Alevitinnen und Aleviten die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach Christen und Muslimen“.

Wer ist diese drittgrößte Religionsgemeinschaft, deren Name viele noch nie gehört haben? Das ist die Frage, mit der wir uns heute beschäftigen wollen, und ich freue mich, dass aus Köln und Dortmund zu uns gekommen sind: Frau Melek Yildiz. Sie ist Religionslehrerin für das Fach alevitische Religion. Sie ist Ausbilderin für den alevitischen Religionsunterricht. Sie hat einen Lehrauftrag für Alevitische Religionspädagogik an der pädagogischen Hochschule Weingarten. Sie ist Mitglied im Bundesvorstand der alevitischen Gemeinde Deutschlands und dort zuständig für Wissenschaft, Forschung und Bildung. Herzlich Willkommen Frau Yildiz!

Ich begrüße Yilmaz Kahraman. Er ist studierter Islamwissenschaftler und war lange Zeit Vorsitzender des Bundes der Alevitischen Jugend in Nordrhein-Westfalen. Heute ist er Mitarbeiter bei dem Projekt „Zeichen setzen! – Für gemeinsame demokratische Werte und Toleranz bei Zuwanderinnen und Zuwanderern“, mit Sitz in Köln. Auch Ihnen herzlich Willkommen!

Sind Aleviten Muslime?

Frau Yildiz, ich möchte gleich mit den dicken Brocken beginnen. In der von Bundesinnenminister Friedrich geleiteten deutschen Islamkonferenz ist ein Vertreter der alevitischen Gemeinde dabei. In den großen Meinungsumfragen über Muslime in Deutschland werden die Aleviten unter „Muslime“ subsumiert. Und jetzt schreiben Sie auf Ihrer Homepage, sie seien die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach Christen und Muslimen. Sind Aleviten nun Muslime oder nicht?

Yildiz
Es ist schwierig, diese Frage mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten, denn es gibt im Alevitentum zwei konträre Positionen. Es gibt auf der einen Seite Aleviten, die sich als Muslime verstehen, die sich dem Islam zugehörig fühlen. Wir haben aber auch viele Aleviten, die das Alevitentum als eine eigenständige Religionsgemeinschaft auffassen. Wir sind ja seit einigen Jahren in Deutschland als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt.

Darüber hinaus müsste man natürlich nachfragen: Welchen Islam meinen Sie denn? Es gibt ja nicht den einen Islam. Wenn wir das Alevitentum mit dem sunnitischen und schiitischen Islam vergleichen, dann gibt es wesentliche Unterschiede, angefangen mit den fünf Säulen, die die Aleviten nicht kennen, ich möchte darauf jetzt nicht näher eingehen. Wichtig ist für mich: Ich möchte mich als Alevitin nicht darüber definieren, was wir nicht sind und was bei uns nicht gilt, sondern darüber, was bei uns gilt. Wir haben uns lange genug über diesen Defizitansatz vorgestellt, und auch in den Medien kursieren ja immer wieder bestimmte Floskeln und Schlagwörter wie „Aleviten, die besseren Muslime“ oder „Aleviten, die liberale Form des Islams“. Wir möchten heute den Menschen mitteilen, was das Alevitentum ist. Fakt ist, dass es kontroverse Positionen gibt bezüglich der Islamzugehörigkeit. Aber bei uns gilt auch das Kontroversitätsprinzip, das heißt: Kontroverse Meinungen werden als solche behandelt, Position und Gegenposition haben einen gleichberechtigten Anspruch auf Entfaltung. Nur so können wir mit dieser Vielfalt umgehen, bei uns zählt die Einheit in der Vielfalt.

Wir sind in einem Selbstfindungsprozess. Es ist so wichtig, dass gerade jetzt an deutschen Universitäten ein Forschungsbereich eingerichtet wird, wo wir uns mit dieser Thematik näher beschäftigen. Dort soll eruiert werden: Was ist eigentlich ursprünglich alevitisch? Was wurde von anderen indoktriniert? Was ist durch den Assimilierungsprozess hinzugekommen? Wie immer diese Fragen zu beantworten sein werden: Wir vertreten eine Lehre, in der der Mensch als eigenverantwortliches Wesen im Mittelpunkt der Lehre steht.

Reinbold
Sie sind in einem Selbstfindungsprozess, Sie halten es aus, dass die einen sagen „Wir sind Muslime“ und die anderen sagen „Wir sind es wahrscheinlich doch eher nicht“. Gibt es eine Mehrheitsmeinung, oder ist das zur Zeit eine völlig offene Debatte?

Yildiz
Wenn man Studien betrachtet wie die Studie über „Muslimisches Leben in Deutschland“, dann ist es schon so, dass ein Großteil der Aleviten sich als Muslime versteht. Aber es gibt einen beachtlichen Teil, der sich als eigenständige Religionsgemeinschaft definiert.

Reinbold
Herr Kahraman, Sie sind Islamwissenschaftler. Wo und wann und wie ist das Alevitentum entstanden? Gibt es darauf klare Antworten?
 

Wie ist das Alevitentum entstanden?

Kahraman
Das ist eine Frage, die ich jede Woche mindestens vier- bis fünfmal gestellt bekomme, insbesondere auch von den alevitischen Jugendlichen. Sie fragen mich: Wann ist das Alevitentum entstanden? Wer ist der erste Alevit?, und so weiter.

Man darf das Alevitentum nicht aus der Perspektive der abrahamitischen Religionen betrachten. Im Judentum und im Christentum und im Islam, da ist es ganz klar, da gibt es einen Propheten oder eine Person, die die Religionsgemeinschaft gegründet hat, und es gibt ein Buch. Das Alevitentum hat eine ganz andere Tradition. Es ist ein Wertesystem. Es werden Werte tradiert, die zum Teil sogar vorislamisch sind. Wenn man sich heute mit dem Alevitentum auseinandersetzt, dann findet man Tänze und Kulte, die älter als 4000 Jahre sind. Ich will damit nicht sagen, dass diese Elemente vor 4000 Jahren bereits „alevitisch“ waren. Aber es ist so, dass Aleviten viele Traditionen pflegen, darunter solche, die Parallelen zum Judentum, zum Christentum und zum Islam aufweisen.

Aleviten kommen aus Anatolien und Mesopotamien. Dort haben sehr viele Kulturen und Religionen gelebt, miteinander, nebeneinander, teilweise leider auch gegeneinander. Aleviten haben versucht, diesen Reichtum aufrechtzuerhalten. Ich möchte einen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert erwähnen. Hadschi Bektasch Weli hat in Zentralanatolien gelebt. Er stammt eigentlich aus dem Ostiran, aus dem Gebiet Chorasan. Er ist höchstwahrscheinlich vor den Mongolen nach Anatolien geflüchtet, wie ganz viele Stämme aus Chorasan. Er hat in einer Zeit gelebt, wo sehr viele Gruppen gegeneinander gekämpft haben, auch wegen religiöser Fragen. Hadschi Bektasch Weli hat den Frieden propagiert. Er hat gesagt: Was sollen eigentlich diese ganzen Unterschiede? Unser gemeinsamer Nenner ist, dass wir Menschen sind. Wir müssen miteinander und im Einvernehmen leben.

Es gibt viele Rituale und Praktiken im Alevitentum, in denen Verständigung und Brüderlichkeit im Vordergrund stehen. Da geht es nicht nur darum, dass Aleviten gut miteinander auskommen, sondern dass alle Religionsgemeinschaften gut miteinander leben. Bektasch Weli hatte ein Holzschwert bei sich. Er hat dieses Holzschwert getragen, und die Leute haben ihn gefragt: Was willst du denn mit diesem Holzschwert? Damit kannst Du doch keinen bezwingen, das ist doch keine Waffe! Er hat gesagt: Das ist ein Symbol dafür, dass ich meinen inneren Schweinehund besiege. In vielen Texten bezeichnet er die Triebseele als „inneren Schweinehund“ und sagt: Den Krieg mit sich selbst, den muss man führen.

Reinbold

Sie haben gesagt, das Alevitentum stammt aus Anatolien, aus der Osttürkei, und in ihm sind viele uralte Elemente zusammengeflossen, die man bewahrt hat. Können Sie uns ein Beispiel geben für eine solche Tradition?

Kahraman
Ein Beispiel ist die Lichtersymbolik. Sie stammt aus dem Iran, aus der zoroastrischen Lehre. Der Gegensatz von Hell / Dunkel, Gut / Böse, Tag und Nacht. Wir finden auch viele schamanistische Elemente, die dann mit den Turkstämmen nach Anatolien gekommen sind.

Reinbold
Welche Rolle spielt das Licht im Gottesdienst der alevitischen Gemeinde?

Kahraman
Die Aleviten kennen einen Mythos über die Entstehung der Welt. Da ist es so, dass Gott zunächst eine Perle schafft. Diese Perle spaltet sich dann in grünes und weißes Licht. Beim alevitischen Gottesdienst, der Cem-Zeremonie, werden Kerzen angezündet. Auch wenn wir Aleviten zu Hause beten, machen wir immer eine Kerze an. Ohne eine Kerze ist so ein Ritual nicht vorstellbar bei den Aleviten.
 

Wie läuft ein Cem-Gottesdienst ab?

Reinbold
Frau Yildiz, die wenigsten unter uns werden schon einmal einem Cem-Gottesdienst beigewohnt haben. Wie hat man sich das vorzustellen?

Yildiz
Der Cem ist die Schule des Alevitentums. Er ist eine Bildungsstätte des Lebens. Der Cem hat eine soziale, eine religiöse und eine juristische Funktion. Der Gottesdienst beginnt nicht, bevor das sogenannte „Einvernehmen“ eingeholt wurde. Der Geistliche fragt die Gemeindemitglieder, ob sie untereinander einvernehmlich sind. Wenn es Streitigkeiten oder Konflikte gibt, müssen diese vorab gelöst werden. Dann erst darf der Cem-Gottesdienst beginnen. Das heißt, es erfolgt zuerst eine innere Reinigung, und dann erst kann eine Annäherung zu Gott beginnen. Der Geistliche fragt auch die Gemeindemitglieder, ob er die Zeremonie leiten darf. Das ist sehr außergewöhnlich. Ich glaube, es gibt in keiner anderen Religion einen Geistlichen, der vor der Zeremonie fragt, ob er auch den Gottesdienst leiten darf.

Das Einvernehmen, auf Türkisch rızalık, ist ein wesentliches Element im Gottesdienst. Wir machen das auch im alevitischen Religionsunterricht. Es ist dort so, dass zu Beginn dreimal nach dem Einvernehmen gefragt wird. Dann erst darf der Unterricht beginnen. Wenn es Konflikte gibt, müssen sie vorab in Form einer Streitschlichtung gelöst werden. Erst dann darf der Unterricht beginnen.

Reinbold
Wenn ich das einmal auf meine evangelischen Verhältnisse übertragen darf: Bevor ich als Pastor irgendetwas mache, gehe ich nach vorne, begrüße die Gemeinde und sage: Heute ist der Wolfgang Reinbold dran mit der Predigt und der Leitung des Gottesdienstes. Gibt es irgendwelche Gegenstimmen? Sind wir uns alle einig, dass ich das machen soll? Und dann sagen alle „Amen“ oder etwas Ähnliches. Ist es so?

Yildiz
Genau. Als in Anatolien in den Dörfern die Cem-Zeremonien durchgeführt wurden, da wurden auch Konflikte in der Gemeinde geklärt. Wenn sich zwei auseinandersetzen, müssen sie in der Rechenschaftsposition nach vorne kommen, und dann wird versucht, den Konflikt zu schlichten. Erst dann, wenn sie miteinander einvernehmlich sind, beginnt der Gottesdienst.

Reinbold
Was ist der Kern des Gottesdienstes, seine Mitte?

Yildiz
Es ist eine Versammlung, zu der Menschen zusammen kommen. Es werden Lieder und Dichtungen mit religiösem Inhalt vorgetragen, dazu Fürbitten und Gesänge. Wir haben die sogenannten Zwölf Dienste, die während der Cem-Zeremonie absolviert werden. Es gibt unterschiedliche Arten von Cem-Zeremonien …

Kahraman
Cems haben oft ein Thema. Zum Beispiel: Aleviten feiern zwölf Tage lang das Muharram-Gedenken nach dem islamischen Kalender. Danach fängt das Jahr mit dem ersten Muharram an. Zu dieser Zeit gab es im Jahre 680 ein Massaker in Kerbela, im Irak. Der Enkel des Propheten Muhammad wurde umgebracht, nachdem er zehn Tage in der Wüste eingekesselt war. Um an diesen Märtyrer und an die zwölf heiligen Imame zu gedenken, fasten Aleviten jedes Jahr zwölf Tage. Sie verzichten auf Fleisch, um kein Lebewesen umzubringen. Sie verzichten auf Feiern. Sie versuchen, nachhaltig zu leben, solidarisieren sich mit Armen.

Danach gibt es ein Cem, das sogenannte Muharram-Cem, um an den Märtyrer Hussein zu gedenken. Da werden Klagelieder gesungen, es wird an ihn gedacht, und er wird geehrt.

Im Januar und Februar findet das sogenannte Hızır-Fest statt. Im Anschluss daran gibt es eine weitere Cem-Zeremonie, in der des heiligen Schutzpatrons Hızır gedacht wird.

Bei all dem geht es in erster Linie darum, dass die Gemeinde zusammenkommt und dass man kontrolliert – das hört sich sehr negativ an, aber ich finde kein anderes Wort dafür –, dass die Gemeinde im Einvernehmen miteinander ist. Der Priester oder die Priesterin, der bzw. die den Gottesdienst leitet, fragt die Gemeindemitglieder während des Cems: Ist jeder mit jedem im Einvernehmen? Oder gibt es Streitigkeiten in der Gemeinde?
 

Was ist ein Dede, und wie wird man Dede?

Reinbold
Wer leitet den Gottesdienst?

Kahraman
In erster Linie ist es der Priester, der so genannte Dede oder Pir. Es kann aber auch eine Ana, das heißt wörtlich übersetzt „Mutter“, den Gottesdienst leiten. In der Geschichte gab es wenige Frauen, die das gemacht haben. So hat sich durchgesetzt, dass in der Regel der männliche Dede leitet.

Reinbold
Wie wird man Dede?

Kahraman
Man muss aus einer Ordensfamilie stammen, weil diese Lehre innerhalb der Familie weitergegeben wird. Die Ordenshäuser werden bei den Aleviten als Ocak bezeichnet, das heißt eigentlich „Herd, Feuerstelle“. Das theologische Wissen wird innerhalb dieser Familien weitergegeben. Die Kinder werden in einem Ordenshaus groß, wo fast jede Woche eine Cem-Zeremonie stattfindet und wo sehr viele Laien hinkommen, um von der Lehre zu lernen oder wenn es mal einen Problemfall gibt. Frau Yildiz hat ja schon angesprochen, dass es im Cem auch eine Art Gerichtsbarkeit gibt. Meistens haben die Geistlichen die Probleme unter den Aleviten geregelt, weil man ja keinen Bezug zum Staat hatte, weder zum Osmanischen Staat während des Osmanischen Reiches noch später zur Türkischen Republik. Man hatte einfach Angst wegen der alevitischen Identität, dass man diskriminiert oder stigmatisiert wird. Erst nach den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist man zu Richtern gegangen.

Reinbold
Das heißt, wenn ich mich mit meinem Nachbarn streite über die Frage: Wo endet mein Grundstück, und wo beginnt deins? Dann kann ich diese Frage innerhalb des Cem vom Dede klären lassen?

Kahraman
Genau. Wenn es die Großen bzw. Alten im Dorf nicht regeln können, dann regelt es der Dede. Bei der Cem-Zeremonie ist es so, dass man eine Gabe mitbringt, ein Mahl, das gesegnet wird. Damit man zusammen essen und trinken kann, muss man im Vorfeld einen Konsens bilden, man muss schauen, dass man das Problem löst. Anders geht es nicht. Man kann nicht das Cem verlassen und sagen: Ich vertrage mich nicht mit dem anderen. Sonst wird man ausgeschlossen aus der Gemeinschaft.

 

Die Rolle der Frau im Alevitentum

Reinbold
Frau Yildiz, Herr Kahraman hat gesagt, der Gottesdienst kann von einem Dede oder von einer Ana, einer „Mutter“, geleitet werden. Wie ist die Rolle der Frau im Alevitentum?

Yildiz
Alevitische Geistliche können Männer oder Frauen sein. Es existiert bei uns eine Gleichberechtigung, wir differenzieren nicht nach Geschlecht. Bei uns wird der Mensch an sich wahrgenommen. Der Mensch steht im Fokus der Lehre, unabhängig von seiner ethnischen oder geschlechtlichen Identität.

Reinbold

Heißt das auch, dass man beim Cem-Gottesdienst nicht getrennt nach Männern und Frauen sitzt?

Yildiz
Nein, das ist ganz wichtig. Wenn ich einen Cem besuche, ist die Türschwelle ganz wichtig. Man soll bewusst seinen Status, sein Geschlecht außen vor lassen. Man betritt den Cem nicht als Frau oder Mann, sondern als Seele. Deswegen werden alle Seelen als gleichberechtigt betrachtet. Es steht nicht im Vordergrund, dass ich als Melek Yildiz, als Frau oder Lehrerin dorthin gehe, sondern als ein Mitglied der Gemeinde und als eine Seele.
 

„Aleviten“ – was bedeutet das?

Reinbold
Herr Kahraman, wir haben noch gar nicht über den Namen gesprochen. „Aleviten“, was bedeutet das?

Kahraman
Es gibt verschiedene Interpretationen. Eine der gängigsten Interpretationen ist, dass es Ali-Anhänger sind, also Anhänger des Schwiegersohns des Propheten Muhammad, der zugleich sein Vetter ist. Im türkischen Sprachgebrauch nennt man Juden auch musevi, „musa“ für Moses, und „mus-evi“ ist dann das „Haus des Moses“ oder die „Anhänger des Moses“. Christen nennt man entsprechend isevi, gebildet aus dem Wort „isa“, türkisch für Jesus, und „evi“, Haus, also „Jesu Haus“ oder „Jesu Anhänger“. So ist auch der Begriff Alevi gebildet, aus „Ali“ und „evi“, also die „Anhänger Alis“.

„Aleviten“ ist eine Bezeichnung, die sich erst Anfang des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Vorher nannte man sie nach der größten Gruppe oft „Kizilbasch“ (kızılbaş), wörtlich übersetzt „die Rotköpfe“, und „Bektaschi“, nach dem von Hadschi Bektasch Weli gegründeten Orden. Darüber hinaus gibt es noch kleinere Gruppen, die ihre eigene Bezeichnung haben. Im 20. Jahrhundert wurden diese Gruppen dann als „Aleviten“, „Alianhänger“ bezeichnet. Das hat sich dann durchgesetzt.
 

HakMuhammetAli – was bedeutet das?

Reinbold
Ali spielt eine besondere Rolle im Alevitentum. Ich habe in einem Text, der auf der Homepage der Alevitischen Gemeinde publiziert ist, einen Satz gelesen, den ich mal vorlesen möchte: „Aleviten glauben an eine geistige Gemeinsamkeit, die Gott, Mohammed und Ali so umfasst, dass es angemessen ist, diese Gemeinsamkeit als ‚Identität’ zu beschreiben. Diese Identität wird in der Glaubensaussage HakMuhammetAli (Gott, Muhammad, Ali) auf die kürzestmögliche Form gebracht. Hak-Muhammet-Ali werden zusammen an- und ausgesprochen und in gleicher Weise angebetet.“ Das klingt für mich als evangelischen Christen wie eine Art alevitische Dreieinigkeit. Ist das so?

Yildiz
Es erinnert an die Trinität, da haben Sie Recht. Es ist so, dass die Namen zusammen ausgesprochen werden und dass das als geistige Gemeinschaft verstanden werden kann. Man kann es aber auch als ein Werteprinzip betrachten. Hak bedeutet übersetzt „die Wahrheit“, und wir können die Formel auch ersetzen durch die Formel hak evren insan, „die Wahrheit“, „das Universum“ und dann „der Mensch“. Hier geht es einfach um diese Wechselseitigkeit und diese Gemeinschaft. Man kann das aber auch einfach so betrachten, dass es ganz viele Symbolzahlen im Alevitentum gibt. Bei uns sind die 3, die 5, die 7, die 12, die 40 wichtige Symbolzahlen. Deswegen wird auch nach dem Einvernehmen dreimal gefragt.

Reinbold
Bedeutet die Formel HakMuhammetAli, dass ich Gott über Mohammed und Ali erkenne? Wie ist der Zusammenhang?

Yildiz
Muhammad und Ali gelten aus dieser Perspektive als Licht Gottes, das das Universum seit der Schöpfung erhellt.

Kahraman
Wir müssen noch einmal auf den Entstehungsmythos der Aleviten zurückgehen. Ich hatte gesagt, dass Gott eine Perle schafft und dass diese Perle sich dann in zwei Lichter teilt. Nach alevitischer Auffassung ist ein Licht Muhammad und ein Licht Ali gewesen.

Jetzt ist natürlich die Frage, wie viel das mit dem historischen Ali und dem historischen Muhammad zu tun hat. Sind es wirklich der Kalif Muhammad und der Kalif Ali? Diese Diskussionen werden auch in den Reihen der Aleviten geführt. Es gibt viele alevitische Geistliche, für die klar ist, dass es Muhammad und Ali schon mit der Entstehung der Welt gab. Wenn ich dann sage, dass beide doch erst im 6./7. Jahrhundert gelebt haben, wird immer wieder auf den Lichtermythos zurückgegriffen. Ich interpretiere das so, dass es diesen Lichtermythos schon vor der Deutung der Lichter auf Muhammad und Ali gab. Wahrscheinlich stammt der Mythos aus dem iranischen Raum, und die ursprünglichen Namen wurden später ersetzt. „Ali“ und „Muhammad“, wie sie die Aleviten verstehen, haben mit dem historischen Muhammad und dem historischen Ali der Schiiten und der Sunniten jedenfalls wenig zu tun. Das recht zu verstehen, ist sehr kompliziert.
 

Welche Rolle spielen Koran und Sunna für Aleviten?

Reinbold
Hat all das etwas mit dem Koran zu tun und mit der Sunna, der Überlieferung der Worte des Propheten? Oder spielen Koran und Sunna keine Rolle für Aleviten?

Kahraman
Von den Hadithen (Worten des Propheten), wie sie die Sunna tradiert, halten Aleviten nicht sehr viel, sie glauben nicht daran. Die Aleviten sind der Auffassung, dass der Koran verfälscht ist.

Reinbold
Der Koran ist verfälscht?

Kahraman
Der Koran ist verfälscht. Der Meinung sind die Aleviten. Ich persönlich bin nicht der Meinung. Aber es gibt diese Meinung bei den Aleviten, dass der Koran verfälscht ist.

Nachdem Muhammad gestorben ist, gab es Streitigkeiten um die Nachfolge, wer Kalif wird. Im Arabischen heißt Kalif „Nachfolger“. Es gab Streitigkeiten, ob es Abu Bakr oder Ali sein soll. Letztendlich wurde es Abu Bakr, und nach Abu Bakr wurde es auch nicht Ali, sondern es gab zwei weitere Kalifen. Die Aleviten sind der Auffassung, dass Ali bei diesem Streit entrechtet wurde und dass der Koran in dieser Zeit verfälscht wurde. Der Koran wurde als Buch gebündelt erst nach Muhammads Tod, das sagen auch Sunniten und Schiiten. Erst mit dem dritten Kalifen Osman wurde alles, was Muhammad rezitiert hat, gebündelt. „Koran“ bedeutet ja „Rezitation“. Diese Rezitation wurde auf Felle, auf Steine und auf Holztafeln geschrieben. Der Kalif Osman hatte nach Muhammads Tod die Idee, dass man die Rezitationen in Form eines Buches zusammenbringt. Die Aleviten sind der Meinung, dass es bei dieser Bindung zur Verfälschung kam, dass Suren fehlen, dass Suren weggelassen wurden, aus politischen Gründen.

Darüber hinaus muss man sagen, dass Aleviten nicht nur den Koran ehren und als heilig anerkennen, sondern auch die Bibel und die Tora (die jüdische Bibel, insbesondere die fünf Bücher Mose). Nach alevitischem Verständnis gibt es keine Hierarchie von Religionen, von Büchern oder von Propheten, ganz im Gegenteil. Man muss jede Religion als gleichwertig ansehen, jede Religion respektieren. Aus diesem Grunde gibt es bei den Aleviten auch keine Mission. Einen Menschen für die eigene Religion zu gewinnen, passt in dieses Verständnis nicht hinein. Auch der Christ lebt mit seiner Religion, und auch seine Religion hat Wahrheit, und auch seine Religion ist gut. Es gibt nicht diese Rangstufen, dass eine Religion, ein Buch oder ein Prophet besser ist als der andere. 

Reinbold
Wie ist das: Hat ein alevitischer Haushalt eine Bibel und einen Koran im Bücherregal?

Yildiz
Vielleicht kann ich das mal aus der Unterrichtsperspektive erläutern. Interreligiosität spielt im alevitischen Religionsunterricht eine große Rolle und ist auch in den Lehrplänen verankert, sowohl im Grundschullehrplan als auch im Kernlehrplan der Sekundarstufe I. Es ist ein obligatorisches Thema. Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen werden behandelt. Da kann es durchaus sein, dass bestimmte Inhalte der Bibel, des Korans oder der Tora behandelt werden. 

Reinbold
Für das Selbstverständnis ist der Koran aber kein zentrales Buch, sondern ein Buch neben der Tora und dem Evangelium?

Yildiz
Genau. Er ist nur im Kontext der Interreligiosität auch Gegenstand des Unterrichts.

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